Gundel nimmermehr klein

"Einen größeren Gefallen konnte man PETA nicht tun"

In New York und London stürmten Tierschutzaktivisten die Catwalks. Nach Pelz steht jetzt die Wolle im Fokus der Kritik. Womit soll die Modeindustrie künftig noch arbeiten? Das haben wir die weltbekannte Textilexpertin Gundel Ekeldoort gefragt.

PETA macht gegen Wol­le mobil. Was hal­ten Sie davon, Gun­del Ekel­doort?

Die sol­len mal bes­ser eine Dau­nen-Kam­pa­gne machen. Das wäre eher in mei­nem Inter­es­se.

Zäh­len Scha­fe den Tier­schüt­zern womög­lich mehr als Vögel?

In jedem Fall sind sie bes­ser für Kam­pa­gnen geeig­net. Wahr­schein­lich weil sie knuf­fi­ger aus­se­hen und einem nicht auf den Kopf scheis­sen kön­nen.

Jetzt mal im Ernst: Es ist doch wich­tig, sich um Tier­wohl zu bemü­hen.

Natür­lich. In der Schaf­zucht bekle­ckern sich vie­le tat­säch­lich nicht mit Ruhm. Läm­mern den Arsch auf­zu­reis­sen, um Flie­gen­be­fall vor­zu­beu­gen, ist unge­fähr so, wie einen Wald abzu­hol­zen, damit ihn kei­ner anzün­den kann.

Peta
PETA-Pro­test bei H&M‑Show in Lon­don

Hm.

Aber aus­ge­rech­net bei einer H&M‑Show gegen Wol­le zu demons­trie­ren, zeugt natür­lich von Unwis­sen­heit. Der Kon­zern ver­ar­bei­tet doch bedeu­tend mehr Baum­wol­le und Poly­es­ter. Gera­de mal ein Pro­zent ist Wol­le! Zudem han­delt es sich um RWS-zer­ti­fi­zier­te, also Mule­sing-freie Ware. Aber Gra­tu­la­ti­on an PETA für das gelun­ge­ne Cas­ting! Ohne das 'Wool is bloo­dy cruel'-Schild wäre die bauch­freie Kol­le­gin auf dem Cat­walk gar nicht auf­ge­fal­len.

"Der Höhenflug von Shein wäre ohne Polyester nicht möglich gewesen"

In Lon­don hat man die Pro­tes­tie­ren­den gewäh­ren las­sen. Bei Cos in New York kam es dage­gen zu einer Ran­ge­lei. Danach muss­te der CFDA-Chef gehen. 

Wo ein Prä­si­dent im Wei­ßen Haus MMA-Kämp­fe aus­rich­ten lässt, ver­ro­hen halt die Sit­ten. Die Akti­vis­ten kön­nen von Glück reden, dass Ste­ven unbe­waff­net war.

Und PETA, dass Ste­ven Kolb die Siche­run­gen durch­ge­brannt sind.

Einen grö­ße­ren Gefal­len konn­te er der Kam­pa­gne nicht tun.

Wol­le gehört zu den ältes­ten Tex­ti­li­en der Mensch­heit. Sie wirkt kli­ma­re­gu­lie­rend, ist natür­lich atmungs­ak­tiv und geruchs­re­sis­tent, lang­le­big und robust. Als nach­wach­sen­der Roh­stoff ist sie bio­lo­gisch abbau­bar und recy­cle­bar. Es spricht aus Nach­hal­tig­keits­grün­den doch viel dafür, eher mehr als weni­ger Wol­le ein­zu­set­zen, oder?

Ich gebe Ihnen recht. Eine Alter­na­ti­ve ist Poly­es­ter. Das ist zwar vegan, aber das Mikro­plas­tik, das bei jeder Wäsche frei­ge­setzt wird, lan­det im Meer und ver­gif­tet die Fische. Das kön­nen die Tier­schüt­zer auch nicht wol­len. Und ob es so sinn­voll ist, ein Mate­ri­al zu for­cie­ren, das aus Erd­öl her­ge­stellt wird – einer end­li­chen Res­sour­ce – ist eben­so frag­lich. Auch der Höhen­flug von Shein & Co wäre ohne das bil­li­ge Poly­es­ter nicht mög­lich gewe­sen. Aber Donald Trump hat mit sei­nem Irankrieg ja jetzt dafür gesorgt, dass auch das teu­rer wird.

Was ist mit Baum­wol­le?

Welt­weit wer­den jähr­lich rund 25 Mil­lio­nen Ton­nen Baum­wol­le pro­du­ziert. Das ver­braucht 226,5 Bil­lio­nen Liter Was­ser. Zum Ver­gleich: In Deutsch­land liegt der direk­te Was­ser­ver­brauch jähr­lich bei 17,9 Bil­lio­nen Liter. Damit könn­ten wir hier­zu­lan­de alle 1491 Mal im Jahr baden. Vier­mal am Tag!

Wahn­sinn, was Sie alles wis­sen, Frau Ekel­doort!

Dan­ken Sie ChatGPT!

Was also tun?

Second Hand tra­gen. Damit schüt­zen sie nicht zuletzt den natür­li­chen Lebens­raum von Klei­der­mot­ten.

Alle "Inter­views" mit Gun­del Ekel­doort gibt's hier.