
Sollte, wer mit Handel Geld verdienen möchte, statt Läden zu betreiben besser Shein-Aktien kaufen? Abwarten. Wer beim Börsengang von Zalando – einem zweifellos ganz hervorragend aufgestellten Handelsunternehmen – eingestiegen ist, und so doof war, die Aktie auf dem Höhepunkt des Corona-Booms nicht abzustoßen, hat sein Kapital seit dem 1. Oktober 2014 gerade mal um 14 Prozent vermehrt. Da war es smarter, sich ETFs ins Depot zu legen. Mit dem MSCI World konnte man seinen Einsatz im selben Zeitraum verdreifachen, und das ziemlich stressfrei. Aber hinterher, nicht wahr, ist man immer schlauer.
Nun ist das hier kein Börsenbrief. Sheins IPO ist für uns weniger aus der Anlegerperspektive interessant; es ist ein Signal für die Zeitenwende, die der globale Bekleidungsmarkt durchlebt: den Siegeszug digitaler Geschäftsmodelle, die die Herausforderungen des zunehmend dysfunktionalen Modesystems mit Hilfe neuer Technologien angehen: angefangen bei einer Kundenansprache, die die wachsende Zielgruppe der digital natives abholt, bis hin zu einer flexiblen Supply Chain, die ausgehend von einer KI-basierten Nachfrageanalyse maximales Speed-to-market ermöglicht und damit Kosten und Bestandsrisiken minimiert.
Dieser Wettbewerbsvorteil hat das rasante Wachstum dieser wie auch anderer chinesischer Plattformen ermöglicht. Was sich in entsprechenden Erwartungen der Investoren niederschlägt. Auf bis zu 50 Milliarden wird Shein angeblich taxiert. Damit wäre das 2012 gegründete Unternehmen rund doppelt so wertvoll wie die 79 Jahre alte Weltmarke H&M.
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Kleines Gedankenexperiment: Würde man Aktien von Galeria kaufen, wenn das Unternehmen heute noch börsennotiert wäre? Vermutlich hätten sich selbst die Shortseller längst vom Acker gemacht. Wohl auch deshalb begründete Bernd Beetz seinen Einstieg bei Galeria vor zwei Jahren mit altruistischen Motiven. Er spüre eine Liebe zum Kaufhaus, so der damals 73jährige, und wolle seinen Beitrag dazu leisten, dass diese Kultur weiter bestehen bleibe.
Beetz hat die Aufgabe offenbar unterschätzt. Zu den strukturellen Herausforderungen, die das Warenhausgeschäft in gesättigten Märkten hat, kommen die spezifischen Probleme eines fusionierten und in drei Insolvenzen durchgeschüttelten Unternehmens. Dazu kommt ein Co-Investor, der in den USA eigene Themen zu lösen hat. Die abschmierende Konsumkonjunktur tat ihr Übriges. Der HDE konnte in seiner Halbjahresbilanz diese Woche da leider keine Entwarnung geben.
Die offenkundig bei Galeria notwendig gewordene Refinanzierung zog sich über viele Wochen. Das Investmentunternehmen Gordon Brothers, das dem Unternehmen jetzt mit 160 Millionen einstweilen aus der Patsche hilft, ist nicht als Wachstumsfinanzierer bekannt. Einschnitte werden wohl folgen. Was die Kreditversicherung jetzt ausheckt, ist im Einzelfall noch unklar. Klar ist nur: die Lieferanten müssen sich auf weniger Orders und ggf. höhere Risiken einstellen. Alle sollten zugleich hoffen, dass die Stabilisierung gelingt und es in Düsseldorf weitergeht. Eine weitere Insolvenz würde auch viele in der Industrie hart treffen.