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Nach Corona die Ukraine

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Jür­gen Mül­ler

Erst Coro­na, jetzt die Ukrai­ne. Eine Kri­se geht naht­los in die nächs­te über. Es ist nach der Pan­de­mie ein wei­te­rer exter­ner Schock, den man nicht für mög­lich gehal­ten hät­te. Nur dass nicht chi­ne­si­sche Fle­der­mäu­se der Aus­lö­ser sind, son­dern ein Revan­chist, der aus schwer nach­zu­voll­zie­hen­den Moti­ven die Geschich­te zurück­dre­hen bzw. sich einen – aus unse­rer Sicht unrühm­li­chen – Platz in der­sel­ben sichern möch­te. Das ist furcht­bar für die Men­schen in der Ukrai­ne. Es wird aber auch nicht ohne Fol­gen für Deutsch­land blei­ben, für die Poli­tik, die Wirt­schaft, den Kon­sum und damit auch für unser Busi­ness.

Die deut­schen Aus­fuh­ren nach Russ­land mögen nur 2 Pro­zent der Expor­te aus­ma­chen. Ein­zel­ne Unter­neh­men, gera­de in der Mode­in­dus­trie ver­zeich­nen dort aber einen sehr viel höhe­ren Anteil ihrer Umsät­ze. Russ­land  hat (anders als übri­gens die Ukrai­ne) kei­ne nen­nens­wer­te eige­ne Beklei­dungs­in­dus­trie, die meis­te Ware wird impor­tiert, wovon die hie­si­gen Anbie­ter über Jahr­zehn­te pro­fi­tier­ten. Die Rus­sen schät­zen deut­sche Qua­li­tät. Die Geschich­ten von den Ein­käu­fern mit pral­len Bar­geld­kof­fern in Düs­sel­dor­fer Show­rooms sind legen­där.

Nun ist es nicht so, dass die deut­sche Beklei­dungs­in­dus­trie star­ke Schwan­kun­gen in die­sem Markt nicht gewohnt wäre. Man war stets gut bera­ten, die Abhän­gig­keit nicht zu groß wer­den zu las­sen. Das Russ­land­ge­schäft ist seit jeher extrem vola­til. Neben kon­junk­tu­rel­len The­men, dem Auf und Ab der Ener­gie­prei­se, Wäh­rungs­schwan­kun­gen etc. wird das Busi­ness dort eben auch von der poli­ti­schen Groß­wet­ter­la­ge bestimmt. Stand heu­te sind noch kei­ne Export­be­schrän­kun­gen ver­ab­schie­det, von denen die Tex­ti­li­ten betrof­fen wären. Aber es wird auch so zu einem Rück­gang der Aus­fuh­ren kom­men. Der Rubel hat die­se Woche gegen­über dem Euro mehr als 8 Pro­zent ver­lo­ren, was den Import für rus­si­sche Mode­händ­ler ver­teu­ern wird.

Wäh­rend die Akti­vi­tä­ten deut­scher Filia­lis­ten in der Ukrai­ne und Russ­land alles in allem über­schau­bar sind, dürf­te in den Zen­tra­len der inter­na­tio­na­len Ket­ten, in Stock­holm oder La Cor­u­na an Not­fall­plä­nen gear­bei­tet wer­den. Ähn­lich ist es womög­lich bei den ita­lie­ni­schen und fran­zö­si­schen Luxus­mar­ken, die ins­be­son­de­re in Mos­kau groß ver­tre­ten sind. Ana­lys­ten zufol­ge steu­ern Rus­sen und Ukrai­ner gut 4 Pro­zent zum glo­ba­len Luxus­markt bei. Auch von den Luxus­mei­len der euro­päi­schen Metro­po­len dürf­ten die rei­chen Rus­sen, die vor Coro­na dort wich­ti­ge Umsatz­brin­ger waren, jetzt noch lan­ge weg­blei­ben.

Dass die Deut­schen ange­sichts der Ukrai­ne-Kri­se als Ers­tes an die Gas­prei­se dach­ten, ist ange­sichts der Gefahr eines gro­ßen Krie­ges fast beschä­mend, aber halt auch bezeich­nend. Die stei­gen­den Ener­gie­prei­se dürf­ten die Infla­ti­on jetzt noch wei­ter anhei­zen, mit allen Kon­se­quen­zen, die das für das Kon­sum­bud­get und die Aus­ga­be­be­reit­schaft der Men­schen hat. Sank­tio­nen wer­den sich auf die Wirt­schafts­leis­tung ins­ge­samt aus­wir­ken, der für die­ses Jahr erwar­te­te Auf­schwung wird schwä­cher als erwar­tet aus­fal­len. Man kann sich aus­ma­len, wie sich die­se gan­ze Gemenge­la­ge auf die Kauf­lau­ne der Men­schen aus­wirkt. Anders als die Pan­de­mie trifft die­se Kri­se nicht nur den sta­tio­nä­ren Ein­zel­han­del, son­dern alle Anbie­ter im Markt. Das ist frei­lich kein Trost.

Aber viel­leicht kommt es ja auch weni­ger schlimm als befürch­tet. Nach dem Ende der Kon­takt­be­schrän­kun­gen wer­den vie­le Men­schen ihre wie­der­ge­won­ne­ne Frei­heit fei­ern. Gut mög­lich, dass das in den kom­men­den Mona­ten die Sor­gen wegen des Krie­ges im Osten wie­der ver­drängt. War­ten wir es ab.