
"Die Krise der Warenhäuser" ist der ewige Wiedergänger des deutschen Wirtschaftsjournalismus. Seit Jahrzehnten begleiten die Medien den Niedergang der Alles-unter-einem-Dach-Formate. Und dieser Niedergang hat ja auch stattgefunden. Mitte der 90er Jahre gab es hierzulande fast 500 Warenhäuser. Heute betreibt Galeria noch 83 Filialen. Horten, Hertie, Kaufhof, Karstadt – die großen Namen, die hierzulande des Stadtbild prägten, als Friedrich Merz noch nichts daran auszusetzen fand – sie sind alle verschwunden bzw. in Galeria aufgegangen. An Quelle oder Kaufring, die ja ebenfalls in diesem Betriebstyp unterwegs waren, erinnern sich nur noch historisch interessierte Boomer.
Natürlich hing dieser Niedergang mit einem veränderten Wettbewerb zusammen: Mit dem Aufstieg der kompetenteren Category Killer. Mit der Ausbreitung der billigeren Discounter und effizienteren Vertikalen. Mit dem Siegeszug von Amazon und seinem unschlagbar breiten, preisgünstigen und bequem verfügbaren Angebot. Soweit, so bekannt.
Von „der Krise der Warenhäuser“ zu sprechen war trotzdem stets zu pauschal. Ein Breuninger zeigt, dass man in Deutschland sehr wohl ein Department Store-Business betreiben kann. Und was sind ein Engelhorn, ein L&T, ein Leffers oder ein Garhammer anderes als breit aufgestellte Lifestyle-Kaufhäuser?
Die Krise der Warenhäuser war deswegen zuallererst die Krise von Karstadt & Co. Diese hatte neben den strukturellen Marktveränderungen vor allem hausgemachte Ursachen, die im Einzelnen aufzuzählen ich uns hier erspare. Unterschiedliche Interessen der diversen Stakeholder und komplexe, veränderungsresistente Organisationen haben notwendige Anpassungen jedenfalls verhindert und den Niedergang damit mitverursacht.
Nachdem Galeria sich mit der Insolvenz 2024 neu aufgestellt hat, scheint nun das nächste Krisen-Kapitel aufgeschlagen zu werden. Man liest von einem dreistelligen Millionen-Umsatzminus im ersten Geschäftshalbjahr, ausbleibenden Mietzahlungen und acht Häusern, die zur Disposition stehen. Am Mittwoch verkündete man die Freigabe einer 10 Millionen-Zwischenfinanzierung durch Minderheitsgesellschafter Bain. "Die Liquiditätslage zeigt harte Schwankungen", bestätigte Galeria-Geschäftsführer Tilo Hellenbock gegenüber dem Handelsblatt.
Am Ende wird es darauf ankommen, dass die Konzepte der neuen Eigentümer und des Managements greifen.
Galeria ist zurzeit nicht der einzige Einzelhändler, der unter der aktuellen Konsumzurückhaltung leidet. Die Marktentwicklung ließ dem über die Jahre gründlich entbeinten Unternehmen zugleich kaum eine Chance, Resilienz aufzubauen. So raunen manche Kommentatoren bereits von der nächsten Insolvenz. Vorsichtshalber stets mit einem scheinheiligen Fragezeichen in der Headline. Nachdem das Unternehmen sich seit 2020 bereits dreimal auf Kosten von Lieferanten, Mitarbeitern, Vermietern und Steuerzahlern entschuldet hat, dürfte das Verständnis für möglicherweise notwendige neue Rettungsaktionen eher gering ausgeprägt sein und stattdessen Rufe nach einem Schlussstrich lauter werden.
Wer weiterdenkt, kann sich das nicht wünschen. An Galeria hängen immer noch 12.000 Mitarbeitende mit ihren Familien. Für nicht wenige Markenlieferanten, insbesondere in Categories wie Wäsche, Strümpfe, Haustextilien, Haushaltswaren, GPK oder Spielwaren ist Galeria der wichtigste und manchmal einzige Zugang zu den Innenstädten. Dort sind die Warenhäuser nicht mehr der Frequenzbringer von früher, aber sie bieten doch noch Anlass für Kunden, die Stadt zu besuchen, wovon auch die anderen Kaufleute und Gastronomen vor Ort profitieren. Gleichzeitig ist ein leerstehendes Haus Gift für jede Fußgängerzone.
Alles bekannte, vielfach wiederholte Argumente, die trotzdem nicht falsch sind. Sie bergen auch ein gewisses Erpressungspotenzial, wie man am Beispiel der aktuellen Mietenstundung sehen kann. Am Ende wird es darauf ankommen, dass die Konzepte der neuen Eigentümer und des Managements greifen. Dann lohnt sich jede Zwischenfinanzierung. Die große Frage ist, ob der Markt Galeria ausreichend Zeit lässt.