Vitaly gariev werkk lieg unsplash

Sind wir zu langsam für die Mode?

Dass Trends immer schneller werden, ist ein Allgemeinplatz, den die Branche zwar nachplappert, aber noch nicht verinnerlicht hat, sagt Carl Tillessen. 
Carltillessenbymartinmai
Carl Til­les­sen

Die Kund:innen haben sich mühe­los an die zuneh­men­de Kurz­le­big­keit von Mode­trends ange­passt: Sie machen ein­fach mehr von dem, was sie sowie­so schon machen, näm­lich sich auf Social Media über die neu­es­ten Trends infor­mie­ren und immer öfter immer bil­li­ge­re Mode kau­fen.

Für die Arbeit von Designer:innen und Einkäufer:innen hin­ge­gen bedeu­tet die expo­nen­ti­el­le Beschleu­ni­gung des soge­nann­ten Mode­ka­rus­sells kei­ne Evo­lu­ti­on, son­dern eine Dis­rup­ti­on, an die sie sich eben nicht dadurch anpas­sen kön­nen, dass sie ein­fach mehr von dem machen, was sie sowie­so schon machen. Denn in dem Moment, in dem die Lebens­dau­er von Trends kür­zer gewor­den ist als der Pla­nungs­ho­ri­zont von Designer:innen und Einkäufer:innen, wur­de ein Kipp­punkt über­schrit­ten.

Durch die Mes­sung von Gehirn­strö­men haben For­scher fest­ge­stellt, dass unse­re Rezep­to­ren inak­tiv blei­ben, wenn das, was wir wahr­neh­men, mit unse­ren Erwar­tun­gen über­ein­stimmt. Unser Gehirn reagiert immer nur auf Ver­än­de­run­gen. Über­tra­gen auf die Mode heißt das: Unser Gehirn schal­tet ein­fach ab, wenn ein bestimm­ter modi­scher Look all­ge­gen­wär­tig gewor­den ist. Sobald ein Klei­dungs­stil Main­stream gewor­den ist, „reizt“ er uns nicht nur modisch, son­dern auch neu­ro­lo­gisch nicht mehr. Dann braucht es Klei­dung in einem neu­en Look, weil die Kla­mot­ten im alten Look bereits regel­recht unsicht­bar gewor­den sind. Der Blick fällt zwar auf sie, man nimmt sie aber nicht mehr bewusst wahr.

Wie lan­ge es dau­ert, bis es so weit ist, hängt davon ab, wie lan­ge es dau­ert, bis das Neue zum Nor­ma­len gewor­den ist, das Über­ra­schen­de zum Erwart­ba­ren. Folg­lich sind modi­sche Trends umso kurz­le­bi­ger, je schnel­ler sie sich ver­brei­ten und eta­blie­ren kön­nen. Vor der Digi­ta­li­sie­rung ging das bei wei­tem nicht so schnell wie heu­te. Denn da sicker­te die neu­es­te Mode, die in Paris und Mai­land gezeigt wur­de, qua­si nur tröpf­chen­wei­se in Form von Bil­dern in Illus­trier­ten Zeit­schrif­ten zu den Verbraucher:innen durch. Auf die­se Wei­se dau­er­te es meh­re­re Jah­re, bis sich ein neu­er Look eta­bliert hat­te.

Und weil es nicht nur noch kein Inter­net gab, son­dern auch noch kei­ne bil­li­ge schnel­le Mode, dau­er­te es dann noch ein­mal ein paar Jah­re, bis die Verbraucher:innen ihre Gar­de­ro­be nach und nach auf die­sen neu­en Look umstel­len konn­ten. Auf die­se Wei­se kamen Trends lang­sam und gin­gen auch lang­sam. Ein spe­zi­fi­scher Look hielt sich meist ein gan­zes Jahr­zehnt.

Trends werden so schnell Mainstream, dass Industrie und Handel keine Zeit mehr haben, zu reagieren und die entsprechenden Produkte rechtzeitig an den Start zu bringen.

Jetzt hin­ge­gen haben dank World Wide Web alle einen eige­nen Zugang zu modi­schen Bil­dern und Infor­ma­tio­nen aus ers­ter Hand. Die Schau­en in Mai­land und Paris zum Bei­spiel kann jeder in Echt­zeit strea­men. Die Bil­der davon wer­den sofort in den sozia­len Netz­wer­ken geteilt und ver­brei­ten sich viral. Und mit den Bil­dern ver­brei­tet sich auch der neue Look wie ein Lauf­feu­er. Oder viel­mehr wie ein Stroh­feu­er, denn Fast-Fashion-Unter­neh­men wie Zara und Ultra-Fast-Fashion-Unter­neh­men wie Shein grei­fen jeden Trend sofort auf, set­zen ihn mas­sen­taug­lich um und brin­gen ihn welt­weit so schnell und so flä­chen­de­ckend unters Volk, dass sich noch in der­sel­ben Sai­son eine Sät­ti­gung ein­stellt. Dann haben wir den ent­spre­chen­den Look im Netz und auf der Stra­ße bereits so oft gese­hen, dass unser Gehirn sie nicht mehr als Ver­än­de­rung wahr­nimmt und nicht mehr auf sie reagiert. Dann ist der Trend durch, und es wird Zeit für etwas Neu­es. So hat sich die Lebens­dau­er eines Trends um 95 Pro­zent ver­kürzt. War sie vor der Digi­ta­li­sie­rung noch ein Jahr­zehnt, so ist sie jetzt nur noch ein hal­bes Jahr.

Für Her­stel­ler und Händ­ler heißt das: Frü­her reich­te es, Trends in dem Moment zu erken­nen, in dem sie irgend­wo auf der Welt sicht­bar wur­den. Denn dann blieb ihnen noch genug Zeit, die ent­spre­chen­den Pro­duk­te bereit­zu­stel­len, bevor die ers­ten Kund:innen anfin­gen, danach zu fra­gen. Doch in der heu­ti­gen Dyna­mik ist es in dem Moment, in dem die Din­ge sicht­bar wer­den – sei es auf den Lauf­ste­gen in Paris, auf den Stra­ßen in Lon­don oder im Feed auf Insta­gram – bereits zu spät. Zwar ist es meist immer noch so, dass die Din­ge zuerst dort auf­tau­chen, bevor sie Main­stream wer­den. Aber sie wer­den so schnell Main­stream, dass Indus­trie und Han­del kei­ne Zeit mehr haben, zu reagie­ren und die ent­spre­chen­den Pro­duk­te recht­zei­tig an den Start zu brin­gen.

Vie­le Designer:innen und Produktmanager:innen set­zen aber immer noch dar­auf, dass eine Inspi­ra­ti­ons­rei­se nach New York oder ein Store­check in Lon­don ihnen offen­ba­ren wird, wel­che Mode in andert­halb Jah­ren nach­ge­fragt wer­den wird. Und vie­le Einkäufer:innen glau­ben immer noch, sie sei­en bes­tens infor­miert und auf die kom­men­de Order­run­de vor­be­rei­tet, weil sie regel­mä­ßig die Vogue und die Gala durch­blät­tern und auf Insta­gram und Pin­te­rest her­um­scrol­len.

Die Zeiten, in denen man bei Trendentscheidungen einfach auf seinen Bauch hören konnte, sind leider unwiederbringlich vorbei.

Wer immer noch glaubt, er kön­ne die dyna­mi­sche Trend­ent­wick­lung in einer digi­tal ver­netz­ten Welt vor­her­sa­gen, indem er mal kurz die Nase in den Wind hält, braucht sich nicht zu wun­dern, wenn er zuneh­mend das Gefühl hat, den Trends hin­ter­her zu lau­fen. Das ist kein Gefühl, son­dern Mathe­ma­tik: Ein Groß­teil der Indus­trie muss andert­halb Jah­re im Vor­aus mit der Pla­nung sei­ner Kol­lek­tio­nen begin­nen. Ein Groß­teil des Han­dels muss ein drei­vier­tel Jahr im Vor­aus mit der Pla­nung sei­nes Ein­kaufs begin­nen. Wenn die Trends, die zu die­sem Zeit­punkt sicht­bar sind, aber inner­halb eines hal­ben Jah­res schon wie­der durch sind, soll­ten die­se Trends nicht die Grund­la­ge der Pla­nung sein.

Alle Mark­teil­neh­mer mit einer Lead Time von mehr als einem hal­ben Jahr (also alle, die nicht Fast Fashion sind) müs­sen Trends erken­nen, bevor sie offen­bar wer­den und sich viral ver­brei­ten. Genau des­halb arbei­ten auch Unter­neh­men, die es frü­her nicht getan haben, jetzt mit exter­nen Trend­un­ter­neh­men wie DMI oder Peclers. Denn die­se alt­ein­ge­ses­se­nen Insti­tu­tio­nen mit ihren umfang­rei­chen Teams von Ana­lys­ten und Pro­gnos­ti­kern sind dar­auf spe­zia­li­siert, Trends zu anti­zi­pie­ren, bevor sie sicht­bar wer­den.

Vie­le Arbeitgeber:innen in Indus­trie und Han­del, glau­ben hin­ge­gen immer noch, dass ihre Designer:innen und Einkäufer:innen ihren eige­nen Trend-Rese­arch zu betrei­ben hät­ten, und sind ver­stimmt, wenn ihr Team sich damit über­for­dert zeigt. Das ist nicht fair. Frü­her wären die­se Erwar­tun­gen legi­tim gewe­sen. Denn da genüg­te es, mit offe­nen Augen und Ohren durch die Welt zu gehen und auf sein Bauch­ge­fühl zu hören, um Trends zu erken­nen und zu bedie­nen. Doch dafür ist das Trend­ge­sche­hen inzwi­schen viel zu schnell und zu kom­plex.

Ich weiß, wie sehr die Mode­bran­che ihr Bauch­ge­fühl liebt. Und ich bin der letz­te, der sol­chen Soft Skills nicht einen sehr hohen Wert zuer­ken­nen wür­de. Aber die Zei­ten, in denen man bei Trend­ent­schei­dun­gen ein­fach auf sei­nen Bauch hören konn­te, sind lei­der unwie­der­bring­lich vor­bei.

Ct konsum
Carl Til­les­sens Buch "Kon­sum" hat es in die Spie­gel-Best­sel­ler-Lis­te gebracht

Carl Til­les­sen ist Geschäfts­füh­rer des Deut­schen Mode-Ins­­­­­­­ti­­­­­­­­tuts (DMI). Sein Buch “Kon­sum” geht der Fra­ge nach, wie, wo und vor allem war­um wir kau­fen. www.carltillessen.com

Bei­trä­ge von Carl Til­les­sen