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Der Job, für den Millionen Mädchen töten würden?

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Jür­gen Mül­ler

'Der Teu­fel trägt Pra­da' ist kein Doku­men­tar­film und auch kein Bio­pic, selbst wenn die Ähn­lich­kei­ten zwi­schen den Prot­ago­nis­ten und leben­den Per­so­nen nicht zufäl­lig und durch­aus beab­sich­tigt sind. So erlaubt sich Teil 2 ein Hap­py End, wo es in der Rea­li­tät der Mode­me­di­en defi­ni­tiv anders aus­geht.

Im Film wird der durch­ge­knall­te, an Ama­zon-Grün­der Jeff Bezos ange­lehn­te Tech-Olig­arch – Ach­tung: Spoi­ler – im letz­ten Moment aus­ge­boo­tet. Im wah­ren Leben muss sich der Teu­fel dage­gen Satan beu­gen. So hat Anna Win­tour das Ehe­paar Bezos zu Ehren­vor­sit­zen­den der heu­te Abend statt­fin­den­den Met Gala ernannt. Wer weiß schon, ob die ehe­ma­li­ge Vogue-Chef­re­dak­teu­rin, die seit 1995 mit stren­ger Hand die Gäs­te­lis­te kura­tiert, die bei­den Frisch­ver­hei­ra­te­ten wirk­lich als "kul­tu­rell rele­vant" ansieht – was angeb­lich das Ein­lass­kri­te­ri­um für das gla­mou­rö­ses­te Event des Pla­ne­ten sein soll. Aber wer zahlt, schafft halt an.

Anders als in Teil 1 ist das Maga­zin Run­way nicht mehr der groß­ar­ti­ge Job, für den Mil­lio­nen Mäd­chen töten wür­den. Son­dern die Medi­en­kri­se hat das Maga­zin voll erfasst und zum Büt­tel der Anzei­gen­kun­den gemacht. Die­se Abhän­gig­keit gibt es seit jeher, nur dass die Bud­gets es frü­her erlaub­ten, ver­schwen­de­risch zu pro­du­zie­ren und den gla­mou­rö­sen Anschein zu wah­ren.

Wer erfah­ren möch­te, wie sich der Jour­na­lis­mus – und irgend­wie sind Mode­re­dak­teu­re ja auch die­sem Metier zuzu­rech­nen – ver­än­dert hat, soll­te vor 'Der Teu­fel trägt Pra­da 2' Alan J. Paku­las 'Die Unbe­stech­li­chen' anschau­en. Mit Robert Red­ford als Bob Wood­ward und Dus­tin Hof­mann als Carl Bern­stein, den bei­den Repor­tern, die den Water­ga­te-Skan­dal auf­klär­ten. Das war lan­ge bevor ein Mann namens Jeff Bezos der Washing­ton Post das Rück­grat brach. Alter­na­tiv kann man auch mei­nen Bei­trag zur Revo­lu­ti­on der Mode­me­di­en lesen, der auch nach 13 Jah­ren nichts von sei­ner Aktua­li­tät ver­lo­ren hat.

Der Busi­ness-Aspekt, der in Teil 1 allen­falls in der berühm­ten Blau­er-Pull­over-Sze­ne auf­blitz­te, ist in Teil 2 all­ge­gen­wär­tig. Meryl Streep darf in ihrer Rol­le sogar Schwä­chen, Kon­troll­ver­lust und Unsi­cher­heit zei­gen und muss akzep­tie­ren, in der Holz­klas­se neben einem Ham­bur­ger mamp­fen­den Tou­ris­ten plat­ziert zu wer­den und kei­nen Cham­pa­gner ser­viert zu bekom­men.

Sowas ist Anna Win­tour bestimmt noch nie pas­siert. Man ver­steht nach dem Kino­be­such, wes­halb Con­de Nasts Chief Con­tent Offi­cer sich offen­siv in die PR-Kam­pa­gne der Film­pro­du­zen­ten ein­bin­den hat las­sen, was in einem Vogue-Titel gemein­sam mit Meryl Streep gip­fel­te. Der Film zahlt eben nicht zuletzt auf die Mar­ke Anna Win­tour ein. Und lässt sie mensch­li­cher wir­ken als das Bild der Eis­kö­ni­gin, das sie selbst von sich über Jahr­zehn­te kul­ti­viert hat.