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"Wir bauen keine Luftschlösser"

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Jür­gen Mül­ler

Die­sen Mitt­woch traf sich die Indus­trie in Wald­kir­chen. Über 1000 Gäs­te fei­er­ten die Eröff­nung von Gar­ham­mer. 15 Mona­te hat der Umbau gedau­ert, 10 Mil­lio­nen Euro hat er gekos­tet. Ein ech­tes State­ment in einer Zeit, wo die Kun­den das Ein­kau­fen ver­wei­gern und die Bran­che damit gehö­rig in die Bre­douil­le brin­gen. Einen Umsatz­ein­bruch von 10 Pro­zent hat die TW die­sen Diens­tag für den August gemel­det. Die Hit­ze mag eine Erklä­rung bie­ten, eine Ent­las­tung ist das nicht. Nach acht Mona­ten ver­zeich­net der sta­tio­nä­re Mode­han­del durch­schnitt­lich 5 Pro­zent Umsatz­mi­nus. 2025 ende­te bekannt­lich auch schon 4 Pro­zent unter Vor­jahr.

Für Gar­ham­mer war dies anschei­nend kein Grund, den geplan­ten Umbau zu ver­schie­ben oder ein­zu­damp­fen. Ist das mutig? Ja. Ist es über­mü­tig? Nein. Viel­mehr ist es kon­se­quent. "Wir bau­en kei­ne Luft­schlös­ser, son­dern lie­ber die­ses Geschäft wei­ter aus", so Chris­toph Huber selbst­be­wusst in sei­ner kur­zen Anspra­che beim Ope­ning. "Wir wis­sen, wer wir sind. Wir wis­sen, wo wir sind. Wir wis­sen, was wir kön­nen. Und wir wis­sen, was wir nicht kön­nen."

Die 10 Mil­lio­nen flos­sen nicht in einen wei­te­ren Anbau. Beim letz­ten gro­ßen Umbau 2013 hat Gar­ham­mer sei­ne Ver­kaufs­flä­che um knapp 50 Pro­zent erwei­tert, ohne dass der Umsatz im sel­ben Maß mit­ge­wach­sen wäre. Die­ses Mal ging es um eine geziel­te Opti­mie­rung der bestehen­den Flä­che und eine stra­te­gi­sche Fokus­sie­rung auf fre­quenz­brin­gen­de und mar­gen­träch­ti­ge Sor­ti­men­te. Die Hosen beka­men mehr Platz. Die Mens­wear wur­de kom­plett neu auf­ge­stellt und erwei­tert. Die Anlass­mo­de wur­de auf 700 m² erwei­tert und belegt nun die kom­plet­te obers­te Eta­ge neben dem haus­ei­ge­nen Ster­ne-Restau­rant 'Johanns'. Wäsche und Kin­der­mo­de wur­den etwas ver­klei­nert. In der Mit­te des Hau­ses wur­de eine neue Bar instal­liert. Jut­ta und Die­ter Blo­cher sorg­ten mit ihrem Archi­tek­tur­bü­ro dafür, dass das orga­nisch über meh­re­re Grund­stü­cke gewach­se­ne und am Berg lie­gen­de Gebäu­de einen glei­cher­ma­ßen har­mo­ni­schen und span­nungs­rei­chen, wer­ti­gen, aber nicht über­kan­di­del­ten Auf­tritt erhielt.

Gar­ham­mer unter­mau­ert mit dem aktu­el­len Umbau sei­nen Sta­tus als eines der Vor­zei­ge­un­ter­neh­men im deut­schen Tex­til­ein­zel­han­del. Was vor­der­grün­dig wie ein klei­nes Wun­der erscheint – ein groß­städ­tisch anmu­ten­des 9000 m² gro­ßes Mode­haus in einem 11.000 See­len-Ort – ist aus der Nähe betrach­tet kei­nes. Son­dern es ist das Ergeb­nis har­ter Arbeit, stra­te­gi­scher Weit­sicht und fle­xi­bler Anpas­sung an einen sich per­ma­nent ver­än­dern­den Markt. Der Baye­ri­sche Wald ist zwar eine ten­den­zi­ell struk­tur­schwa­che Regi­on, die zugleich über einen leis­tungs­fä­hi­gen Mit­tel­stand und Tou­ris­mus ver­fügt und sich wirt­schaft­lich in den ver­gan­ge­nen Jah­ren ten­den­zi­ell posi­tiv ent­wi­ckelt hat. Gar­ham­mer ist dort als Mode­händ­ler ein Soli­tär. Selbst in der gut eine hal­be Stun­de ent­fern­ten Stadt Pas­sau bie­tet nie­mand ein an Brei­te und Tie­fe ver­gleich­ba­res Ange­bot.

"Uns ist scheissegal, wer die Tore schießt. Hauptsache der Ball liegt im Netz."

Der eigent­li­che USP des Unter­neh­mens aber ist die hohe Bera­tungs­qua­li­tät und die Kun­den­nä­he. Was der schlich­te Gar­ham­mer-Cla­im "Mode und Men­schen" aus­drückt. Sein Urgroß­va­ter habe den Kun­den, die mehr als 100 Reichs­mark bei ihm aus­ga­ben, ange­bo­ten, sie mit dem Auto nach Hau­se zu fah­ren, hat Johan­nes Huber der TW mal erzählt. Was inso­fern ein tol­ler Kauf­an­reiz gewe­sen sei, als dass Johann Gar­ham­mer damals der Ein­zi­ge am Ort war, der ein Auto beses­sen habe. Die Anek­do­te zeigt die Kun­den­nä­he, die das Unter­neh­men seit jeher kul­ti­viert. Intern spricht man denn auch nicht von 'Kun­den', son­dern von 'Gäs­ten'. Gar­ham­mer hat bereits per­so­nal shop­ping prak­ti­ziert, als es noch gar kei­nen Begriff dafür gab. Heu­te ver­gibt man wegen der gro­ßen Nach­fra­ge Zwei-Stun­den-Slots.

Die 450 Mit­ar­bei­ten­den, von denen nicht weni­ge an die­sem Don­ners­tag mit­ge­fei­ert haben, platz­ten förm­lich vor Stolz auf ihr tol­les Haus und die spür­ba­re Wert­schät­zung der Gäs­te. Für vie­le der von weit her ange­reis­ten Lie­fe­ran­ten dürf­te es auch eine geschäft­li­che Erho­lungs­rei­se gewe­sen sein: In Wald­kir­chen scheint die Welt noch in Ord­nung. Wenn nur alle Han­dels­part­ner so wären…

Es ist weni­ger das Kon­zept, das ein Vor­bild für ande­re sein kann. Da muss jeder eine eige­ne Ant­wort für sei­nen jewei­li­gen Markt fin­den. Vor­bild­lich ist die Kul­tur und unter­neh­me­ri­sche Hal­tung, die Johan­nes und Chris­toph Huber in ihren Anspra­chen zum Aus­druck brach­ten. Die Fami­lie hat das Unter­neh­men über vier Gene­ra­tio­nen ent­wi­ckelt, lokal fest ver­wur­zelt und glei­cher­ma­ßen welt­of­fen. Dass Unter­neh­mens­nach­fol­gen über so einen lan­gen Zeit­raum funk­tio­nie­ren, ist alles ande­re als selbst­ver­ständ­lich.

Am Ende ist es auch das Ergeb­nis einer ent­spre­chen­den Erzie­hung, die den Zusam­men­halt för­dert und die rich­ti­gen Wer­te ver­mit­telt. Die Kon­flik­te, die es vor 25 Jah­ren zwi­schen Chris­toph und sei­nem älte­ren Bru­der über die rich­ti­ge Stra­te­gie für das Unter­neh­men gab, wur­den fami­li­är, auch unter Ver­mitt­lung der Eltern Franz und Bri­git­te Huber gelöst. Franz Micha­el Huber betreibt heu­te sein eige­nes Ein­zel­han­dels­un­ter­neh­men. Die Senio­ren und vier ihrer fünf Kin­der waren am Mitt­woch selbst­ver­ständ­lich dabei.

Der jün­ge­re Bru­der Johan­nes stieg vor 16 Jah­ren in die Füh­rung ein. Er und Chris­toph ergänz­ten sich kon­ge­ni­al, so Johan­nes: "Uns ist scheiss­egal, wer die Tore schießt. Haupt­sa­che der Ball liegt im Netz."

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