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Sind wir nicht alle Influencer?

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Jür­gen Müller

Womög­lich lag es an den Ton­nen von Fotos vom ver­pack­ten Arc de Triom­phe, dass Insta­gram Anfang die­ser Woche in die Knie ging. Gab es einen Influ­en­cer, der sich in Paris zwi­schen zwei Schau­en nicht vor Chris­tos Werk ablich­ten ließ? Der sechs­stün­di­ge Shut­down von Face­book, Insta­gram und Whats­app am Mon­tag ver­mit­tel­te den Wer­be­trei­ben­den eine lei­se Ahnung davon, wie sich die Ein­zel­händ­ler beim mona­te­lan­gen Lock­down gefühlt haben muss­ten. No Busi­ness without Show­busi­ness. Oder auch „Het­ze­frei“, wie einer auf Twit­ter fast erleich­tert schrieb.

Die Funk­ti­ons­fä­hig­keit war schnell wie­der her­ge­stellt. Mehr Kopf­zer­bre­chen wird Mark Zucker­berg der seit Wochen anhal­ten­de Kurs­ver­fall der Face­book-Aktie berei­ten. Dazu kom­men die aktu­el­len Ent­hül­lun­gen der Ex-Insi­de­rin Fran­ces Hau­gen. Dabei belegt die Whist­leb­lo­we­rin bloß, was alle wis­sen: Face­book ist eine von Zau­ber­lehr­ling Zucker­berg geschaf­fe­ne, mitt­ler­wei­le unkon­trol­lier­ba­re Höl­len­ma­schi­ne, die aus Pro­fit­sucht Gesell­schaft und Demo­kra­tie gefähr­det. Viel­leicht schürt das bei der einen oder ande­ren Mar­ke doch Zwei­fel, ob dies das bes­te Umfeld ist, sei­ne Bot­schaf­ten zu plat­zie­ren. Zumal den Mar­ke­teers das Wort ‚social respon­si­bi­li­ty‘ heu­te so locker über die Lip­pen kommt wie frü­her „Som­mer­schluss­ver­kauf‘.

Aber weil die meis­ten Leu­te wahr­schein­lich lie­ber „Emi­ly in Paris“ gucken als sich auf Net­flix mit „Social Dilem­ma“ die Lau­ne ver­der­ben zu las­sen, wer­den sie auch Face­book & Co. wei­ter nut­zen. Nicht zuletzt gehö­ren die sozia­len Netz­wer­ke für vie­le Men­schen mitt­ler­wei­le zur Infra­struk­tur ihres Lebens. Des­halb wer­den sie auch ein Must-be für Wer­be­trei­ben­de bleiben.

Die Mode­leu­te tum­meln sich vor allem auf Insta­gram. Der Bil­der­dienst ist das ein­fluss­reichs­te Mode­me­di­um aller Zei­ten. Und dem­nächst viel­leicht auch die fre­quenz­stärks­te Ein­kaufs­mei­le im Netz. Schon eine gan­ze Wei­le geht es auf Insta­gram nicht mehr nur ums Gucken, son­dern auch ums Shop­pen. Dass man die Platt­form dazu ver­las­sen muss, stört indes so man­chen Kauf­im­puls. Über kurz oder lang wer­den die Insta­gram-Macher des­halb für eine bes­se­re Inte­gra­ti­on von Kauf­an­ge­bo­ten sor­gen (müs­sen).

Ein gewal­ti­ger Hebel könn­te Insta­grams geplan­tes Affi­lia­te-Pro­gramm wer­den, das in den USA der­zeit als Beta-Test läuft. Busi­ness Insi­der ent­hüll­te kürz­lich Details dazu. Influ­en­cer sol­len künf­tig Kom­mis­si­on über Insta­gram erhal­ten kön­nen für Pro­duk­te, die sie im Feed oder in ihren Sto­ries getagt haben. Bis zu 20% vom VK-Preis sol­len die Brands dafür raus­rü­cken. Eine von meh­re­ren Initia­ti­ven, die die Platt­form attrak­ti­ver für sog. Con­tent Creators machen soll. Und eine gewal­ti­ge Kon­kur­renz für Affi­lia­te-Platt­for­men und Influ­en­cer-Agen­tu­ren. Inwie­weit Insta­gram Kom­mis­si­on abzwackt, ist noch nicht klar. In jedem Fall ist das Netz­werk in der Lage, glo­bal jeden rele­van­ten Influ­en­cer zu iden­ti­fi­zie­ren und den Brands als poten­zi­el­le Schau­fens­ter­fi­gur anzu­bie­ten. Und wer weiß, ob wir uns damit eines Tages nicht alle etwas dazu ver­die­nen kön­nen. Influ­en­cer, das sind wir schließ­lich ja alle irgend­wie für irgendwen.

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Und sonst?

…hat das KadeWe sei­ne spek­ta­ku­lä­re Rem Kool­haas-Trep­pe eröff­net: ele­gan­ter wird man kaum irgend­wo zum Geld­aus­ge­ben gebracht.

…rät­selt man in Gel­sen­kir­chen-Buer, was es mit den Wer­be­pla­ka­ten in der Fuß­gän­ger­zo­ne auf sich hat: Cha­nel, Pra­da, Fen­di – „Wir bau­en für Sie um“. Wird Gel­sen­kir­chen-Buer zur Desi­gner-Hoch­burg?“, fragt sich die WAZ. Das Gan­ze ist wohl eher ein auf­merk­sam­keits­star­ker Hin­weis auf den mas­si­ven Leer­stand in der Einkaufsstraße.

…haben wir gera­de eine der größ­ten Kri­sen die­ser Genera­ti­on erlebt. Die Zahl der Fir­men­plei­ten wird in Deutsch­land nach Ein­schät­zung des Kre­dit­ver­si­che­rers Euler Her­mes den­noch auf den nied­rigs­ten Stand seit etwa zehn Jah­ren sin­ken. Den staat­li­chen Coro­na-Hil­fen sei Dank.

…gab Eliza­beth Cur­rid-Hal­kett der SZ ein sehr lesens­wer­tes Inter­view (Pay­wall). Die Geld­e­li­te sei durch eine Tugen­de­li­te abge­löst wor­den, so die ame­ri­ka­ni­sche Sozio­lo­gin. „Wir bemes­sen gesell­schaft­li­ches Anse­hen heu­te dar­an, wie gebil­det jemand ist, wie acht­sam und wie umwelt­be­wusst er oder sie sich ver­hält.“ Die neue Ober­klas­se nut­ze ihr Wis­sen, ihre Bil­dung, ihr Umwelt­be­wusst­sein auch, um ihr Luxus­geh­a­be zu bemän­teln. “Ich glau­be, dass wir uns manch­mal ein­re­den, dass wir Gutes für die Welt tun, obwohl wir in Wahr­heit nur Gutes für uns selbst tun.”