Sälzer geht

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Sälzer zu Benetton? Wer auch immer das durchgestochen hat – die Wechselgerüchte veranlassten Escada zur Klarstellung: „Dr. Bruno Sälzer verlässt Escada“, bestätigte die Pressestelle gestern. Der 56jährige hat seinen Ende des Jahres auslaufenden CEO-Vertrag nicht verlängern wollen. Ob er tatsächlich nach Italien geht, ist unklar.

Aufmerksame Beobachter wird Sälzers Schritt nicht überraschen. Escada hat in den vergangenen beiden Jahren durch zahlreiche Manager-Abgänge von sich reden gemacht: Vorstand Werner Lackas, CFO Michael Börnicke, Vertriebsleiterin Miriam Anlauf, Operations Director Jan Hilger, der internationale Vertriebschef Jacob Bjerregaard, zuletzt Kommunikationsleiterin Alexandra Valtin – allesamt wurden sie, wenn überhaupt, intern nachbesetzt. Nach allem, was man hört, aus Kostengründen. Wie es um das Unternehmen tatsächlich bestellt ist, weiß man nicht. Nach der Umfirmierung in eine SE vor gut drei Jahren gab Escada keine Zahlen mehr bekannt. Sälzer selbst sprach in Interviews seit 2010 immer wieder von rund 300 Millionen Umsatz, von einer erfolgreichen Restrukturierung und dass die schwarze Null in Sicht sei. Er hat die Stores modernisiert, die Kollektionen verschlankt, die Preise (und Qualitäten) gesenkt und mehr als einmal Escada Sport relauncht. Neben Mode hat Sälzer auch den einen oder anderen Mietvertrag verkauft. Er führt das Unternehmen seit über einem Jahr quasi im Alleingang. Ob das so noch Spaß gemacht hat? Wie seine Bilanz aussieht, wird spätestens sein Nachfolger oder die Nachfolgerin erklären.

Für Escada ist Sälzers Abschied eine weitere Zäsur in der an Einschnitten nicht armen Firmenhistorie. Das 1976 von Margaretha und Wolfgang Ley gegründete Unternehmen erlebte seine Blütezeit in den 80er Jahren; Anfang der 90er Jahre war Escada der weltgrößte Anbieter von Luxus-Damenmode. Da war die Krise bereits vorgezeichnet. Den Börsengang 1986 bezeichnete Wolfgang Ley rückblickend als den größten Fehler seines Lebens. Mit dem frischen Kapital forcierte er eine wilde Expansion mit eigenen Läden (Anfang der 90er waren es über 200). Und er ging auf Einkaufstour. Mit den Ende der 80er und Anfang der 90er übernommenen Unternehmen Kemper, Schneberger, Blusen-Neumann, St. John und Badgley Mischka verzettelte sich Ley, die Töchter wurden im Laufe der Jahre allesamt wieder verkauft. 1992 starb mit Margaretha Ley das kreative Herz der Marke, und der geniale Verkäufer Ley widmete sich vor allem der Finanzakrobatik. Die Marke setzte Staub an. Das Goldknopf-Image ist Escada bis heute nicht wirklich losgeworden.

2003 stieg ein US-Finanzinvestor in Aschheim ein und Wolfgang Leys Anteil sank unter 10%. Der Gründer wurde 2006 aus der operativen Führung gedrängt. Sein Nachfolger Frank Rheinboldt (der heutige AppelrathCüpper-Chef) trat nach wenigen Monaten zurück, von Nach-Nachfolger Jean-Marc Loubier (der heute für Li & Fung europäische Marken aufkauft) blieben lediglich hohe Spesenabrechnungen.

Bruno Sälzer kam 2008 als Lichtgestalt nach München. Nach dem Inhaberwechsel bei Hugo Boss war das ein perfektes Karriere-Timing. Er brachte etliche Top-Leute aus Metzingen mit. Die Insolvenz 2009 hat ihn dann wahrscheinlich selbst überrascht: “Es war nicht immer leicht“, kommentierte er in einem Interview mal süffisant. „Insolvenz ist ein Fachgebiet, das mich noch nie besonders interessiert hat.” Dann kam Megha Mittal.

Jetzt bricht Sälzer zu neuen Ufern auf. Zuletzt traf ich ihn am Münchner Flughafen. Da war er auf dem Weg nach Italien.

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profashionals

Mehr als 20 Jahre journalistische Arbeit bei der TextilWirtschaft. Als Redakteur, Korrespondent, Business-Ressortleiter. Chefredakteur von 2006 bis 2011. Die TextilWirtschaft ist das führende Medium für das Modebusiness im deutschsprachigen Europa. Seit Januar 2012 Managing Partner der Personalberatung Hartmann Consultants

5 thoughts on “Sälzer geht

  1. …. Hallo Herr Müller… Sehr gutgeschrieben und recherchiert…
    Manchmal fehlt mir persönlich ein gewisser ‚PEPP‘ in Ihrer Kolumne… Muss ja nicht zynisch oder ironisch sein…also zB ..: … Landet Sälzer jetzt in Nördlingen… oder so… Aber ein bisschen frecher würde es sich noch viel besser lesen…. Weiter so!
    Gruß
    WS

  2. lieber herr müller
    das haben sie toll geschrieben- ich bin gerade sentimental: ESCADA und
    STRENESSE werden in eine völlig andersartige Zukunft gehen,
    ganz herzliche Grüsse Franziska von Becker

    Mit freundlichen Grüssen / best regards

    Franziska von Becker
    TAILORIT – More Value for Retailers

  3. Damals stand Escada für Goldknöpfe, und es hat gepasst, weil die Kundinnen eben Goldknöpfe an ihren Kostümen wollten. Heute tragen Frauen keine Kostüme mehr und auch die goldenen Knöpfe sind an den Blazern aus Aschheim (fast) nicht mehr zu finden.

    Längst verkauft sich Mode nicht mehr über Rocklängen und Stoffqualitäten. Statt Bedarfskäufen begehen wir Lustkäufe. Somit lassen sich Klamotten nur noch über ein cooles Image oder eben über ein überzeugendes Produkt absetzen. Über beides verfügt Escada nicht. Das Image bieder und altbacken, das Produkt, die Kollektion, schwach und seelenlos. Mal ein schönes Kleid pro Kollektion macht noch keine Weltmarke.

    Stilistisch richtungsweisend war das Label nie! Man kopierte von Valentino, bediente sich bei Chanel, schielte auf Saint Laurent und Ferré. In Zeiten eines global einheitlichen Dresscodes der Reichen -Taftschleifen und Samtkorsagen- funktionierte das prima, bis die Trendsetter unter ihnen Helmut Lang für sich entdeckten und der schwülstigen 80er Jahre Opulenz fortan abschworen. Der modische Eklektizismus aus „Sex and the City“ der auf die Minimalismus-Welle folgte, brachte für Escada keine Erlösung. Im Gegenteil. Als auch die französischen Nobelmarken keine Trends mehr zu setzen vermochten, hatte Escada plötzlich keine stilistischen Leitbilder mehr. Als Anbieter von damenhaften Komplett-Looks wirkten Escadas Kollektionen im Demokratisierungs-Prozess der Mode (Hello Streetstyle!) völlig outdated. Leider ist das bis heute so geblieben. Die gutbezahlten Manager, die auf den Firmengründer folgten, haben mit ihren Entscheidungen und Maßnahmen, die Töchter der Kundinnen aus der Ära Ley nicht erreichen können. Auch Karin Stoiber als Red-Carpet-Testimonial vermag den Umsatz nicht wirklich anzuheizen! Megha Mittal, die sich das Unternehmen Escada zu ihrem 33. Geburtstag von ihrem Papi schenken ließ, konnte durch den Kauf 2009 zwar die Schließung des Modehauses verhindern, allerdings nicht dessen Abrutschen in die Bedeutungslosigkeit. Money can’t replace vision! Klickt man sich auf escada.com durch die Lookbooks aller Linien könnte man meinen man sichtete gerade das Angebot von Appelrath-Cüpper! Schön katalogig das Ganze! High Fashion ist nur noch der Preis!

    siehe auch:
    ESCADA – eine Diva auf Abschiedstour
    http://www.hype-magazine.com/blog/archives/1313

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