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KI mischt die Karten neu

Und die Gewinner sind nicht die, die Sie erwarten, sagt Stefan Wenzel. Teil 2 der profashionals-Serie „Agentic Commerce – was der Handel jetzt wissen muss"
Stefan wenzel
Ste­fan Wen­zel

Auf den ers­ten Blick scheint die Sache klar. Wenn Kauf­ent­schei­dun­gen zuneh­mend durch KI-Sys­te­me vor­be­rei­tet wer­den, gewin­nen die Gro­ßen. Die mit den meis­ten Daten, den größ­ten Bud­gets, den bes­ten Ent­wick­ler­teams. Ama­zon, Zalan­do, die übli­chen Ver­däch­ti­gen. Der Rest, so die nahe­lie­gen­de Annah­me, wird über­rollt. Die­se Annah­me ist nicht falsch, aber an uner­war­te­ten Stel­len unvoll­stän­dig.

Die drei­tei­li­ge Serie basiert auf mei­nem Buch „Agen­tic Com­mer­ce” und behan­delt die Fra­ge, was KI für den Han­del bedeu­tet. In Teil 1 beschrei­be ich, wie sich die Suche ver­än­dert und war­um jede Mar­ke, jeder Anbie­ter eine maschi­nel­le Iden­ti­tät braucht. Die gro­ße Preis­fra­ge lau­tet: Wenn KI-Sys­te­me hart vor­fil­tern, nach wel­chen Kri­te­ri­en fil­tern sie dann eigent­lich? Wen bevor­zu­gen sie?

Die Ant­wort ist für vie­le ein Pro­blem, denn KI-Sys­te­me bevor­zu­gen nicht die mit dem größ­ten Mar­ke­ting­bud­get, son­dern die mit den ver­läss­lichs­ten Signa­len. Das klingt gut, aber was heißt das kon­kret? Ein KI-Sys­tem, das eine Kauf­emp­feh­lung gibt, stützt sich auf das, was es über einen Anbie­ter veri­fi­zie­ren kann. Nicht auf das, was der Anbie­ter über sich selbst behaup­tet. Kon­sis­ten­te Bewer­tun­gen über Jah­re hin­weg. Wie­der­keh­ren­de Kun­den. Doku­men­tier­te Lie­fer­treue. Kor­rek­te Pro­duk­tat­tri­bu­te. Nied­ri­ge Retou­ren­quo­ten. Das sind kei­ne Mar­ke­ting­si­gna­le, das sind ope­ra­ti­ve Signa­le. Und sie las­sen sich nicht kau­fen.

Eine Mar­ke, die seit Jah­ren zuver­läs­sig lie­fert, deren Kun­den wie­der­kom­men und deren Pro­dukt­da­ten stim­men, baut algo­rith­mi­sches Ver­trau­en auf. Nicht durch eine Kam­pa­gne, son­dern durch jede ein­zel­ne Trans­ak­ti­on. Das ist der neue Burg­gra­ben dif­fe­ren­zier­ter Mar­ken und leis­tungs­star­ker Anbie­ter. Ihre Qua­li­tät wird erst­mals von einem Sys­tem bewer­tet, das sich nicht von Media­bud­gets blen­den lässt.

In einer Welt, in der ein KI-System die Vorauswahl trifft, lässt sich Sichtbarkeit nicht mehr wie bisher kaufen – oder es wird noch teurer.

Die Kehr­sei­te ist eben­so klar und für einen nicht uner­heb­li­chen Teil des Ein­zel­han­dels unan­ge­nehm. Wer sei­ne Markt­po­si­ti­on bis­lang vor allem durch ein­ge­kauf­te Sicht­bar­keit gesi­chert hat, steht vor einem struk­tu­rel­len Pro­blem. Denn in einer Welt, in der ein KI-Sys­tem die Vor­auswahl trifft, lässt sich Sicht­bar­keit nicht mehr wie bis­her kau­fen – oder es wird noch teu­rer. Das KI-Modell sucht nicht in gespon­ser­ten Link­lis­ten auf Goog­le oder nach gespon­ser­ten Ergeb­nis­sen auf Markt­plät­zen. Es ver­gleicht Daten. Wenn die Daten kei­nen Grund lie­fern, einen bestimm­ten Anbie­ter zu bevor­zu­gen, wird der güns­ti­ge­re oder der ver­läss­li­che­re gewählt.

Für Händ­ler im klas­si­schen Sin­ne – also Unter­neh­men, die Pro­duk­te ande­rer ein­kau­fen und mit Auf­schlag wei­ter­ver­kau­fen – ist die­se Arith­me­tik beson­ders unbe­quem. War­um soll­te ein KI-Sys­tem ein Pro­dukt beim Zwi­schen­händ­ler emp­feh­len, wenn es direkt beim Her­stel­ler zum glei­chen Preis mit glei­cher Lie­fer­dau­er und bes­se­ren Daten ver­füg­bar ist? Der Mehr­wert des Händ­lers in der bis­he­ri­gen Welt lag in der Sor­ti­ments­bün­de­lung, Bera­tung, Ver­füg­bar­keit und dem Ver­trau­en. Von die­sen vier Wert­trei­bern las­sen sich nur zwei direkt in die Logik eines KI-Sys­tems über­set­zen: Ver­füg­bar­keit und Ver­trau­en. Und auch das nur, wenn sie in maschi­nen­les­ba­rer Form vor­lie­gen.

Es ist nicht „das Internet“, das den Modefachhandel schrumpfen lässt, sondern in aller Regel die fehlende Differenzierung.

Dass sich die undif­fe­ren­zier­te Mit­te grund­sätz­lich schwer­tut, ist kei­ne neue Erkennt­nis, und die Ent­wick­lung des Mode­fach­han­dels ist ein Indi­ka­tor dafür. Die BTE-Zah­len doku­men­tie­ren seit Jah­ren das Schrump­fen: 2025 wird es nur noch 12.050 Mode­händ­ler geben, 2010 waren es noch 22.900. In andert­halb Jahr­zehn­ten ist fast die Hälf­te ver­schwun­den.

Die Ursa­che wird jedoch oft falsch zuge­ord­net. Es ist nicht „das Inter­net“, das den Mode­fach­han­del schrump­fen lässt, son­dern in aller Regel die feh­len­de Dif­fe­ren­zie­rung. Ein Händ­ler, der weder güns­ti­ger als Zalan­do noch per­sön­li­cher als die Lieb­lings­bou­tique um die Ecke ist, hat kein über­zeu­gen­des Wert­ver­spre­chen. Das galt schon vor KI und wird jetzt ledig­lich wei­ter beschleu­nigt.

Den größ­ten Druck dürf­te das geho­be­ne mitt­le­re Preis­seg­ment spü­ren: Mar­ken und Händ­ler, die weder über Pre­mi­um-Magne­tis­mus ver­fü­gen noch preis­kom­pe­ti­tiv sind. Ihre Prei­se sind zu hoch für einen ratio­na­len Ver­gleich und ihre Dif­fe­ren­zie­rung zu gering, um im emo­tio­na­len Rele­vant-Set der Kun­den zu ver­an­kern. Genau die­ses Seg­ment wird mut­maß­lich am här­tes­ten von KI-Sys­te­men getrof­fen, weil es den am wenigs­ten über­zeu­gen­den Daten­satz lie­fert.

Wenn die KI Produktdaten direkt über Schnittstellen vergleicht, finden Marktplätze in der Customer Journey als POS nicht mehr statt.

In den letz­ten 20 Jah­ren waren die gro­ßen Platt­for­men als Inven­tar-Aggre­ga­to­ren die kla­ren Gewin­ner und Dis­rup­t­o­ren im Han­del. Die zuneh­men­de Tür­ste­her-Funk­ti­on von KI-Model­len mit dem Welt­ka­ta­log aller Pro­duk­te und ihrer har­ten, intrans­pa­ren­ten Kura­ti­on droht jedoch, die Macht­ver­hält­nis­se zu ver­schie­ben.

Ama­zon, Zalan­do und Co. kon­trol­lie­ren heu­te die Kauf­ent­schei­dun­gen ihrer Nut­zer über das Ran­king der Arti­kel auf ihren Platt­for­men. Wer oben steht, ver­kauft, und wer oben ste­hen will, zahlt. Das ist die Basis des Retail-Media-Booms, einer Umsatz­pro­vi­si­on zwei­ter Ord­nung, die den Platt­for­men Mil­li­ar­den­um­sät­ze beschert. Händ­ler und Mar­ken zah­len ohne­hin Umsatz-Zöl­le, für die not­wen­di­ge Sicht­bar­keit wer­den sie immer öfter zusätz­lich an das Kas­sen­häus­chen der Platt­for­men gebe­ten.

Ein KI-Sys­tem durch­bricht die­se Logik. Wenn die KI oder der Agent des Nut­zers näm­lich nicht auf dem Markt­platz sucht, son­dern Pro­dukt­da­ten direkt über Schnitt­stel­len ver­gleicht, fin­det der Markt­platz in der Cus­to­mer Jour­ney als POS nicht mehr statt. Für den Anteil am Geschäft spielt auch das Pro­dukt-Ran­king auf den Markt­plät­zen kei­ne Rol­le mehr und Retail Media muss sich neu erfin­den.

Die Platt­for­men haben das erkannt und reagie­ren im „Fight-Flight-or-Freeze“-Spektrum. Zunächst setz­te Ama­zon auf Abschot­tung und schütz­te sei­ne Platt­form gericht­lich vor KI-Agen­ten. Inzwi­schen hat sich das Unter­neh­men jedoch zu ers­ten Koope­ra­tio­nen mit Ope­nAI und Goo­gles UCP Tech Coun­cil durch­ge­run­gen – nach dem Mot­to: „If you can’t beat them, join them”. Zalan­do posi­tio­niert sich zuneh­mend auch als Infra­struk­tur-Anbie­ter und Betriebs­sys­tem für KI- und Agen­tic Com­mer­ce. Damit erschließt sich das Unter­neh­men Erlös­mo­del­le jen­seits von Markt­platz-Pro­vi­sio­nen und Retail Media der bis­he­ri­gen Art. Ob das gelingt, ist offen. Dass es nötig ist, ist hin­ge­gen klar.

In den Nutzerpräferenzen zu sein, ist ein Vorteil gegenüber objektiven Daten.

Wäh­rend die meis­ten über die offen­sicht­li­chen Gewin­ner spre­chen – star­ke Mar­ken mit sau­be­ren Daten –, gibt es einen ange­schla­ge­nen Aus­wech­sel­kan­di­da­ten auf dem Spiel­feld, der ein Come­back erle­ben könn­te: der inha­ber­ge­führ­te sta­tio­nä­re Händ­ler mit ech­ten Stamm­kun­den­be­zie­hun­gen.

Aus­ge­rech­net der Laden um die Ecke soll im Vor­teil sein, wenn Algo­rith­men die Kauf­ent­schei­dung vor­be­rei­ten? War­um das weni­ger para­dox ist, als es klingt: Ein KI-Sys­tem kann kei­ne mensch­li­chen Bezie­hun­gen repli­zie­ren und dient in maxi­ma­ler Kon­se­quenz sei­nen indi­vi­du­el­len Nut­zern. Es kann Pro­duk­te, Prei­se und Ver­füg­bar­kei­ten mög­lichst objek­tiv ver­glei­chen und Bewer­tun­gen agg­re­gie­ren. Vor allem aber wird es immer ver­su­chen, die per­sön­li­chen Prä­fe­ren­zen sei­ner Nut­zer best­mög­lich zu berück­sich­ti­gen. Und genau das ist der Punkt. Expli­zi­te Kun­den­prä­fe­ren­zen sind der ein­zi­ge sub­jek­ti­ve Over­ri­de in einer ansons­ten auf Objek­ti­vi­tät opti­mier­ten Black­box.

Alle Model­le prio­ri­sie­ren den Kon­text ihrer Nut­zer. Das ist die USP der KI-Model­le, ihre rai­son d'être. In den Nut­zer­prä­fe­ren­zen zu sein, ist nichts weni­ger als ein unfai­rer Vor­teil gegen­über objek­ti­ven Daten.

Die Inha­be­rin begeis­tert ihre Kun­din seit Jah­ren. Sie kennt sie. Sie weiß, wel­che Far­ben sie mag, wel­che Grö­ße bei wel­cher Mar­ke passt und wel­che Anläs­se anste­hen. So kre­iert sie etwas, das in der Spra­che der Daten­öko­no­mie einen eige­nen Namen hat: Zero-Par­ty-Daten. Das sind Infor­ma­tio­nen, die eine Kun­din teilt. Die­se Daten hat kein außen­ste­hen­der Algo­rith­mus der Welt. Sie sind der stärks­te Schutz gegen algo­rith­mi­sche Aus­tausch­bar­keit. Vor­aus­set­zung ist aller­dings, dass die­se Bezie­hung wirk­lich besteht. Wer die­se Bezie­hung nicht hat, soll­te sich nicht ein­re­den, eine sta­tio­nä­re Prä­senz sei ein Schutz­schild vor irgend­et­was.

Es ist Zeit für eine ehrliche Bestandsaufnahme

Was dar­aus für die eige­ne Stra­te­gie folgt, lässt sich anhand von drei Fra­gen für eine ehr­li­che Selbst­ein­schät­zung erar­bei­ten.

Ers­tens: Gibt es einen maschi­nen­les­ba­ren Grund, war­um ein KI-Sys­tem mein Unter­neh­men emp­feh­len soll­te? Nicht einen emo­tio­na­len Grund. Einen daten­ba­sier­ten. Veri­fi­zier­ba­re Qua­li­tät, kon­sis­ten­te Bewer­tun­gen, voll­stän­di­ge Pro­dukt­da­ten und eine ver­läss­li­che Lie­fer­his­to­rie sind Bei­spie­le hier­für.

Zwei­tens: Habe ich direk­te Kun­den­be­zie­hun­gen, die so stark sind, dass Kun­din­nen mich gegen­über einem Algo­rith­mus bevor­zu­gen? Es geht nicht um Foot­fall und Fre­quenz oder um Ein­trä­ge in einer E‑Mail-Daten­bank. Son­dern um ech­te Bin­dung.

Drit­tens: Inves­tie­re ich in die rich­ti­ge Rich­tung? Fließt mein Bud­get in Sicht­bar­keit zum Kauf­zeit­punkt (Per­for­mance-Mar­ke­ting, Retail Media, Con­ver­si­on-Opti­mie­rung)? Oder in die Vor­aus­set­zun­gen dafür, dass ich über­haupt noch Teil der Aus­wahl bin?

Die Ant­wor­ten auf die­se Fra­gen ent­schei­den dar­über, auf wel­cher Sei­te der Ver­schie­bung man steht. Nicht die Tech­no­lo­gie ent­schei­det dar­über, son­dern die Ehr­lich­keit der eige­nen Ana­ly­se.

Sw bookSte­fan Wen­zel ist seit mehr als 25 Jah­ren im digi­ta­len Han­del und einer der pro­fi­lier­tes­ten Köp­fe der Bran­che. Sei­ne Vita beinhal­tet unter ande­rem Sta­tio­nen als Geschäfts­füh­rer für Unter­neh­men wie Ebay, brands4friends, Otto, Mexx und Tom Tail­or Digi­tal. Heu­te unter­stützt Ste­fan Wen­zel Fir­men als Frac­tion­al Exe­cu­ti­ve, Bei­rat und Advi­sor, er ist zudem Key­note Spea­k­er, Autor und Pod­­cast-Host. Mehr Infor­ma­tio­nen unter stefanwenzel.com  

Die­ser Text ist der ers­te von drei Tei­len, in denen Ste­fan Kern­the­sen aus sei­nem neu­en Buch „Agen­tic Com­mer­ce – Wie KI-Agen­­ten den Han­del neu struk­tu­rie­ren und wer künf­tig ent­schei­det" für pro­fa­shio­nals auf­be­rei­tet. Mehr zum Buch inkl. kos­ten­lo­sem KI-Com­pa­n­ion zu den Inhal­ten gibt es hier.

Bei­trä­ge von Ste­fan Wen­zel