Passiert large

Wenn ich heute Zeit hätte…

...dann würde ich mich ja zum Thema KI auslassen.
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Jür­gen Mül­ler

…über eine Tech­no­lo­gie, von der alle reden, die die wenigs­ten ver­ste­hen, und von der aber die meis­ten wah­re Wun­der erwar­ten. Wes­we­gen das Buz­zword aktu­ell nicht feh­len darf, wo es dar­um geht, Wachs­tums­fan­ta­sien zu wecken und Pro­fi­ter­war­tun­gen zu schü­ren oder sich auch bloß als inno­va­tiv zu pro­fi­lie­ren.

…über Effi­zi­enz­stei­ge­rungs­po­ten­zia­le, die zu heben in der andau­ern­den Kon­sum­kri­se dring­lich wird: daten­ba­sier­ter Trend­re­se­arch, nach­fra­ge­ge­rech­tes Design, schnel­le­re Pro­dukt­ent­wick­lung, treff­si­che­re­re Fore­casts, bes­se­re Pla­nung, bil­li­ge­rer Con­tent, per­so­na­li­sier­te Ange­bo­te, indi­vi­du­el­le Kun­den­an­spra­che, opti­mier­te Bestands­steue­rung, auto­ma­ti­sier­te Pro­zes­se – das alles kann posi­ti­ve Effek­te nicht nur auf die Bilan­zen haben, son­dern auch ein nach­hal­ti­ge­res Wirt­schaf­ten ermög­li­chen. Jeden­falls soweit man den rie­si­gen Ener­gie­be­darf der Ser­ver­far­men außer acht lässt.

…über Pro­gram­mie­rer und IT-Spe­zia­lis­ten, die sich selbst über­flüs­sig machen. Über Ser­vice­mit­ar­bei­ter, die durch Bots sowie Lager­ar­bei­ter und Nähe­rin­nen, die durch Robo­ter ersetzt wer­den. Über KI-Assis­ten­ten, die die Arbeit von Sach­be­ar­bei­tern und Mana­gern über­neh­men. Über Models, Sty­lis­ten, Foto­gra­fen und Influen­cer, die nicht mehr gebucht wer­den. Und Medi­en wie Insta­gram, die Agen­tu­ren und Mar­ke­ting­mit­ar­bei­ter erset­zen, indem sie Kam­pa­gnen nicht nur aus­spie­len, son­dern mit KI-Hil­fe gleich selbst kon­zi­pie­ren, tes­ten und pro­du­zie­ren.

…über die unge­klär­te Fra­ge, woher Unter­neh­men künf­tig ihre Füh­rungs­kräf­te her­neh­men sol­len, wenn Ein­stei­ger­po­si­tio­nen wie im Moment gestri­chen wer­den. Wie soll Pro­blem­lö­sungs­kom­pe­tenz aus­ge­bil­det wer­den, wenn KI bereits in den Schu­len ein­ge­setzt wird, statt Kin­dern selbst­stän­di­ges Den­ken bei­zu­brin­gen und Wis­sen zu ver­mit­teln? Ist KI, wie Max Muth es neu­lich in der SZ for­mu­liert hat, womög­lich „ein gigan­ti­sches Dequa­li­fi­zie­rungs­pro­jekt (der Tech-Kon­zer­ne), das zuerst das Wis­sen der Mensch­heit ein­mal raub­ko­piert, um die Mensch­heit danach zu ver­dum­men und anschlie­ßend aus­zu­beu­ten“?

…über Kom­mu­ni­ka­ti­ons­platt­for­men wie Lin­ke­dIn, die mitt­ler­wei­le von KI-gene­rier­ten Tex­ten zu Per­so­nal Bran­ding- oder Akqui­se­zwe­cken geflu­tet wer­den. Slop, der wahr­schein­lich weni­ger gele­sen als gelikt wird, wes­halb sich die Autoren mal bes­ser nichts auf ihre „Gedan­ken“ ein­bil­den soll­ten. Bla­bla, das– sofern es über­haupt zu einem Lead führt – im real life viel­fach und im wahrs­ten Sin­ne des Wor­tes zu Ent­täu­schun­gen füh­ren wird. War­um soll­te das in Lin­ke­dIn anders sein als auf Tin­der?

… über eine Tech­no­lo­gie, die ins­be­son­de­re den Online Retail­ern wei­te­re Wett­be­werbs­vor­tei­le gegen­über den Sta­tio­nä­ren brin­gen kann. Zugleich wer­den die Spiel­re­geln und Mecha­nis­men im E‑Commerce neu defi­niert. Was eine Gefahr für die eta­blier­ten Play­er auf die­sem Feld ist und mit Sicher­heit uner­war­te­te neue Kon­kur­renz und damit Chan­cen für klei­ne Unter­neh­men und Start-ups birgt.

…über Mar­ken, die nicht nur ein Image, son­dern, wie Ste­fan Wen­zel sagt, künf­tig auch eine maschi­nel­le Iden­ti­tät brau­chen, um von KI-Agen­ten gefun­den zu wer­den. Mit Agen­tic Com­mer­ce ent­steht eine gna­den­los ratio­na­le und daten­ba­sier­te Kon­kur­renz, was zugleich die Not­wen­dig­keit ver­stärkt, noch mehr als bis­her die eige­ne Mar­ke zu pro­fi­lie­ren. Die­ses Bran­ding geschieht bekannt­lich nicht nur im digi­ta­len Raum.

…über die para­do­xe Vor­stel­lung, dass KI-gene­rier­te Ange­bo­te künf­tig von KI-Agen­ten – und nicht mehr von Men­schen – geshop­pt wer­den. Daten­ge­trie­be­ne Digi­talos trei­ben die­se Idee vor allem des­we­gen vor­an, weil sie es kön­nen. Was indes die Fra­ge igno­riert, ob die Kon­su­men­ten einen Ein­kaufs­as­sis­ten­ten über­haupt wol­len, und wenn ja, wofür, und die ver­kennt, dass Ver­kau­fen gera­de in gesät­tig­ten Märk­ten weni­ger über die Ratio als über Emo­tio­nen, Inspi­ra­ti­on und Erleb­nis­se funk­tio­niert. Wor­in wie­der­um eine Chan­ce für gut gemach­te sta­tio­nä­re Geschäf­te liegt. Und die Fra­ge auf­wirft, ob wir neben künst­li­cher Intel­li­genz nicht vor allem mehr künst­le­ri­sche Intel­li­genz brau­chen.

Aber ich habe heu­te lei­der kei­ne Zeit….