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Nachhaltigkeit im Ausverkauf?

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Jür­gen Mül­ler

Bös­wil­li­ge könn­ten die Nach­richt als Zeig mit dem Stin­ke­fin­ger anse­hen: Shein, für man­che der tex­ti­le Beel­ze­bub schlecht­hin, über­nimmt Ever­la­ne, eines jener Unter­neh­men, die sich seit den Nuller­jah­ren auf­mach­ten, die res­sour­cen­ver­schwen­de­ri­sche Mode­welt sozi­al- und umwelt­ver­träg­li­cher zu machen. Bil­lig schlägt nach­hal­tig: Nehmt das, Ihr gut­gläu­bi­gen Mil­len­ni­als!

Aber es gibt natür­lich ratio­na­le Moti­ve für den Deal. Shein kauft mit Ever­la­ne nicht bloß eine Fir­ma, son­dern zual­ler­erst Cre­di­bi­li­ty. Denn Sus­taina­bi­li­ty ist die offe­ne Flan­ke die­ser Fast Fashion-Platt­form – ein Ein­falls­tor für schlech­te Nach­rich­ten, die die Anle­ger zum oder nach dem Bör­sen­gang ver­schre­cken könn­ten. So gese­hen sind die 100 Mil­lio­nen für Ever­la­ne eine Inves­ti­ti­on in ein nach­hal­ti­ge­res Image.

Wird es eine loh­nen­de Inves­ti­ti­on sein?

Dass da zwei vor­der­grün­dig schwer ver­ein­ba­re Geschäfts­mo­del­le zusam­men­kom­men, hat in Fach­krei­sen durch­aus kri­ti­sche Reak­tio­nen her­vor­ge­ru­fen. Den Kon­su­men­ten – auch den auf­ge­klär­ten – dürf­te die Kon­zern­zu­ge­hö­rig­keit der Mar­ke eher weni­ger bewusst sein. Ever­la­nes Nim­bus als sus­tainable brand hat frei­lich mit den Jah­ren gelit­ten. Spä­tes­tens nach dem Ver­kauf an die Betei­li­gungs­ge­sell­schaft L Cat­ter­ton hat das Unter­neh­men sei­ne Unschuld ver­lo­ren. 2020 sorg­ten Medi­en­be­rich­te über eine angeb­lich toxi­sche Unter­neh­mens­kul­tur für eine mas­si­ve Erschüt­te­rung des seit der Grün­dung 2011 auf­ge­bau­ten Images. Ähn­li­ches droht womög­lich nun auch Arme­dan­gels nach dem aktu­el­len Bericht im Spie­gel.

Nach­hal­ti­ge Mode, das war sei­ner­zeit ein neu­es The­ma. First Mover wie Ever­la­ne in den USA oder Arme­dan­gels in Deutsch­land konn­ten damit bei einem zuneh­mend für öko­lo­gisch und sozia­le The­men sen­si­blen Publi­kum punk­ten. Die Grün­der waren in aller Regel Über­zeu­gungs­tä­ter. Sie muss­ten fest­stel­len, dass die Rah­men­be­din­gun­gen der Bran­che auch für sie gal­ten. Mit zuneh­men­der Grö­ße muss­ten sich ihre Pro­duk­te dann auch ganz pro­fan dem Wett­be­werb stel­len.

Die­ser Wett­be­werb bemüh­te sich eben­falls um mehr Nach­hal­tig­keit. Es war abseh­bar, dass Sus­taina­bi­li­ty in der Indus­trie zu einem Hygie­ne­fak­tor wer­den wür­de. Um Welt­ver­bes­se­rung geht es dabei in den wenigs­ten Fäl­len. Für gro­ße, bör­sen­no­tier­te Fast Fashion-Kon­zer­ne wie H&M und Indi­tex ist das Teil ihres Risi­ko­ma­nage­ments. Auch wenn die CSR-Reports ande­res sug­ge­rie­ren – aus Sicht vie­ler Unter­neh­mer ist Nach­hal­tig­keit schlicht ein läs­ti­ger Kos­ten­trei­ber. Was in der aktu­el­len Markt­si­tua­ti­on beson­ders schmerzt.

So etwas wie "nachhaltige Mode" kann es gar nicht geben. Das nachhaltigste Kleidungsstück ist jenes, was gar nicht erst produziert wird.

Zumal letzt­lich klar ist, dass es so etwas wie "nach­hal­ti­ge Mode" gar nicht geben kann. Denn der Trei­ber von Mode ist das Bedürf­nis nach per­ma­nen­ter Ver­än­de­rung und Erneue­rung, auch als Reak­ti­on auf gesell­schaft­li­che Ver­än­de­run­gen. Und die­ser per­ma­nen­te Wan­del steht in dia­me­tra­lem Gegen­satz zu der For­de­rung nach Res­sour­cen­scho­nung.

Das nach­hal­tigs­te Klei­dungs­stück ist jenes, was gar nicht erst pro­du­ziert wird. Doch damit ist der Bran­che (und den vie­len Men­schen, die in die­ser Indus­trie ihren Lebens­un­ter­halt ver­die­nen) lei­der auch nicht gehol­fen. Wenn wir über "nach­hal­ti­ge Mode" spre­chen, dann kann es daher stets nur um eine Opti­mie­rung von Sozi­al- und Umwelt­be­din­gun­gen gehen. "Mit der Mode gehen" wird näm­lich immer ein Bedürf­nis von Men­schen blei­ben. Wer sich als Kon­su­ment ver­ant­wor­tungs­be­wusst klei­den möch­te, kann Second Hand (was aktu­ell auch eine Mode ist) oder lang­le­bi­ge Basics tra­gen.

Wird Shein als Platt­form nach­hal­ti­ger, wenn dort dem­nächst womög­lich Beklei­dung von Ever­la­ne ange­bo­ten wird? Eher nicht. Das Sus­taina­bi­li­ty-Pro­blem von Shein ist ja nicht, dass das Unter­neh­men chi­ne­si­schen Aus­beu­ter­be­trie­ben und Umwelt­ver­schmut­zern eine Platt­form bie­tet. Das lies­se sich mit ent­spre­chen­dem Auf­wand mini­mie­ren. Dass Shein ein unfai­rer Wett­be­wer­ber ist, weil wir nicht in der Lage sind, unse­re Zoll­be­stim­mun­gen effek­tiv anzu­pas­sen, liegt auch nicht in der Ver­ant­wor­tung der Chi­ne­sen.

Nicht weg­zu­dis­ku­tie­ren ist indes, dass Shein mit sei­nen bil­li­gen Prei­sen den sinn­lo­sen Mas­sen­kon­sum beför­dert. Da kann das inno­va­ti­ve Manu­fac­tu­ring-to-Con­su­mer-Modell die Räd­chen noch so per­fekt inein­an­der grei­fen las­sen.

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