Mir wären „Empathiemaxxing“ und „Gehirnmaxxing“ als Trend lieber. Aber meine Wünsche interessieren ja leider meist nicht mal meine Manifestations-WhatsApp-Gruppe. Und die Webdiskutanten schon mal gar nicht. Vermutlich sind die zu beschäftigt, die neuesten Intellektualitäts-Generika von Lanz und Precht zu verdauen.
Doch zurück zur größtmöglichen Optimierung des eigenen Humankapitals – nun eben auch für Cis-Männer. Dank solcher Social-Pappnasen wie Braden Eric Peters alias Clavicular, jener US-Schönling, der angeblich seine Wangenknochen ganz zart mit dem Hammer nachbearbeitet hat, um Christian Bale in 'American Psycho' noch ähnlicher zu werden. Der gern etwas von „Canthal Tilt“ faselt und damit den Neigungswinkel der Augenlider meint, die er bei manchen Menschen als „subhuman“ empfindet. Sicher ein total netter Typ. Pfff.
Wo meine Generation sich früher eine Haargel-Überdosis in die Locken knetete oder heimlich Muttis Abdeckstift stahl, arbeiten die Youngster heute eben mit schwerem Gerät. Sie nennen es Bonesmashing und plappern die medizinisch kaum haltbare Theorie in die YouTube-Kamera, nach der verletzte Knochen markanter zusammenwachsen. Gut, richtig „mega“ wird’s erst mit illegalem Testosteron, Entwässerungspillen und einer Prise Methamphetamin gegen das Hungergefühl. Sagt Clavicular, 20, der einst wegen des Besitzes illegaler Steroide von der Schule flog und heute für Designerlabel wie Elena Velez in New York und 424 in Paris über den Laufsteg stolziert. Man muss das Modebusiness einfach lieben. Hier findet wirklich jeder (s)einen Platz.
Wir haben endlich zu den Frauen aufgeschlossen. Halleluja! Für sie hieß das natürlich nicht Selbstoptimierung oder Looksmaxxing, sondern Magersucht und Schönheitswahn.
Ob die Parallele zum Spitznamen des römischen Kaisers Caligula übrigens Absicht war? Und ob Braden, der scharfkinnige Wissensallergiker, mindestens den Klappentext gelesen hat? Der alte Gaius Julius Caesar war nämlich ein grausamer Tyrann und so plemplem, dass er sein Pferd zum Senator machen wollte. Na ja, mit 29 war dann Schluss: ermordet von den eigenen Wachleuten. Blieben Clavicular also noch neun Jahre, um Kasse zu machen bei seinen verirrten Fans. Mit Nahrungsergänzungsmitteln, Trainingsplänen und Werbung für Schönheitskliniken, wo Braden längst Dauerpatient ist. Beauty-OPs sind offenbar in der ekligen Manosphäre nicht mehr „weibisch“, sondern Self-care mit dem Skalpell. Kurz: Wir haben endlich zu den Frauen aufgeschlossen. Halleluja! Für sie hieß das natürlich nicht Selbstoptimierung oder Looksmaxxing, sondern Magersucht und Schönheitswahn. Sprache ist verräterisch, oder?
Aber sonst eigentlich nicht viel Neues. Clavicular auf dem Runway, und Miuccia und Raf erinnern uns daran, bei all dem Visage-Richten nicht die Hüften zu vergessen. Und die Pobacken. Und die Oberschenkel. Am besten von alledem möglichst weniger, sonst passt niemand in die Prada-Streichholzjeans hinein, deren Schnittmuster Hedi wohl einst in Mailand vergessen haben muss.
Wenn sich die Probleme der Welt- und Wirtschaftspolitik sowie der wirren deutschen Reformbemühungen so unüberwindbar auftürmen, dass man sich das schon morgens schöntrinken müsste, dann bleibt bloß der eigene Körper zum Abreagieren. Nicht destruktiv, bien sûr, sondern maximierend. Waschbrett, Bizeps, langes Leben. Vorbei die Zeit des 11-Schritte-Kosmetikrituals aus Südkorea, jetzt greift die biomechanische Brutalität der Gen Z. Wo Dating-Apps und Teams-Calls das Leben vermessen und vermiesen, ein gutes Studium nicht zwingend zum Job verhilft und KI die Einstiegspositionen frisst, wird Schönheit zur härtesten Währung und ökonomischen Absicherung.
Die Empörung innerhalb der Modebranche über derlei Auswüchse auf TikTok und anderswo ist also geradezu unangenehm geheuchelt.
Noch was fiel mir auf, als ich mich im Bauhaus zum Thema Hammer (klein oder lieber groß? Stahl pur oder besser gummiert?) beraten ließ: Clavicular greift zur Werkzeugkiste, und in der Mode schnürte eben früher das Korsett die inneren Organe zusammen und deformierte die Rippen. Von Stilettos und den „toes“, die sie „zaubern“, fange ich gar nicht erst an. Wer schön sein will, muss leiden, und das ist kein Zitat von Braden Peters. Auch die mathematisch errechnete Traumsilhouette, der Goldene Schnitt, die Schulterpolster, Push-up-BHs und der maßgeschneiderte Anzug gehen nicht auf sein Konto.
Wenn all das und vieles mehr kein Looksmaxxing war und ist, dann weiß ich es nicht. Die Empörung innerhalb der Modebranche über derlei Auswüchse und Scharlatanerie auf TikTok und anderswo ist also geradezu unangenehm geheuchelt. Letztendlich, könnte man es zuspitzen, wollen Designer und Looksmaxxer bloß unvollkommene Körper den Gesetzen des (ästhetischen) Marktes unterwerfen.
Es ist einfach, über Jungs zu lachen, die sich die Gesichtskonturen weich kloppen. Dabei machen sie nur sichtbar, was wir bei Frauen und selbst Mädchen seit Dekaden bis Jahrhunderten normalisiert haben. Die fatale Sozialisation als nie vollendetes „Baustellen-Projekt“, an dem ganze Branchen Milliarden verdienen. Und jetzt, da Männer dieselbe gnadenlose Optimierungslogik übernehmen und in martialisches Tech-Bro-Vokabular verpacken, folgt plötzlich ein Aufschrei. Da muss die Frage erlaubt sein: Fühlt sich noch wer? Auch ohne Hammerschlag ans Kinn?
Siems Luckwaldt berichtet seit 25 Jahren über die Luxus- und Lifestylebranche und interviewt deren prägende Köpfe. Bei Capital verantwortet er das Ressort Leben mit den Themen Mode, Uhren, Beauty, Design, Reise und Genuss. Zudem organisiert er seit 2018 den von ihm initiierten Capital Watch Award für die besten Uhren des Jahres.