
Womöglich hinkt Europa gesellschaftspolitisch mal wieder den USA hinterher. Dort hat die demokratische Linksaußen Alexandria Ocasio-Cortez bisherige Extrempositionen abgeräumt, weil diese ihren Präsidentschaftsambitionen im Wege stehen könnten („Woke 1 war irre“). Es bedurfte keiner Änderung des Zeitgeistes, um diesen vorwiegend in akademischen Zirkeln kursierenden Wokeismus als nicht mehrheitsfähig zu erkennen.
Doch die Cancel Culture scheint auch unter Woke 2 ein eingeübter Reflex zu bleiben. Das zeigen gleich zwei Nachrichten dieser Woche.
Da lässt die Gleichstellungsbeauftragte der Stadt München den Pappmaché-Figuren eines Oktoberfest-Karussells Radlerhosen, hochgeschlossene Oberteile und Schuhe aufmalen. Was den Sexismus auf der Wies’n eindämmen soll. Als ginge es beim Oktoberfest für etliche Besucher und Besucherinnen neben Spaß und Saufen am Ende nicht auch um Sex.
Da fordern außerdem Aktivisten in England Kinobetreiber auf, den neuen Ali G.-Film nicht zu zeigen, weil dieser rassistische Klischees und Stereotypen bediene. Was verkennt, dass Sacha Baron Cohen sich nicht über die schwarze Hiphop-Szene lustig macht, sondern seine Kunstfigur die Mittelstands-Kids karikiert, die den Style, die Codes und die Sprache der Rapper adaptieren (unvergessen und sehenswert Ali G.'s Auftritt vor Harvard-Studenten).
Der Aufruf zum Filmboykott und die Oktoberfest-Intervention dürften beim Publikum überwiegend Kopfschütteln produziert und dem jeweiligen Anliegen eher geschadet haben. Sacha Baron Cohen wird die Aufregung um seinen Film hingegen recht sein. Und die Münchner Gleichstellungsbeauftragte hat auch mal wieder darauf hingewiesen, dass es sie gibt.
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Anders gelagert ist die Absage der Galliano-Ausstellung in New York. Es war der Versuch einer Rehabilitierung des Modedesigners, der nach antisemitischen Nazi-Sprüchen seinen Job bei Dior verloren hat. Das ist 15 Jahre her und geschah wohl im Drogenrausch. Danach verbrachte Galliano zehn Jahre im weißen Büßer-Kittel bei Margiela.
Anna Wintour sah nun offenbar die Zeit gekommen, der Kunst des mittlerweile 65jährigen wieder eine Bühne zu verschaffen. Die langjährige Vogue-Chefin hat die Rechnung indes ohne die jüdischen Spender gemacht, die das Metropolitan Museum of Art mitfinanzieren. Man kann ihnen nicht verdenken, dass sie mit John Galliano nichts zu tun haben wollen.
Die Absage ist nicht nur eine Klatsche für Anna Wintour, sondern auch ein potenzieller Schlamassel für Zara. In diesem Herbst sollen die ersten Teile der auf zwei Jahre angelegten Kooperation mit John Galliano in die Läden kommen. Es ist der jüngste Coup einer ganzen Reihe von Designer-Collabs, die Zara in den vergangenen drei, vier Jahren gelauncht hat. Mit dieser neuen Kommunikationsstrategie soll die Marke von einem Anbieter anonymer modischer Produkte zu einer kreativen Instanz werden. Anders als die Kollegen aus Schweden setzen die Spanier dabei nicht auf die ganz großen Namen, sondern auf Insider-Brands wie Nanushka oder And Wander sowie überraschende Collabs mit Stefano Pilati, Kate Moss oder Bad Bunny.
Es wird kein Zufall sein, dass diese Neuausrichtung mit dem Stabwechsel in La Coruna einherging. Marta Ortega setzt andere Akzente als ihr öffentlichkeitsscheuer Vater. Für den 90jährigen Zara-Gründer sollten allein die Läden sprechen. Kaum vorstellbar, dass er wie seine Tochter zur Met Gala nach New York geflogen wäre oder für ein (durchaus lesenswertes) Portrait in der US-Vogue zur Verfügung gestanden hätte. Der PR-Effekt einer Galliano-Ausstellung im kommenden Mai wird fest eingeplant gewesen sein. Jetzt wird man den Ball besser flach halten.