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Fast Luxury

Inditex eröffnet luxuriöse Highend-Pop-ups, um seine Upgrading-Strategie zu untermauern. Barbara Markert hat sie besucht und ist Fan. Aber nun hat sie keine Lust mehr auf die normalen Zara-Stores. Geht die Neupositionierung auf? Oder ist sie vielleicht sogar kontraproduktiv?
Barbara markert
Bar­ba­ra Mar­kert

„Möch­ten Sie einen Espres­so?“ Ich bin kaum durch die Laden­tü­re geschrit­ten, als ein Ober mit Tablett und Tas­sen damp­fen­den Kaf­fees mir ent­ge­gen­rauscht. „Äh, nein“, stam­me­le ich, denn ich bin gera­de etwas über­for­dert. Was ist das hier? Ein Laden, eine Kunst­ga­le­rie, eine Biblio­thek? Und war­um sind an allen Möbeln, die deko­ra­tiv im Raum ver­teilt sind, Preis­schil­der?

Mas­si­mo Dut­ti hat im Haut-Marais einen Pop-Up eröff­net. Die­ser obe­re Bereich des Aus­geh­vier­tels liegt nur weni­ge Stra­ßen vom Tou­ris­ten-Hot­spot des übli­chen Marais und des Place des Vos­ges ent­fernt. Hier ist ruhi­ger, aber vor allem exklu­si­ver:  Acne Stu­di­os, Rose­an­na, Isa­bel Marant, Far­row & Ball sind mit Bou­ti­quen ver­tre­ten, der Kon­zept­s­to­re Mer­ci ist gleich um die Ecke. Die Loca­ti­on stimmt also schon mal. Auch die Bil­der vom Mas­si­mo-Dut­ti-Laden sahen online viel­ver­spre­chend aus. Angeb­lich habe die Indi­tex-Mar­ke nur noch in Lon­don ein ähn­li­ches Geschäft am Lau­fen, lese ich im Inter­net. Über­ra­schend war für mich auch, dass der Pop-up nur zehn Tage lau­fen soll­te. Kurz­um: Ich war neu­gie­rig gewor­den und woll­te mir das per­sön­lich anse­hen.

Die Rea­li­tät über­trifft alle mei­ne Vor­stel­lun­gen. Nicht nur wegen des Obers und sei­ner Espres­si. Außen an der Fas­sa­de ist zu lesen: „Mas­si­mo Dut­ti Limi­t­ed Edi­ti­on“ und drin­nen gibt es auch nur „limi­t­ed edi­ti­ons“. Das Sor­ti­ment sieht aus wie von Khai­té oder The Row. Alles sehr kura­tiert, aus Natur­ma­te­ria­len, gefer­tigt in Por­tu­gal und exqui­sit prä­sen­tiert. Im Laden mehr Sitz­plät­ze als Waren­trä­ger. Jedes Klei­dungs­stück in nur einer Grö­ße und mit einem ein­zi­gen Exem­plar pro Modell prä­sen­tiert. Zur Anpro­be muss man eine der zahl­rei­chen Ver­käu­fe­rin­nen in wei­ßen Lei­nen-Anzü­gen bit­ten, die ent­spre­chen­de Grö­ße zu holen.

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117 Rue du Bac Con­cept-Store von Zara Home (Foto: Indi­tex)

Dies wie­der­um ken­ne ich schon vom frü­he­ren High-end-Zara im Rive Gau­che, der von 2024 bis 2025 just gegen­über des Luxus-Kauf­hau­ses Le Bon Mar­ché und rund drei Geh­mi­nu­ten von einem „stink­nor­ma­len“ Zara-Laden sta­tio­niert war. ‚117 Rue du Bac‘ nann­te sich der Con­cept Store, der im Schwer­punkt Zara Home führ­te sowie ein aus­ge­wähl­tes, exklu­si­ves Beklei­dungs-Sor­ti­ment.

Dass es sich um einen Zara han­del­te, erkann­te man erst im Inne­ren, an den Eti­ket­ten der Klei­der. Die News einer Luxus-Adres­se von Indi­tex ver­brei­te­te sich damals in Win­des­ei­le und die schi­cken Pari­ser ström­ten in Mas­sen her­bei und shopp­ten. Ich erin­ne­re mich an die Buch-Signier­stun­den in die­sem Laden oder die Son­der­flä­chen zum The­ma Ten­nis, Hun­de oder „Art du Table“. Ich ärge­re mich immer noch, den knall­bun­ten Leder-Shop­per nicht gekauft zu haben (eine Kopie von Balen­cia­ga, sogar schö­ner als das Ori­gi­nal). Oder Cap­su­le-Pie­ces von Zara x Kate Moss.

„Hier fin­den Sie Tei­le, die es nicht mal in Madrid gibt“, erklärt mir einer der Ver­käu­fer. „In die­sem Laden ver­kau­fen wir das Tolls­te, was Zara zu bie­ten hat.“ Recht hat­te er.

Welche Strategie verfolgt Inditex mit diesen Läden? Wie passt das ins große Ganze?

Ins­be­son­de­re die Haupt­mar­ke Zara unter­zieht sich seit Jah­ren eines Upgradings. Schi­cke­re Läden, höhe­re Prei­se, coo­le Cap­su­les, bes­se­re Mate­ria­li­en und weni­ger Sales. Eine Web­site, die womög­lich zu den Schicks­ten gehört, die die Mode­bran­che zu bie­ten hat. Desi­gner-Koope­ra­tio­nen, vor­her ein Mar­ken­zei­chen des Kon­kur­ren­ten H&M, sind jetzt mehr oder min­der das gan­ze Jahr bei Zara erhält­lich. Wie aktu­ell die Col­lab mit Wil­ly Cha­var­ria. Die Cap­su­le-Kol­lek­ti­on mit dem kali­for­ni­schen Kult-Desi­gner wur­de mit einem Guc­ci-rei­fen Video ange­kün­digt, bei dem Super­mo­del Chris­ty Tur­ling­ton eine Haupt­rol­le spielt. Vor rund einem Monat wur­de die nächs­te Zara-Über­ra­schung publik: John Gal­lia­no designt ab Sep­tem­ber als „fes­ter, frei­er Desi­gner“. Sei­ne Kol­lek­ti­on sei­en Neu­in­ter­pre­ta­tio­nen aus dem „Zara-Archiv“. Spöt­ter waren bei die­ser Neu­ig­keit schnell auf dem Plan: „Wel­ches Archiv denn? Zara kopiert doch nur!“

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Zara-Online­shop: Eine der schicks­ten Web­sites der Mode­bran­che

Gera­de hat­te Zara auch sei­nen Auf­tritt auf der Met Gala. Nicht nur, dass Met-Che­fin Anna Win­tour die Indi­tex-Che­fin Che­fin Mar­ta Orte­ga zu die­sem hand­ver­le­se­nen Mega-Event ein­lud. Nein, John Gal­lia­no hüll­te zudem die Fleet­wood Mac-Sän­ge­rin Stevie Nicks in eine über­di­men­sio­na­le Zara-Abend­ro­be. Super­star Bad Bun­ny erschien wie schon beim Super­bowl in einem „cos­tu­mi­zed Zara-Look“.

Kann Inditex/Zara mit solchen Aktionen sein Fast Fashion-Image abschütteln?

Ers­te Arti­kel in der Fach­pres­se fei­ern bereits die erfolg­rei­che Häu­tung. Aber reicht das?

In den meis­ten der Läden hängt die Ware noch immer dicht an dicht. Dort über­wiegt Poly­es­ter als Haupt­be­stand­teil der Klei­dung, steht „made in China/Vietnam/Bangladesh“ als Pro­duk­ti­ons­stand­ort im Eti­kett, rei­hen sich die Schlan­gen vor den Umklei­den und sind Ver­käu­fe­rin­nen vor allem mit Auf­räu­men beschäf­tigt. Die vor rund zwei Jah­ren ein­ge­führ­ten, auto­ma­ti­schen Kas­sen ver­brei­ten zudem ste­ri­les Super­markt-Ambi­en­te, das so gar nicht zu einem Upgrading pas­sen will. Dazu kommt der stra­te­gi­sche Move, die Bil­lig­mar­ke Lef­ties berei­ter im euro­päi­schen Markt zu instal­lie­ren. Natür­lich muss Indi­tex gegen Shein, Temu und Pri­mark sei­ne Markt­an­tei­le sichern. Aber sind die Spa­ni­er nicht eh schon gut posi­tio­niert im Bil­lig­seg­ment mit Pull and Bear, Bersh­ka, Stra­di­va­ri­us und Oysho?

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Mas­si­mo Dut­ti Popup im Haut Marais: „Möch­ten Sie einen Espres­so?“ (Foto: Mas­si­mo Dut­ti)

Die tol­len Hig­hend-Läden und ‑Kol­lek­tio­nen haben auch bei mir als Kon­su­men­tin Spu­ren hin­ter­las­sen. Ich betre­te kaum noch einen nor­ma­len Zara: zu voll, zu laut, zu bil­lig die Mode, zu schlecht die Beleuch­tung, zu lan­ge das Anste­hen an der Umklei­de, kei­ne Men­schen an den Kas­sen… So macht Ein­kau­fen kei­nen Spaß. Ich mer­ke, dass mich Zara/Inditex mit sei­nen schi­cken Läden ver­dor­ben hat. Die Spa­ni­er haben mich als Kun­den des nor­ma­len Mas­sen­an­ge­bots ver­lo­ren und dafür als Neu­kun­den gewon­nen einer Mar­ke, die zufäl­lig auch Zara heißt, aber mich mit phä­no­me­na­len Läden und bezahl­ba­rer Desi­gner­wa­re in mei­nen bevor­zug­ten Mate­ria­li­en Wol­le, Sei­de und Lei­nen über­zeugt.

Jetzt, wo der Mas­si­mo Dut­ti Pop-up wie­der zuge­macht hat, gibt es für mich des­halb bei Indi­tex nichts zu kau­fen. Ich war­te. Bis Sep­tem­ber, wenn die ‚Zara by Galliano‘-Kollektion kommt. Und Indi­tex sei­nen Hig­hend-Kon­zept­s­to­re in Rive Gau­che wie­der eröff­net. Die Ver­käu­fe­rin im Mas­si­mo-Dut­ti-Pop-up hat mir ver­ra­ten, dass die neue Bou­tique so toll wer­den soll wie einst „117 Rue du Bac“. Even­tu­ell zieht dann auch Mas­si­mo Dut­ti mit sei­nen „limi­t­ed edi­ti­ons“ ein. Dafür lohnt die Shop­ping-Pau­se alle­mal.