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Klatsche für Wintour, Schlamassel für Zara

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Jür­gen Mül­ler

Womög­lich hinkt Euro­pa gesell­schafts­po­li­tisch mal wie­der den USA hin­ter­her. Dort hat die demo­kra­ti­sche Links­au­ßen Alex­an­dria Oca­sio-Cor­tez bis­he­ri­ge Extrem­po­si­tio­nen abge­räumt, weil die­se ihren Prä­si­dent­schafts­am­bi­tio­nen im Wege ste­hen könn­ten („Woke 1 war irre“). Es bedurf­te kei­ner Ände­rung des Zeit­geis­tes, um die­sen vor­wie­gend in aka­de­mi­schen Zir­keln kur­sie­ren­den Wokeis­mus als nicht mehr­heits­fä­hig zu erken­nen.

Doch die Can­cel Cul­tu­re scheint auch unter Woke 2 ein ein­ge­üb­ter Reflex zu blei­ben. Das zei­gen gleich zwei Nach­rich­ten die­ser Woche.

Da lässt die Gleich­stel­lungs­be­auf­trag­te der Stadt Mün­chen den Papp­ma­ché-Figu­ren eines Okto­ber­fest-Karus­sells Rad­ler­ho­sen, hoch­ge­schlos­se­ne Ober­tei­le und Schu­he auf­ma­len. Was den Sexis­mus auf der Wies’n ein­däm­men soll. Als gin­ge es beim Okto­ber­fest für etli­che Besu­cher und Besu­che­rin­nen neben Spaß und Sau­fen am Ende nicht auch um Sex.

Da for­dern außer­dem Akti­vis­ten in Eng­land Kino­be­trei­ber auf, den neu­en Ali G.-Film nicht zu zei­gen, weil die­ser ras­sis­ti­sche Kli­schees und Ste­reo­ty­pen bedie­ne. Was ver­kennt, dass Sacha Baron Cohen sich nicht über die schwar­ze Hip­hop-Sze­ne lus­tig macht, son­dern sei­ne Kunst­fi­gur die Mit­tel­stands-Kids kari­kiert, die den Style, die Codes und die Spra­che der Rap­per adap­tie­ren (unver­ges­sen und sehens­wert Ali G.'s Auf­tritt vor Har­vard-Stu­den­ten).

Der Auf­ruf zum Film­boy­kott und die Okto­ber­fest-Inter­ven­ti­on dürf­ten beim Publi­kum über­wie­gend Kopf­schüt­teln pro­du­ziert und dem jewei­li­gen Anlie­gen eher gescha­det haben. Sacha Baron Cohen wird die Auf­re­gung um sei­nen Film hin­ge­gen recht sein. Und die Münch­ner Gleich­stel­lungs­be­auf­trag­te hat auch mal wie­der dar­auf hin­ge­wie­sen, dass es sie gibt.

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Anders gela­gert ist die Absa­ge der Gal­lia­no-Aus­stel­lung in New York. Es war der Ver­such einer Reha­bi­li­tie­rung des Mode­de­si­gners, der nach anti­se­mi­ti­schen Nazi-Sprü­chen sei­nen Job bei Dior ver­lo­ren hat. Das ist 15 Jah­re her und geschah wohl im Dro­gen­rausch. Danach ver­brach­te Gal­lia­no zehn Jah­re im wei­ßen Büßer-Kit­tel bei Mar­gie­la.

Anna Win­tour sah nun offen­bar die Zeit gekom­men, der Kunst des mitt­ler­wei­le 65jährigen wie­der eine Büh­ne zu ver­schaf­fen. Die lang­jäh­ri­ge Vogue-Che­fin hat die Rech­nung indes ohne die jüdi­schen Spen­der gemacht, die das Metro­po­li­tan Muse­um of Art mit­fi­nan­zie­ren. Man kann ihnen nicht ver­den­ken, dass sie mit John Gal­lia­no nichts zu tun haben wol­len.

Die Absa­ge ist nicht nur eine Klat­sche für Anna Win­tour, son­dern auch ein poten­zi­el­ler Schla­mas­sel für Zara. In die­sem Herbst sol­len die ers­ten Tei­le der auf zwei Jah­re ange­leg­ten Koope­ra­ti­on mit John Gal­lia­no in die Läden kom­men. Es ist der jüngs­te Coup einer gan­zen Rei­he von Desi­gner-Collabs, die Zara in den ver­gan­ge­nen drei, vier Jah­ren gelauncht hat. Mit die­ser neu­en Kom­mu­ni­ka­ti­ons­stra­te­gie soll  die Mar­ke von einem Anbie­ter anony­mer modi­scher Pro­duk­te zu einer krea­ti­ven Instanz wer­den. Anders als die Kol­le­gen aus Schwe­den set­zen die Spa­ni­er dabei nicht auf die ganz gro­ßen Namen, son­dern auf Insi­der-Brands wie Nanush­ka oder And Wan­der sowie über­ra­schen­de Collabs mit Ste­fa­no Pila­ti, Kate Moss oder Bad Bun­ny.

Es wird kein Zufall sein, dass die­se Neu­aus­rich­tung mit dem Stab­wech­sel in La Coru­na ein­her­ging. Mar­ta Orte­ga setzt ande­re Akzen­te als ihr öffent­lich­keits­scheu­er Vater. Für den 90jährigen Zara-Grün­der soll­ten allein die Läden spre­chen. Kaum vor­stell­bar, dass er wie sei­ne Toch­ter zur Met Gala nach New York geflo­gen wäre oder für ein (durch­aus lesens­wer­tes) Por­trait in der US-Vogue zur Ver­fü­gung gestan­den hät­te. Der PR-Effekt einer Gal­lia­no-Aus­stel­lung im kom­men­den Mai wird fest ein­ge­plant gewe­sen sein. Jetzt wird man den Ball bes­ser flach hal­ten.