Geschoepf

Das Geschöpf

Jürgen Wolf träumt von lebendigen Systemen, in dem jede Marke nur noch das tut, wofür sie wirklich da ist. Und die ihnen das abnehmen, was sie von ihrer eigentlichen Arbeit abhält.
Juergen wolf me myself and i
Jür­gen Wolf

Es ist da, obwohl man es nur sel­ten sieht. So wie das Wild­schwein. Man sieht im Wald nur den zer­wühl­ten Boden, aber so gut wie nie das Tier selbst. Manch­mal las­sen sich die­se Geschöp­fe kurz sehen, oder man sieht sie nur noch ver­schwin­den.

So wie 2015, als die Daim­ler AG ihre eige­ne Zell­fer­ti­gung für Bat­te­rien ein­stell­te. Ich wun­der­te mich damals und tue dies noch heu­te. Ich ver­ste­he, wenn ein CEO einen Rück­zie­her macht, weil ihm die Sache zu teu­er wird und zu unge­wiss. Was ich nicht ver­ste­he: war­um man das damals nicht als Ver­bund aller deut­schen Auto­mo­bil­her­stel­ler gemein­sam gestemmt hat. Klar will kei­ner sei­nen direk­ten Mit­be­wer­ber stär­ken — aber was am Ende pas­sier­te, ist ein Klas­si­ker zum The­ma man­geln­de Weit­sicht. Alle kau­fen ihre Bat­te­rien jetzt bei weni­gen Chi­ne­sen. Blöd gelau­fen. Das Geschöpf hat­te kurz sei­ne Chan­ce gewit­tert.

Das Geschöpf sucht nach Mar­ken mit ech­ter Geschich­te, kul­tu­rel­ler Rele­vanz und einer kla­ren Iden­ti­tät — weil nur die­se ihm als Nah­rung die­nen. Es weiß, dass Wer­bung, Reich­wei­te oder irgend­wel­che SEO-Tricks in einer Zukunft, in der die KI-Suche die klas­si­sche Goog­le-Suche ablöst, kei­ner­lei Wir­kung mehr haben wer­den. Was zählt: Her­kunft, Glaub­wür­dig­keit, ech­te Mar­ken-DNA. Eine Zukunft, in der nur noch KI-rele­van­te Mar­ken über­le­ben.

Das Geschöpf weiß, dass dies vie­len jun­gen D2C-Brands, die durch Insta­gram zwar extrem schnell Auf­merk­sam­keit erzeu­gen konn­ten, aber über kei­ne his­to­risch gewach­se­ne Iden­ti­tät ver­fü­gen, auf den Kopf fal­len wird. Die Gewin­ner der neu­en KI-Welt sind Mar­ken, die über Jahr­zehn­te ech­te Geschich­ten und kul­tu­rel­len Ein­fluss auf­ge­baut haben. Und es weiß genau, was das für alle Eigen­mar­ken bedeu­tet, die nur noch sta­tio­när statt­fin­den wer­den — was ja nicht das Schlech­tes­te sein muss. Sie­he New Yor­ker.

Das Geschöpf hat beob­ach­tet, wie stark sich das D2C-Busi­ness in den letz­ten Jah­ren ver­än­der­te — und sich noch schnel­ler ver­än­dern wird. Dass dies auch für vie­le Mar­ken aus dem rei­nen B2B-Bereich ver­hee­rend enden wird, weil ihnen zwangs­läu­fig der eige­ne Online-Shop um die Ohren fliegt. Genau­so düs­ter wird es für den klas­si­schen Händ­ler aus­se­hen. Die KI sieht näm­lich kei­nen Sinn dar­in, einen Zwi­schen­händ­ler vor­zu­schla­gen — und bevor­zugt den mar­ken­ei­ge­nen Shop.

Das Geschöpf sieht die Ent­wick­lung, die jetzt schon eini­ge D2C-Brands in ihrer Ver­zweif­lung Rich­tung B2B treibt — wo aller­dings ganz ande­re Geset­ze herr­schen. Eine ech­te Syn­chro­ni­sa­ti­on zwi­schen direk­tem und indi­rek­tem Ver­kauf hat­te schon Esprit, einem Pio­nier auf die­sem zwei­ge­teil­ten Gebiet, dau­er­haf­te Kopf­schmer­zen berei­tet. Um den Speed des D2C auf­recht­zu­er­hal­ten, ist der Ein­zel­händ­ler über­for­dert. Lässt man sich auf sei­nen Rhyth­mus ein, ver­liert die Mar­ke das Über­ra­schen­de — die­sen spon­ta­nen Drop, den die Com­mu­ni­ty liebt. Esprit hat­te das irgend­wann gelernt, wur­de aber letzt­end­lich zu groß, um über­ra­schend zu blei­ben.

Eine Marke muss überraschend bleiben, um ihre Relevanz nicht zu verlieren.

Vor allem in einer Zeit, in der Uni­q­lo einen TW-Forum Award gewin­nen kann. Auf dem TW-Forum 2002 sag­te Heinz Kro­gner den bedeut­sa­men Satz: „Zusam­men sind wir Zara!" Die Nuller Jah­re bewie­sen, was er damit mein­te. Die gro­ßen Fashion-Ein­zel­händ­ler wur­den erst mal auf links gebürs­tet — und tra­gen die­se Fri­sur noch heu­te. Der Aus­spruch ist jetzt ein Vier­tel­jahr­hun­dert alt. Er passt noch immer wie die Faust aufs Auge. Nur hat damals jeder die­se Aus­sa­ge in Rich­tung Han­del inter­pre­tiert — und dabei die Ent­wick­lung auf der Sei­te der Mar­ken kom­plett außer Acht gelas­sen.

Das Geschöpf hat das nie ver­ges­sen.

Jetzt ist es bereit, sich zu zei­gen. Es ist kein Phan­ta­sie­tier. Es exis­tiert. Still, unsicht­bar, gedul­dig. Es war­tet nicht auf Erlaub­nis. Es war­tet auf Mar­ken, die es ver­die­nen — Mar­ken mit Geschich­te, mit Nar­ben, mit einer See­le, die man nicht kau­fen kann. Was es im Gegen­zug bie­tet: einen Orga­nis­mus, der alles über­nimmt, was Mar­ken als Ein­zel­kämp­fer zur Ver­zweif­lung treibt. Kei­ne Hol­ding. Kein Kon­zern, der schluckt und würgt. Ein leben­di­ges Sys­tem, in dem jede Mar­ke end­lich nur noch das tut, wofür sie wirk­lich da ist.

Und die­ses Alles ist nicht wenig. Es ist genau das, was Mar­ken von ihrer eigent­li­chen Arbeit abhält: Pro­duk­ti­on. Logis­tik. Finanz­we­sen. Kun­den­kom­mu­ni­ka­ti­on B2B und D2C. Ver­trieb. Die­se Auf­ga­ben sind für alle Fashion-Mar­ken gleich. Sie sind aus­tausch­bar. Sie sind ska­lier­bar. Und sie sind, wenn man sie intel­li­gent bün­delt, für jede ein­zel­ne Mar­ke im Ver­bund bil­li­ger, schnel­ler und pro­fes­sio­nel­ler als im Allein­gang. Und dann ist da noch die KI. Was Goog­le einst für klei­ne Mar­ken halb­wegs erschwing­lich mach­te, wird im Agen­tic Com­mer­ce zur Königs­dis­zi­plin — wer dort nicht gefun­den wird, exis­tiert nicht. Eine schlag­kräf­ti­ge KI-Abtei­lung auf­zu­bau­en ist für eine ein­zel­ne Mar­ke finan­zi­ell wohl schwer dar­stell­bar.

Das ist der Kern. Das ist das Geschöpf. In den ein­zel­nen Mar­ken-Nes­tern rich­ten sich die Brands ein und arbei­ten an ihrer ori­gi­nä­ren Mar­ken­macht. An ihrer Welt, an ihren Kol­lek­tio­nen, an ihrer See­le. Der Orga­nis­mus hält ihnen den Rücken frei. Er muss am Leben erhal­ten wer­den und das gelingt nur, wenn er eine aus­rei­chen­de Anzahl rele­van­ter Mar­ken in sich trägt. Kei­ne Mono­kul­tu­ren, wie der Mensch sie so ger­ne anlegt.

Ein ausbalanciertes Markenuniversum, in dem jede Brand ihre eigene Rolle spielt.

In die­sem Ver­bund ent­steht eine gemein­schaft­li­che Stär­ke, die einer ein­zel­nen Mar­ke nie gelin­gen kann. Auch der Han­del wird das erken­nen — und näher rücken wol­len. Denn eine Mar­ken­welt, die so auf­ge­baut ist, kann kom­plet­te Eta­gen bespie­len. Der Händ­ler kon­zen­triert sich auf das, was ihn erst groß gemacht hat: Er kennt sei­ne Kun­den. Er ver­ant­wor­tet den Traf­fic. Das will der Orga­nis­mus ihm nicht weg­neh­men. Wenn sich aber kein Händ­ler fin­det, der in die­ser Sym­bio­se mit­spie­len kann — dann über­nimmt er auch das noch. In Frank­furt bei­spiels­wei­se gibt es nur noch Gale­ria und P&C. Der Orga­nis­mus könn­te hel­fen, die­sen bei­den den Arsch zu ret­ten. Aber wenn das hoff­nungs­los ist, über­nimmt er dort selbst Flä­chen.

Es wird viel­leicht meh­re­re sol­cher Geschöp­fe in der hei­mi­schen Fashionbran­che geben. Vie­le wer­den es nicht sein. Eines für den Luxus. Eines für die popu­lä­re Mit­te. Kei­nes ganz unten, weil dort bereits Geschöp­fe in Per­fek­ti­on arbei­ten. Was sie näm­lich ver­mei­den wol­len sind Krie­ge. Sie ken­nen die Gren­zen und über­schrei­ten sie nicht. Sie orga­ni­sie­ren eine neue Welt und die ist logisch und fried­voll.

Jür­gen Wolf ist Grün­der und Mas­ter­mind von Home­boy. Er hob das Ska­­­­­­­­te­­­­­­­­wear-Label 1988 aus der Tau­fe und gehör­te damit zu den Stree­­­­­­­t­­­­­­­­wear-Pio­­­­­­­­nie­­­­­­­­ren in Deutsch­land. In den 90er Jah­ren erleb­te Home­boy einen rasan­ten Auf­stieg, in den ver­gan­ge­ne­n Jah­ren war es fak­tisch vom Markt ver­schwun­den. 2015 hat Wolf die Mar­ke wie­der­be­lebt. Und star­tet mit sei­nem Sohn Juli­an damit durch.

Bei­trä­ge von Jür­gen Wolf