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Handel zwischen Relevanz und Resonanz

Die Modebranche wird gleichzeitig von zwei Seiten angegriffen. Die KI-Suche fängt die Absicht ab, bevor die Kundin einen Shop öffnet. Feed-Commerce erzeugt den Impuls, bevor überhaupt ein Bedürfnis besteht. Der Handel muss sich auf diese Disruption einstellen, sagt Stefan Wenzel. Teil 3 der Profashionals-Serie „Agentic Commerce – was der Handel jetzt wissen muss"
Stefan wenzel
Ste­fan Wen­zel

Eine Kun­din kauft ein T‑Shirt über Tik­Tok. Vor drei Minu­ten wuss­te sie noch nicht, dass sie es will. Eine Crea­to­rin hat es getra­gen und dazu etwas Lus­ti­ges gesagt. Der Schnitt sah gut aus und der Preis pass­te. Zwei Klicks, und das Shirt war bestellt. Kein Ver­gleich, kei­ne Recher­che, kein Preis­check.

Die­sel­be Kun­din benö­tigt ein Lei­nensak­ko für eine Hoch­zeit im Juni. Sie öff­net ChatGPT, beschreibt, was sie sucht (bequem, ele­gant, unter 300 Euro, kein Fast Fashion), erhält drei Vor­schlä­ge, klickt auf den ers­ten und kauft. Kein Scrol­len, kein Stö­bern, kein inspi­rie­ren­der Moment.

Zwei Kauf­ak­te. Zwei kom­plett ver­schie­de­ne Logi­ken. Und bei­de lau­fen am klas­si­schen Geschäfts­mo­dell des Mode­han­dels vor­bei.

In den ers­ten bei­den Tei­len die­ser Serie habe ich beschrie­ben, wie sich die Suche ver­än­dert hat (Teil 1) und wer bei die­ser Ver­schie­bung gewinnt und ver­liert (Teil 2). Was bis­her fehl­te, ist der Blick auf die zwei­te Dis­rup­ti­on, die zeit­gleich statt­fin­det und für die Bran­chen Mode, Beau­ty und Life­style min­des­tens eben­so rele­vant ist wie die KI-Suche: Feed-Com­mer­ce.

Tik­Tok hat mit Tik­Tok Shop im Jahr 2025 einen GMV von 64 Mil­li­ar­den Dol­lar erzielt, was einer Ver­dopp­lung gegen­über dem Vor­jahr ent­spricht. In Deutsch­land lag der kol­por­tier­te Außen­um­satz in den ers­ten zwölf Mona­ten seit dem Start im März 2025 bei 700 Mil­lio­nen Euro. Die Top-Kate­go­rien sind: Beau­ty, Damen­mo­de, Sport und Out­door. Für 2026 rech­nen Ana­lys­ten mit über 110 Mil­li­ar­den Dol­lar. Es han­delt sich dabei nicht um ein Feld­ex­pe­ri­ment, son­dern um ein neu­es Han­dels­mo­dell von der Nach­fra­ge bis zum Ful­fill­ment.

Feed-Com­mer­ce funk­tio­niert nach einer kom­plett ande­ren Logik als Suche. Die KI-Suche arbei­tet intent­ba­siert. Die Kun­din weiß, was sie will. Sie for­mu­liert eine Fra­ge und das Sys­tem lie­fert eine Ant­wort. Wer in die­ser Ant­wort vor­kommt, ist Teil der Kauf­ent­schei­dung. Wer nicht vor­kommt, exis­tiert nicht. Das Kri­te­ri­um ist Rele­vanz. Daten­qua­li­tät, veri­fi­zier­ba­re Attri­bu­te, algo­rith­mi­sches Ver­trau­en. Dar­über habe ich in den ers­ten bei­den Tei­len geschrie­ben. Der Anteil die­ser Her­aus­for­de­rung wächst mit dem KI-Anteil an der Inter­net­su­che.

Im Feed-Com­mer­ce funk­tio­niert es genau umge­kehrt. Hier gibt es kei­nen expli­zi­ten Kauf­wunsch. Die Kun­din scrollt, wird unter­hal­ten und ent­deckt dabei etwas, das sie anspricht – und kauft es. Der Kauf­im­puls ent­steht im Moment. Er ent­steht nicht aus einer Recher­che oder einem reflek­tier­ten Bedürf­nis, son­dern aus einem Gefühl. Ent­schei­dend ist nicht die Rele­vanz, son­dern die Reso­nanz: Emo­ti­on, Ästhe­tik, Sto­rytel­ling und die rich­ti­ge Crea­to­rin im rich­ti­gen Moment. Des­halb wäre Reso­nanz-Han­del der pas­sen­de­re Begriff.

Die Mode­bran­che wird gleich­zei­tig von bei­den Sei­ten ange­grif­fen. Die KI-Suche fängt die Absicht ab, bevor die Kun­din einen Shop öff­net. Feed-Com­mer­ce erzeugt den Impuls, bevor über­haupt ein Intent besteht. Bei­de bedie­nen sich am sel­ben Kuchen: dem klas­si­schen Modell aus Web­shop, SEO, News­let­ter und Per­for­mance-Mar­ke­ting.

Wer nur auf maschinenlesbare Daten setzt, verliert den Impulsmarkt. Wer nur auf Content und Creator setzt, verliert den Recherchemarkt.

Nicht alle Pro­duk­te sind glei­cher­ma­ßen anfäl­lig für bei­de Arten der Dis­rup­ti­on. Und genau das macht die Sache für Mode­händ­ler und Mar­ken kom­plex.

Impuls­käu­fe mit nied­ri­gem Preis und hohem emo­tio­na­len Anteil kip­pen struk­tu­rell in Rich­tung Feed. Ein Som­mer­top für 29 Euro, ein Lip­pen­stift, ein Acces­soire. Hier ent­schei­det nicht der bes­te Daten­satz, son­dern das bes­te Video. Tik­Tok Shop ist voll mit die­sen Kate­go­rien und ver­zeich­net wach­sen­de Umsät­ze, da das For­mat per­fekt zum Pro­dukt passt: kurz, visu­ell, emo­tio­nal, sofort.

Recher­che-inten­si­ve Käu­fe mit höhe­rem Preis und ratio­na­lem Anteil kip­pen hin­ge­gen in Rich­tung KI-Suche. Dazu gehö­ren eine Dau­nen­ja­cke für 800 Euro, ein Busi­ness­an­zug oder tech­ni­sche Out­door-Beklei­dung. Hier zäh­len ver­gleich­ba­re Spe­zi­fi­ka­tio­nen wie Mate­ri­al, Pass­form, Bewer­tun­gen und Ver­füg­bar­keit. Die Kun­din will nicht inspi­riert wer­den. Sie will die rich­ti­ge Ent­schei­dung tref­fen.

Und dann gibt es die Kate­go­rie dazwi­schen. Das Kleid für die Hoch­zeit kann sowohl Impuls als auch Recher­che sein. Die Snea­k­er, die jemand auf Tik­Tok gese­hen hat und anschlie­ßend bei ChatGPT nach­re­cher­chiert hat. Oder die Hand­ta­sche, die als Inspi­ra­ti­on im Feed beginnt und als Preis­ver­gleich beim KI-Sys­tem endet.

Für Unter­neh­men, die in meh­re­ren die­ser Kate­go­rien aktiv sind – und das ist der gesam­te Mode­fach­han­del – bedeu­tet das: Eine Ant­wort reicht nicht aus. Wer nur auf maschi­nen­les­ba­re Daten setzt, ver­liert den Recher­che­markt. Wer nur auf Con­tent und Crea­tor setzt, ver­liert den Impuls­markt. Und wer auf kei­nes von bei­dem setzt, ver­liert bei­des.

Performance-Marketing, Retail Media, Newsletter – das war die richtige Strategie für die Welt von gestern. Für die Welt von morgen reicht das nicht mehr aus.

Das stra­te­gi­sche Pro­blem besteht dar­in, dass die bei­den Dis­rup­tio­nen nicht nur ver­schie­de­ne Märk­te betref­fen, son­dern auch ver­schie­de­ne Fähig­kei­ten erfor­dern.

Für den KI-Bereich ist struk­tu­rier­te Exzel­lenz erfor­der­lich: sau­be­re Pro­dukt­da­ten, nor­mier­te Attri­bu­te, maschi­nen­les­ba­re Qua­li­täts­si­gna­le und eine gepfleg­te maschi­nel­le Iden­ti­tät. Wie in Teil 1 beschrie­ben, ist das Fleiß­ar­beit. Sie erfor­dert Inves­ti­tio­nen in die Daten­in­fra­struk­tur und ein Ver­ständ­nis dafür, was KI-Sys­te­me benö­ti­gen, um ein Unter­neh­men emp­feh­len zu kön­nen.

Für die Feed-Sei­te braucht es krea­ti­ve Exzel­lenz: Sto­rytel­ling, visu­el­le Ele­men­te, Geschwin­dig­keit, Authen­ti­zi­tät und die Fähig­keit, inner­halb von drei Sekun­den ein Gefühl aus­zu­lö­sen. Das ist eine ande­re Dis­zi­plin. Sie erfor­dert Inves­ti­tio­nen in die Con­tent-Pro­duk­ti­on und die Pfle­ge von Crea­tor-Bezie­hun­gen sowie ein Gespür dafür, was Men­schen unter­hält und nicht, was Maschi­nen lesen kön­nen.

Die wenigs­ten Unter­neh­men im deut­schen Mode­han­del beherr­schen heu­te bei­des. Vie­le beherr­schen kei­nes von bei­dem. Die meis­ten inves­tie­ren immer noch in die Mit­te: Per­for­mance-Mar­ke­ting auf Goog­le, Retail Media auf Zalan­do und News­let­ter an eine immer klei­ner wer­den­de Emp­fän­ger­lis­te. Das war die rich­ti­ge Stra­te­gie für die Welt von ges­tern. Für die Welt von mor­gen ist es jedoch nicht mehr aus­rei­chend.

Marken müssen auf zwei unterschiedlichen, völlig neuen Bühnen gleichzeitig funktionieren: maschinenlesbar genug für die KI und emotional genug für den Feed.

Es gibt ein Instru­ment, das auf bei­den Spiel­fel­dern funk­tio­niert: eine star­ke Mar­ke.

Auf der KI-Sei­te schützt sie vor algo­rith­mi­scher Aus­tausch­bar­keit. Wenn eine Kun­din ihrem KI-Sys­tem mit­teilt, dass sie ein bestimm­tes Label möch­te, wird der Preis­ver­gleich über­schrie­ben. Die Mar­ke ist der ein­zi­ge Over­ri­de im Sys­tem. In Teil 2 habe ich dies als expli­zi­te Kun­den­prä­fe­renz beschrie­ben. Die­se Prä­fe­renz muss jedoch erst ent­ste­hen. Und sie ent­steht nicht durch Daten. Sie ent­steht durch Erfah­rung, Emo­ti­on und Ver­trau­en.

Auf der Feed-Sei­te kann die Mar­ke den Unter­schied zwi­schen einem Pro­dukt, das gescrollt wird, und einem, bei dem jemand hän­gen bleibt, aus­ma­chen. Die Mar­ke kann den Kon­text lie­fern, der aus einem belie­bi­gen Top ein begehr­tes Top macht. Ohne Mar­ke ist Feed-Com­mer­ce ein Preis­wett­be­werb im Drei-Sekun­den-Fens­ter. Mit Mar­ke hin­ge­gen ist es ein Wie­der­erken­nungs- und Ver­trau­ens­mo­ment.

In der Mode­bran­che war Mar­ke schon immer das zen­tra­le Instru­ment. Anders ist, dass sie jetzt zusätz­lich auf zwei voll­kom­men unter­schied­li­chen, völ­lig neu­en Büh­nen gleich­zei­tig funk­tio­nie­ren muss: maschi­nen­les­bar genug für die KI und emo­tio­nal genug für den Feed. Wer nur eine der bei­den Büh­nen bespielt, ver­liert die ande­re. Weni­ger neu, wenn­gleich noch lan­ge nicht zur ver­brei­te­ten Pra­xis gewor­den, ist die Tat­sa­che, dass sich Händ­ler dabei selbst als Mar­ke ver­ste­hen müs­sen.

Mittelmaß wird bestraft, Klarheit belohnt. Was fehlt, ist nicht Technologie. Was fehlt, sind Entscheidungen.

In die­ser Serie wur­den drei Ver­schie­bun­gen beschrie­ben. Ers­tens ver­än­dert sich die Suche und jede Mar­ke braucht eine maschi­nel­le Iden­ti­tät. Zwei­tens: Nicht die mit dem größ­ten Bud­get sind die Gewin­ner die­ser Ver­schie­bung, son­dern die mit der stärks­ten Dif­fe­ren­zie­rung und den ech­tes­ten Kun­den­be­zie­hun­gen. Drit­tens wird Mode gleich­zei­tig von zwei Sei­ten ange­grif­fen und jede Sei­te ver­langt eine ande­re Ant­wort.

Ihnen allen ist gemein­sam, dass sie Mit­tel­maß bestra­fen und Klar­heit beloh­nen. Klar­heit dar­über, wofür man steht. Klar­heit dar­über, wer die eige­nen Kun­den sind. Klar­heit dar­über, wo die eige­ne Stär­ke liegt und wo nicht. Was fehlt, ist nicht Tech­no­lo­gie. Was fehlt, sind Ent­schei­dun­gen.

Sw bookSte­fan Wen­zel ist seit mehr als 25 Jah­ren im digi­ta­len Han­del und einer der pro­fi­lier­tes­ten Köp­fe der Bran­che. Sei­ne Vita beinhal­tet unter ande­rem Sta­tio­nen als Geschäfts­füh­rer für Unter­neh­men wie Ebay, brands4friends, Otto, Mexx und Tom Tail­or Digi­tal. Heu­te unter­stützt Ste­fan Wen­zel Fir­men als Frac­tion­al Exe­cu­ti­ve, Bei­rat und Advi­sor, er ist zudem Key­note Spea­k­er, Autor und Pod­­­cast-Host. Mehr Infor­ma­tio­nen unter stefanwenzel.com  

Die­ser Text ist der letz­te von drei Tei­len, in denen Ste­fan Kern­the­sen aus sei­nem neu­en Buch „Agen­tic Com­mer­ce – Wie KI-Agen­­­ten den Han­del neu struk­tu­rie­ren und wer künf­tig ent­schei­det" für pro­fa­shio­nals auf­be­rei­tet. Mehr zum Buch inkl. kos­ten­lo­sem KI-Com­­pa­n­i­on zu den Inhal­ten gibt es hier.

Bei­trä­ge von Ste­fan Wen­zel