Im Gespräch: Hedi Slimane, Renzo Rosso, Bruno Sälzer, Dennis Paphitis, Wolfgang Krogmann

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Wer in den vergangenen Wochen zwischen Pool und Party noch Zeit zum Medienkonsum fand, dem lächelten erstaunlich häufig Modeleute entgegen.

Zum Beispiel Hedi Slimane. Dirk Standens großartiges Interview mit dem Saint Laurent-Kreativen für Yahoo Style ist unbedingt lesenswert. Obwohl man dafür Geduld und Zeit mitbringen muss. Slimane beantwortete die Fragen in einer Ausführlichkeit, als wolle er ganz allein das Sommerloch füllen. Das liegt wahrscheinlich auch daran, dass das Interview mit dem scheuen Kreativen per Mail geführt wurde. Wer weiß, wieviele PR-Profis für Slimane die Tastatur bedienten. Gelesen haben wird er es auf jeden Fall. Insofern erlaubt das Interview einen seltenen und sehr detaillierten Einblick in die Gedankenwelt, die Motivation und die Arbeitsweise des Saint Laurent-Designers.

Natürlich erklärt er ausführlich, weshalb die Eliminierung von „Yves“ beim Rebranding von „Saint Laurent“ kein Sakrileg, sondern eine historische Rückbesinnung darstellt. Slimane wird immer wieder vorgeworfen, er schände das Andenken des genialen Gründers und seines Lebens- und Geschäftspartners Pierre Bergé. „Ich kam nur wegen Pierre und Yves zurück. Ich habe in den vergangenen vier Jahren mein Bestes getan, das Fundament ihres Hauses zu schützen und stärken. Das war eine Frage der Ehre, der Pflicht und unbedingter Liebe.“ Die Kritik habe ihn letztlich aber nur bestärkt: „Wenn es keine Reaktion gibt, bedeutet das, dass es keinen interessiert. Wenn es keinen interessiert, haben wir ein Problem. (…) Wenn du alle gegen Dich hast, hast Du nichts zu verlieren. So gewinnst du letztlich Freiheit.“

Dass Slimane mehr richtig als falsch gemacht hat, zeigt die wirtschaftliche Entwicklung von Saint Laurent: Der Umsatz der Marke hat sich unter seiner Ägide verdoppelt. Und das ist es, was letztlich zählt. „Designer in der heutigen Modeindustrie haben einen Fuß im Studio, den anderen im Laden und beide Augen auf die Börse gerichtet.“ Das Totale Kontrolle-Klischee sei irreführend. „Es geht nicht um Kontrolle, sondern um Konsistenz, und es gibt keinen anderen Weg in einem global agierenden Haus. Man hat keine Wahl.“

Hedi Slimane widerlegt mit seinen reflektierten Aussagen nicht zuletzt das Vorurteil, dass wer sich mit der Oberfläche beschäftigt auch oberflächlich ist.

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Ähnlich tiefgründig gibt sich Aesop-Gründer Dennis Paphitis in The Talks. In dem Gespräch geht es um die Philosophie der australischen Kosmetik-Marke, die gerade in Berlin den zweiten Store eröffnet hat. Auch Paphitis geht es um Konsistenz; bei Aesop sind sogar Dinge geregelt, von denen die Kunden gar nichts mitbekommen, bis hin zum zu verwendenden Klopapier. „Die Teile, die man nicht sieht, sind oft die entscheidenden“, erklärt Paphitis. „Die kleinen Rituale und Gesten, deren Energie in Raum und Geist einfließen und womöglich auch in das Produkt selbst… das ist der Grund, weshalb die Kopisten, die versuchen nachzuahmen, was wir tun, immer scheitern. Immer.“

Mit dem Begriff Luxus kann der Aesop-Gründer nicht viel anfangen. „Es geht darum, das Beste zu suchen, was möglich ist. Gutes Brot, eine echte Zeitung, sauberes Wasser – das ist Luxus. Der Luxus, der mich am meisten berührt, kommt selten mit einem Logo daher.“

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Renzo Rosso stößt im Gespräch mit Tobias Bayer für die Welt ins selbe Horn: „Die Welt des Luxus ist anmaßend, sehr versnobt.“ Weshalb der Diesel-Gründer damit nichts zu tun haben möchte. Seiner OTB-Gruppe gehören zwar Designer-Brands wie Maison Margiela, Victor & Rolf und Marni. Mit Luxus-Konglomeraten wie LVMH und Kering hat Rosso gleichwohl nichts am Hut. „Ich möchte eine Unternehmensgruppe schaffen, die nicht arrogant ist. Die demokratisch ist.“ Und die sich in der Nische wohlfühlt. „Viel wichtiger als groß zu sein, ist es, cool zu sein.“ Ansonsten erfährt man, dass der 1955 geborene Rosso stets um 5.55 aufsteht und am liebsten den Sonnengruß macht (die Yoga-Freunde werden wissen, wie das geht).

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Vom Luxus abgewandt hat sich auch Bruno Sälzer. Der Ex-Escada-Boss hat sich bekanntermaßen bei Bench eingekauft. Jetzt sprach er mit Caspar Busse von der SZ über seine Beweggründe. Natürlich sieht er ein enormes Nachfrage-Potenzial für das Streetwear-Label: „Je älter die Leute werden, desto jünger wollen sie sein“. Diese Aussage wollte Sälzer ausdrücklich nicht für sich gelten lassen. Er hat uns im Anzug auch definitiv besser gefallen als im Hoodie.

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Und dann war da Anfang August auch noch das Spiegel-Gespräch mit Primark-Nordeuropa-Chef Wolfgang Krogmann. Das den obligatorischen Shitstorm nach sich zog. Dabei hat Krogmann durchaus sauber argumentiert. Dass niedrige Preise zu mehr Konsum verführen, ist nicht von der Hand zu weisen. Aber, so Krogmann eben auch, „es ist nicht die Aufgabe von Primark, einer 16-Jährigen ein Gefühl dafür zu vermitteln, wie viele Paar Schuhe sie besitzen muss.“

Dass Primark sich in der Nachhaltigkeitsdebatte positioniert, ist lobenswert und richtig. Das eher öffentlichkeitsscheue Unternehmen tut dies natürlich nicht freiwillig. „Die Kritik trifft uns“, räumt Krogmann denn auch ein. Er weist zu Recht darauf hin, dass „billig nicht gleich böse“ ist. Informierte Konsumenten wird er damit erreichen, die Masse eher nicht. Naturgemäß wird der Billigste immer besonders im Kreuzfeuer der Nachhaltigkeitseiferer stehen. Das ist der Preis, den eben Primark zahlen muss.

profashionals

Mehr als 20 Jahre journalistische Arbeit bei der TextilWirtschaft. Als Redakteur, Korrespondent, Business-Ressortleiter. Chefredakteur von 2006 bis 2011. Die TextilWirtschaft ist das führende Medium für das Modebusiness im deutschsprachigen Europa. Seit Januar 2012 Managing Partner der Personalberatung Hartmann Consultants

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