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Krise der Warenhäuser, die Nächste

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Jür­gen Mül­ler

"Die Kri­se der Waren­häu­ser" ist der ewi­ge Wie­der­gän­ger des deut­schen Wirt­schafts­jour­na­lis­mus. Seit Jahr­zehn­ten beglei­ten die Medi­en den Nie­der­gang der Alles-unter-einem-Dach-For­ma­te. Und die­ser Nie­der­gang hat ja auch statt­ge­fun­den. Mit­te der 90er Jah­re gab es hier­zu­lan­de fast 500 Waren­häu­ser. Heu­te betreibt Gale­ria noch 83 Filia­len. Hor­ten, Her­tie, Kauf­hof, Kar­stadt – die gro­ßen Namen, die hier­zu­lan­de des Stadt­bild präg­ten, als Fried­rich Merz noch nichts dar­an aus­zu­set­zen fand – sie sind alle ver­schwun­den bzw. in Gale­ria auf­ge­gan­gen. An Quel­le oder Kauf­ring, die ja eben­falls in die­sem Betriebs­typ unter­wegs waren, erin­nern sich nur noch his­to­risch inter­es­sier­te Boo­mer.

Natür­lich hing die­ser Nie­der­gang mit einem ver­än­der­ten Wett­be­werb zusam­men: Mit dem Auf­stieg der kom­pe­ten­te­ren Cate­go­ry Kil­ler. Mit der Aus­brei­tung der bil­li­ge­ren Dis­coun­ter und effi­zi­en­te­ren Ver­ti­ka­len. Mit dem Sie­ges­zug von Ama­zon und sei­nem unschlag­bar brei­ten, preis­güns­ti­gen und bequem ver­füg­ba­ren Ange­bot. Soweit, so bekannt.

Von „der Kri­se der Waren­häu­ser“ zu spre­chen war trotz­dem stets zu pau­schal. Ein Breu­nin­ger zeigt, dass man in Deutsch­land sehr wohl ein Depart­ment Store-Busi­ness betrei­ben kann. Und was sind ein Engel­horn, ein L&T, ein Lef­fers oder ein Gar­ham­mer ande­res als breit auf­ge­stell­te Life­style-Kauf­häu­ser?

Die Kri­se der Waren­häu­ser war des­we­gen zual­ler­erst die Kri­se von Kar­stadt & Co. Die­se hat­te neben den struk­tu­rel­len Markt­ver­än­de­run­gen vor allem haus­ge­mach­te Ursa­chen, die im Ein­zel­nen auf­zu­zäh­len ich uns hier erspa­re. Unter­schied­li­che Inter­es­sen der diver­sen Stake­hol­der und kom­ple­xe, ver­än­de­rungs­re­sis­ten­te Orga­ni­sa­tio­nen haben not­wen­di­ge Anpas­sun­gen jeden­falls ver­hin­dert und den Nie­der­gang damit mit­ver­ur­sacht.

Nach­dem Gale­ria sich mit der Insol­venz 2024 neu auf­ge­stellt hat, scheint nun das nächs­te Kri­sen-Kapi­tel auf­ge­schla­gen zu wer­den. Man liest von einem drei­stel­li­gen Mil­lio­nen-Umsatz­mi­nus im ers­ten Geschäfts­halb­jahr, aus­blei­ben­den Miet­zah­lun­gen und acht Häu­sern, die zur Dis­po­si­ti­on ste­hen. Am Mitt­woch ver­kün­de­te man die Frei­ga­be einer 10 Mil­lio­nen-Zwi­schen­fi­nan­zie­rung durch Min­der­heits­ge­sell­schaf­ter Bain. "Die Liqui­di­täts­la­ge zeigt har­te Schwan­kun­gen", bestä­tig­te Gale­ria-Geschäfts­füh­rer Tilo Hel­len­bock gegen­über dem Han­dels­blatt.

Am Ende wird es darauf ankommen, dass die Konzepte der neuen Eigentümer und des Managements greifen.

Gale­ria ist zur­zeit nicht der ein­zi­ge Ein­zel­händ­ler, der unter der aktu­el­len Kon­sum­zu­rück­hal­tung lei­det. Die Markt­ent­wick­lung ließ dem über die Jah­re gründ­lich ent­bein­ten Unter­neh­men zugleich kaum eine Chan­ce, Resi­li­enz auf­zu­bau­en. So rau­nen man­che Kom­men­ta­to­ren bereits von der nächs­ten Insol­venz. Vor­sichts­hal­ber stets mit einem schein­hei­li­gen Fra­ge­zei­chen in der Head­line. Nach­dem das Unter­neh­men sich seit 2020 bereits drei­mal auf Kos­ten von Lie­fe­ran­ten, Mit­ar­bei­tern, Ver­mie­tern und Steu­er­zah­lern ent­schul­det hat, dürf­te das Ver­ständ­nis für mög­li­cher­wei­se not­wen­di­ge neue Ret­tungs­ak­tio­nen eher gering aus­ge­prägt sein und statt­des­sen Rufe nach einem Schluss­strich lau­ter wer­den.

Wer wei­ter­denkt, kann sich das nicht wün­schen. An Gale­ria hän­gen immer noch 12.000 Mit­ar­bei­ten­de mit ihren Fami­li­en. Für nicht weni­ge Mar­ken­lie­fe­ran­ten, ins­be­son­de­re in Cate­go­ries wie Wäsche, Strümp­fe, Haus­tex­ti­li­en, Haus­halts­wa­ren, GPK oder Spiel­wa­ren ist Gale­ria der wich­tigs­te und manch­mal ein­zi­ge Zugang zu den Innen­städ­ten. Dort sind die Waren­häu­ser nicht mehr der Fre­quenz­brin­ger von frü­her, aber sie bie­ten doch noch Anlass für Kun­den, die Stadt zu besu­chen, wovon auch die ande­ren Kauf­leu­te und Gas­tro­no­men vor Ort pro­fi­tie­ren. Gleich­zei­tig ist ein leer­ste­hen­des Haus Gift für jede Fuß­gän­ger­zo­ne.

Alles bekann­te, viel­fach wie­der­hol­te Argu­men­te, die trotz­dem nicht falsch sind. Sie ber­gen auch ein gewis­ses Erpres­sungs­po­ten­zi­al, wie man am Bei­spiel der aktu­el­len Mie­ten­stun­dung sehen kann. Am Ende wird es dar­auf ankom­men, dass die Kon­zep­te der neu­en Eigen­tü­mer und des Manage­ments grei­fen. Dann lohnt sich jede Zwi­schen­fi­nan­zie­rung. Die gro­ße Fra­ge ist, ob der Markt Gale­ria aus­rei­chend Zeit lässt.

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