
Es ist eine Weile her, dass am Gymnasium unseres Sohnes drei Jungs gemeinsam ein 1000 Euro-Hoodie von Balenciaga gekauft haben, den sie tageweise abwechselnd trugen. Heute organisieren die Kids, wie ich mir sagen habe lassen, Sammelbestellungen bei Shein, um den 3 Euro-Zoll bestmöglich zu umgehen. Beides ist aus unterschiedlichen Gründen pervers. Aber so ändern sich die Konsumpräferenzen.
Es ist trotzdem gut, dass die EU die De minimis-Regelung endlich abgeschafft hat. Das hat lange genug gedauert, und die Zölle hätten aus Sicht des hiesigen Einzelhandels ruhig höher ausfallen dürfen. Wenn sich das Wachstum von Shein zuletzt verlangsamt hat und aktuell sogar ein Quartalsverlust ausgewiesen wird, könnte die Vermutung naheliegen, dass dies mit der Regulierung zu tun hat, die in den USA bereits früher gegriffen hat. Ein Trugschluss. Die 3 Euro werden die Chinesen Umsatz kosten, aufhalten wird sie das nicht.
Ohnehin drehte sich die Diskussion über die chinesischen Billigplattformen allzu sehr um die Zollthematik. Wenn wir über Wettbewerbsvorteile sprechen, war das sicher ein Faktor. Es ist aber nicht der auschlaggebende Punkt.
Das macht einmal mehr der von der Hongkong Stock Exchange veröffentlichte Börsenprospekt deutlich. Das Zahlenwerk von Shein war diese Woche die Lieblingslektüre etlicher LinkedIn-Analysten (die anspruchsvollste Betrachtung lieferte einmal mehr profashionals-Autor Stefan Wenzel).
Eine zentrale Erkenntnis: Shein möchte nicht nur Modeanbieter sein, sondern Infrastrukturanbieter für Modemarken werden.
Das Plattformgeschäft ist profitabler und wächst jetzt schon stärker als das Warengeschäft. Dass es dem Unternehmen gelang, in gerade mal einem guten Jahrzehnt zu einem der weltgrößten Modeunternehmen mit zuletzt fast 42 Milliarden Dollar Umsatz und 273 Millionen aktiven Kunden in 160 Ländern aufzusteigen, ist die beste Werbung für das Geschäftsmodell. "Wir haben die ultimative Lösung für das seit langem bestehende Trilemma der Branche", prahlt der Börsenprospekt. "Dieses Modell ermöglicht es uns, ein optimales Gleichgewicht zwischen Produktauswahl, Trendreaktionsgeschwindigkeit und Effizienz im Bestandsmanagement zu erreichen.“ So schaffen die Chinesen es auf eine LUG von 10. Hat Shein etwa den Heiligen Gral des Modegeschäfts entdeckt?
Shein wird mit Blick auf die vollständige Supply Chain-Integration auch zu einem gefährlichen Gegenspieler für die B2B-Ambitionen von Amazon oder Zalando.
Das Geheimnis (das längst keines mehr ist) liegt in einer durchgängig integrierten Lieferkette, die den kompletten Prozess von Trenderkennung und Sortimentsplanung, Design und Produktentwicklung, Auftragsplatzierung und Produktionsoptimierung, Logistik und Bestellabwicklung sowie Nutzerinteraktionen und Kundenfeedback intelligent, digital und effizient gestaltet. "Dies unterscheidet uns von traditionellen Modehändlern und E‑Commerce-Plattformen, die sich nur auf wenige Elemente der Lieferkette konzentrieren. Traditionelle Modehändler konzentrieren sich in der Regel nur auf Warenplanung und Design, während E‑Commerce-Plattformen sich typischerweise nur auf Verkauf und Auftragsabwicklung konzentrieren.“
Bisher schon konnten Marken die Shein-Plattform zum Verkauf und für Werbung nutzen. Mit dem 2025 ausgerollten Xcelerator-Programm stellen die Chinesen zusätzlich ihre Lieferkette Externen zur Verfügung. „Fast Fashion as a Service“ sozusagen. Damit ist Shein nicht nur einer der größten Konkurrenten von Inditex und H&M, sondern wird mit Blick auf die vollständige Supply Chain-Integration auch zu einem gefährlichen Gegenspieler von Amazon oder Zalando. Diese E‑Commerce-Player bieten ebenfalls ambitionierte B2B-Services an, die indes nicht die Produktion einschließen.
Wenn man dieser Entwicklung als Otto-Normal-Marke etwas Positives abgewinnen möchte, dann dass dieser neue, mächtige Wettbewerber für Druck auf die Provisionen der Marketplaces sorgen wird.
"Fast Fashion as a Service"? Für die meisten etablierten Anbieter wird es weiterhin darum gehen, digitale Tools bestmöglich in ihre bestehenden Systeme zu integrieren.
Die Frage bleibt, für wen der Full Service relevant sein wird. Ein Adidas, ein H&M oder ein Hugo Boss werden kaum auf die Ressourcen eines Shein zurückgreifen. Qualitätsmarken mit hohem Basicanteil brauchen keine Fast Fashion-Supply Chain. Wer stationär vertreibt, und das sind ja immer noch die allermeisten, wird die Vorteile des digitalen Systems ohnehin nicht vollumfänglich nutzen können. Das schließt nicht aus, dass man Shein als Marketplace nutzt, Retail Media bucht oder in Teilbereichen mit dem Shein-Ökosystem experimentiert.
Am ehesten dürfte Xcelerator für D2C-Player interessant sein, die eine Brand neu aufbauen und schnell skalieren wollen. Das werden nicht wenige der Produzenten sein, die Shein bisher schon beliefern und jetzt auf eigene Rechnung verkaufen. Und natürlich ist mit weiteren Übernahmen von Marken zu rechnen, die Shein dann in sein System integriert. Misguided wurde 2023 übernommen, dieses Jahr machte der Everlane-Deal Schlagzeilen.
Für die meisten etablierten Anbieter wird es weiterhin darum gehen, digitale Tools bestmöglich in ihre bestehenden Systeme zu integrieren. Um den Preis, am Ende vielleicht nicht so effizient wie ein Shein zu sein. Aber unabhängig.
PASSIERT pausiert im August. Kreative Pausen müssen auch mal sein. profashionals wünscht einen schönen Sommer!