Sw book

Kennt die KI Ihre Marke?

Was passiert mit Sichtbarkeit und Entscheidungsmacht, wenn Google sein eigenes Produkt von der Linkliste zur KI-Antwort umbaut? Und was bedeutet es für eine Marke, wenn die Maschine sie nicht kennt? Stefan Wenzel hat Antworten. Teil 1 der profashionals-Serie „Agentic Commerce – was der Handel jetzt wissen muss"
Stefan wenzel
Ste­fan Wen­zel

Machen Sie ein Expe­ri­ment. Öff­nen Sie heu­te Abend ChatGPT, Gemi­ni oder Per­ple­xi­ty und stel­len Sie eine der fol­gen­den Fra­gen: „Ich suche ein hoch­wer­ti­ges Lei­nensak­ko für den Som­mer. Mein Bud­get beträgt maxi­mal 300 Euro.” Oder: „Wel­che deut­schen Mar­ken machen gute Som­mer­klei­der aus Natur­ma­te­ria­li­en?” Oder: „Ich brau­che ein Out­fit für eine Hoch­zeit im Juni: som­mer­lich, ele­gant, kein Fast Fashion.“

Wer­den Sie ange­zeigt? Wahr­schein­lich nicht. Damit haben Sie eine Infor­ma­ti­on, die Ihnen Ihr Mar­ke­ting­re­port nicht lie­fert: Sie wis­sen jetzt, ob Ihr Unter­neh­men eine maschi­nel­le Iden­ti­tät hat. Die meis­ten Mode­händ­ler und ‑mar­ken in Deutsch­land haben kei­ne.

Die Suche im Web hat sich ver­än­dert – lei­se, aber dras­tisch. Um die­se Ver­schie­bung zu sehen, muss man gar nicht weit in die Zukunft schau­en. Sie pas­siert gera­de. Und sie fin­det dort statt, wo der Han­del seit 25 Jah­ren sei­nen Traf­fic gene­riert: bei Goog­le. Goog­le hält rund 90 Pro­zent des welt­wei­ten Such­markts. In Euro­pa liegt der Wert knapp dar­un­ter. Die Fra­ge ist nicht, ob Goog­le sei­ne domi­nan­te Stel­lung behält. Die Fra­ge ist, was Goog­le mit sei­nem eige­nen Pro­dukt gera­de macht.

Google.de ist nicht mehr das Google.de mit den unzäh­li­gen blau­en Links. Im Ein­ga­be­feld und in der Haupt­na­vi­ga­ti­on gibt es bereits die neue Suche „KI-Modus“ und im obe­ren Teil der alten Ergeb­nis­sei­te brei­ten sich zuneh­mend KI-gene­rier­te Ant­wor­ten – Goo­gles „AI Over­views“ – aus. Wie häu­fig die­se erschei­nen, hängt von Kate­go­rie und Such­typ ab. Die Mes­sun­gen gehen je nach Metho­dik aus­ein­an­der: Sem­rush misst rund 16 Pro­zent aller Desk­top-Suchen in den USA, Ahrefs kommt auf gut 20 Pro­zent und Brigh­tEdge auf knapp 50 Pro­zent der von ihnen getrack­ten Anfra­gen. Die Band­brei­te ist groß, die Rich­tung jedoch ein­deu­tig: Es wer­den mehr. Dabei sind Shop­ping-Suchen bis­lang sel­te­ner betrof­fen als infor­ma­tio­nel­le Anfra­gen. Aber genau die­se infor­ma­ti­ven Recher­che­an­fra­gen – „Wel­che Mar­ke macht gute Lei­nens­ak­kos?”, „Wor­auf ach­te ich bei Som­mer­schu­hen aus Leder?” – sind die, mit denen Kauf­ent­schei­dun­gen begin­nen.

Und je bes­ser die­se Ant­wor­ten sind, des­to weni­ger kli­cken die Nut­zer auf die Links dar­un­ter. Laut Ana­ly­sen von Ahrefs und Seer Inter­ac­ti­ve sinkt die orga­ni­sche Klick­ra­te um rund 60 Pro­zent, wenn ein AI-Over­view ange­zeigt wird. Ins­ge­samt enden laut SparkT­oro und Sem­rush bereits knapp 60 Pro­zent aller Goog­le-Such­an­fra­gen ohne einen ein­zi­gen exter­nen Klick; auf Mobil­ge­rä­ten ist der Anteil noch deut­lich höher. Nicht, weil die Nut­zer weni­ger suchen. Son­dern weil sie die Ant­wort bereits auf Goog­le erhal­ten.

Par­al­lel dazu wächst die Nut­zung eigen­stän­di­ger KI-Sys­te­me. So mel­det etwa ChatGPT 900 Mil­lio­nen wöchent­lich akti­ve Nut­zer und 50 Mil­lio­nen Shop­ping-Anfra­gen pro Tag. Goo­gles eige­nes KI-Modell Gemi­ni kommt auf 750 Mil­lio­nen monat­lich akti­ve Nut­zer. Per­ple­xi­ty ver­sucht sich als KI-nati­ve Such­ma­schi­ne zu eta­blie­ren.

Das sind zwar beein­dru­cken­de Zah­len, doch der Ver­gleich rela­ti­viert sie: Goog­le ver­ar­bei­tet geschätzt sechs Bil­lio­nen Such­an­fra­gen pro Jahr. Das sind mehr als 16 Mil­li­ar­den pro Tag. Bei aller Dyna­mik spielt ChatGPT (noch) in einer ver­gleichs­wei­se klei­nen Grö­ßen­li­ga. Die neu­en KI-Platt­for­men sind (noch) nicht das Haupt­pro­blem für den Han­del. Das aktu­el­le Haupt­pro­blem ist, dass der 90-pro­zen­ti­ge Platz­hirsch Goog­le sein Pro­dukt selbst von der orga­ni­schen Link­lis­te zur kura­tier­ten KI-Ant­wort umbaut. Und mit jeder Ver­bes­se­rung die­ser Ant­wor­ten sinkt der Anteil der Nut­zer, die jen­seits von bezahl­ter Wer­bung noch auf einen Link kli­cken.

Von der Sortierung zur Kuratierung

Die Ver­schie­bung ist nicht nur quan­ti­ta­tiv. Sie ist auch qua­li­ta­tiv. Und genau das unter­schät­zen die meis­ten. Wer bei Goog­le nach „Lei­nensak­ko Her­ren Som­mer” sucht, erhält eine gefühlt end­lo­se Lis­te mit Anbie­tern. Mar­ke A ist güns­ti­ger, Händ­ler B hat Bestand und Mar­ke C hat die bes­se­ren Bewer­tun­gen. Der Nut­zer sah, ver­glich und wähl­te. Goog­le erhöh­te die Trans­pa­renz, ergänz­te das Ergeb­nis um bezahl­te Plat­zie­run­gen und ließ die Ent­schei­dung beim Nut­zer.

KI-Sys­te­me funk­tio­nie­ren ganz anders. Sie sor­tie­ren nicht, sie fil­tern vor. Sie prä­sen­tie­ren nicht hun­dert Optio­nen, son­dern eine hart kura­tier­te Ant­wort. Der Unter­schied ist bild­haft: Die alte Suche war ein Biblio­the­kar, der – neben Wer­be­flä­chen – auf ein Regal mit pas­sen­den Büchern zeig­te. Die neue KI-Suche ist ein Per­so­nal Shop­per, der ein Pro­dukt her­ein­trägt und sagt: „Das hier passt zu dir.“

Damit ver­schiebt sich nicht nur die Sicht­bar­keit, son­dern auch die Ent­schei­dungs­macht. Bis­her hat­te der Händ­ler zwi­schen Sicht­bar­keit und Kauf­ent­schei­dung noch Raum, um zu über­zeu­gen: bes­se­re Bil­der, stär­ke­re Tex­te, Rabat­te und Pro­mo­ti­ons, Cross-Sel­ling, Up-Sel­ling. Das setzt jedoch vor­aus, dass die Kun­din die eige­ne Sei­te oder den Store besucht. Wenn die KI-Ant­wort den Besuch vor­weg­nimmt, weil sie die Recher­che bereits erle­digt hat und nur noch einen oder zwei Anbie­ter nennt, ent­fällt die­ser Raum. Sicht­bar­keit und Ent­schei­dung wer­den gleich­zei­tig getrof­fen. Nicht irgend­wann. Jetzt.

Und es gibt kei­ne zwei­te Sei­te. Wer nicht Teil der Ant­wort ist, exis­tiert nicht.

Zwei Identitäten, ein blinder Fleck

Jede Mar­ke und jeder Händ­ler hat somit zwei Exis­ten­zen. Die ers­te ist die bekann­te: Schau­fens­ter, Kam­pa­gne, Insta­gram-Reel, das Gefühl beim Betre­ten des Ladens, der Griff zum Stoff, die Bera­tung. Das ist die mensch­li­che Iden­ti­tät. Dar­an arbei­ten Mar­ken – mit unter­schied­li­chem Talent und Erfolg – seit Jahr­zehn­ten.

Die zwei­te Exis­tenz ist die maschi­nel­le Iden­ti­tät: das Bild, das KI-Sys­te­me von einer Mar­ke oder einem Händ­ler haben. Die­ses Bild ent­steht nicht durch Kam­pa­gnen oder Schau­fens­ter­de­ko­ra­tio­nen. Es ent­steht aus den Infor­ma­tio­nen, die KI-Sys­te­me im Netz über eine Mar­ke fin­den: struk­tu­rier­te Pro­dukt­da­ten, Bewer­tun­gen, Test­be­rich­te, Foren­ein­trä­ge und maschi­nen­les­ba­re Attri­bu­te. Kei­ne Emo­tio­nen. Daten.

Ein Bei­spiel macht den blin­den Fleck greif­bar. Neh­men wir ein Lei­nensak­ko. Die mensch­li­che Iden­ti­tät der Mar­ke, die es her­stellt, ist makel­los: schö­ne Kam­pa­gnen­bil­der, ein über­zeu­gen­der Insta­gram-Auf­tritt und ein Laden in der Innen­stadt, in dem man den Stoff anfas­sen kann. Die Ver­käu­fe­rin weiß, dass der Schnitt etwas wei­ter aus­fällt, dass der Stoff nach drei Wäschen wei­cher wird und dass das Sak­ko sowohl zur Hoch­zeit als auch im Büro getra­gen wer­den kann.

Und nun die maschi­nel­le Iden­ti­tät des­sel­ben Sak­kos. Im Web­shop steht ledig­lich: „Lei­nensak­ko, Far­be Navy, 289 Euro.“ Es gibt kei­ne Mate­ri­al­zu­sam­men­set­zung als struk­tu­rier­tes Attri­but. Es gibt kei­ne maschi­nen­les­ba­ren (und zur Abwechs­lung kor­rek­ten) Grö­ßen­an­ga­ben und auch kei­nen Pass­form­hin­weis. Es gibt kei­ne Anga­be zu Anlass oder Nut­zungs­kon­text. Es gibt kei­ne maschi­nen­les­ba­ren Pfle­ge­hin­wei­se. Es gibt kei­ne veri­fi­zier­ba­ren Bewer­tun­gen mit Meta­da­ten.

Wenn ein KI-Sys­tem die Fra­ge „Wel­ches Lei­nensak­ko eig­net sich für eine Som­mer­hoch­zeit mit beque­mem Schnitt unter 300 Euro?” beant­wor­tet, dann ent­hält die Ant­wort die­ses Sak­ko sicher nicht. Nicht, weil es ein schlech­tes Sak­ko ist. Son­dern weil die Maschi­ne die ent­schei­den­den Infor­ma­tio­nen und Eigen­schaf­ten nicht fin­den kann. Die mensch­li­che Iden­ti­tät hin­ter dem Sak­ko ist stark, die maschi­nel­le exis­tiert nicht.

Das ist der blin­de Fleck. Die meis­ten Mode­händ­ler und ‑mar­ken haben über Jahr­zehn­te hin­weg mit unter­schied­li­chem Erfolg in ihre mensch­li­che Iden­ti­tät inves­tiert. In ihre maschi­nel­le Iden­ti­tät hin­ge­gen wenig bis nichts. Und genau die­se Iden­ti­tät ent­schei­det bereits heu­te mit dar­über, ob es über­haupt zum mensch­li­chen Kon­takt kommt. Die KI gibt Emp­feh­lun­gen ab, noch bevor die Kun­din das Schau­fens­ter sieht.

Die gute Nach­richt ist: Was eine Ver­käu­fe­rin über ein Sak­ko weiß – Pass­form, Anlass, Pfle­ge, Tra­ge­ge­fühl –, das sind genau die Infor­ma­tio­nen, die auch ein KI-Sys­tem benö­tigt. Sie exis­tie­ren bereits. Sie sind nur nicht dort, wo die Maschi­ne sie fin­det. Das zu ändern, ist kei­ne Rake­ten­wis­sen­schaft. Es ist Fleiß­ar­beit. Aber es ist Fleiß­ar­beit, die dar­über ent­schei­det, ob eine Mar­ke oder ein Händ­ler in den Such­ergeb­nis­sen sicht­bar bleibt oder nicht.

Was das für Markenarbeit bedeutet

Die Auf­ga­be von Mode­händ­lern und ‑mar­ken ver­schiebt sich. Der gewohn­te Werk­zeug­kas­ten – bestehend aus Kam­pa­gnen, Akti­vie­rung, Per­for­mance-Mar­ke­ting und Con­ver­si­on-Opti­mie­rung – wirkt auf den Kauf­mo­ment. Auf den Moment also, in dem die Kun­din bereits im Shop oder im Laden ist. In einer Welt, in der die Vor­auswahl zuneh­mend durch KI-Sys­te­me getrof­fen wird, ist die­ser Moment jedoch bereits vor­ent­schie­den.

Die neue Fra­ge lau­tet daher nicht: „Wie kon­ver­tie­re ich Besu­cher?” Son­dern: Bin ich über­haupt Teil der Ant­wort, die KI-Sys­te­me heu­te auf rele­van­te Kauf­ab­sich­ten geben?” Das ist, para­do­xer­wei­se, die Rück­kehr der klas­si­schen Mar­ken­dis­zi­plin. Mar­ken­ar­beit war schon immer die Arbeit an tief ver­an­ker­ter Rele­vanz und Bekannt­heit und nicht am letz­ten Klick. Dies ist in der Per­for­mance-Ära mit ihrer Fixie­rung auf Attri­bu­ti­on und pseu­do­prä­zi­sem ROI fast in Ver­ges­sen­heit gera­ten. Jetzt wird die Mar­ke wie­der zur stra­te­gisch wich­tigs­ten Inves­ti­ti­on. Aber erwei­tert. Ihre Rele­vanz muss auch maschi­nen­les­bar sein.

Was ein Mensch als Mar­ken­prä­fe­renz emp­fin­det – „die machen gute Sachen“ –, muss in struk­tu­rier­ter Form vor­lie­gen, damit ein KI-Sys­tem es in sei­ne Ant­wort auf­neh­men kann. Zer­ti­fi­zie­run­gen müs­sen veri­fi­zier­ba­re Attri­bu­te sein, kei­ne Sto­rytel­ling-Tex­te auf der „About“-Seite. Qua­li­täts­si­gna­le müs­sen als maschi­nen­les­ba­re Daten­punk­te vor­lie­gen, nicht als Cla­im in einer Kam­pa­gne. Repu­ta­ti­on, also Bewer­tun­gen, Test­ergeb­nis­se und Rück­sen­de­quo­ten, zählt als har­ter Daten­punkt, nicht als wei­ches Bauch­ge­fühl.

Emo­tio­na­le Mar­ken­ar­beit für Men­schen und struk­tu­rier­te Mar­ken­ar­beit für Maschi­nen müs­sen par­al­lel lau­fen. Die inspi­rie­rends­te Kam­pa­gne nützt nichts, wenn die KI die Mar­ke nicht kennt. Die sau­bers­ten Daten nüt­zen nichts, wenn kein Mensch die Mar­ke oder den Händ­ler will.

Ein Experiment als Anfang

Was tun? Begin­nen Sie mit dem Expe­ri­ment am Anfang die­ses Tex­tes. Stel­len Sie den gro­ßen KI-Sys­te­men ChatGPT, Gemi­ni, Clau­de und Per­ple­xi­ty zehn Fra­gen, die Ihre Kun­den stel­len wür­den. Pro­to­kol­lie­ren Sie, ob Sie auf­tau­chen. Pro­to­kol­lie­ren Sie auch, wer statt­des­sen genannt wird.

Das Ergeb­nis ist Ihre ers­te Mes­sung einer Metrik, die in kei­nem Ihrer Mar­ke­ting­re­ports steht, die aber zuneh­mend dar­über ent­schei­det, wer Kun­den gewinnt: Share of Ans­wer. Wie häu­fig ist eine Mar­ke oder ein Händ­ler Teil der Ant­wort, die ein KI-Sys­tem gibt?

Was nicht Teil der Ant­wort ist, fin­det in die­sem Teil der Zukunft nicht statt.

Sw bookSte­fan Wen­zel ist seit mehr als 25 Jah­ren im digi­ta­len Han­del und einer der pro­fi­lier­tes­ten Köp­fe der Bran­che. Sei­ne Vita beinhal­tet unter ande­rem Sta­tio­nen als Geschäfts­füh­rer für Unter­neh­men wie Ebay, brands4friends, Otto, Mexx und Tom Tail­or Digi­tal. Heu­te unter­stützt Ste­fan Wen­zel Fir­men als Frac­tion­al Exe­cu­ti­ve, Bei­rat und Advi­sor, er ist zudem Key­note Spea­k­er, Autor und Pod­cast-Host. Mehr Infor­ma­tio­nen unter stefanwenzel.com  

Die­ser Text ist der ers­te von drei Tei­len, in denen Ste­fan Kern­the­sen aus sei­nem neu­en Buch „Agen­tic Com­mer­ce – Wie KI-Agen­ten den Han­del neu struk­tu­rie­ren und wer künf­tig ent­schei­det" für pro­fa­shio­nals auf­be­rei­tet. Mehr zum Buch gibt es hier.

Bei­trä­ge von Ste­fan Wen­zel

Schlagworte: