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Radikalkur für P&C

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Jür­gen Mül­ler

Lang­sam, aber sicher fügen sich die Schlag­zei­len, die P&C zur­zeit im Monats­takt lie­fert, zu einem Bild. Vor acht Wochen sicker­te die Nach­richt von der angeb­lich geplan­ten Ver­mie­tung drei­er „Welt­stadt­häu­ser“ an Indi­tex durch. Vor vier Wochen ver­kün­de­te das Unter­neh­men, dass der Düs­sel­dor­fer Ein­kauf abge­wi­ckelt wird. Jetzt wird die Inter­na­tio­nal Brands Com­pa­ny dicht­ge­macht, die in Düs­sel­dorf über 100 Mit­ar­bei­ten­de in der Eigen­mar­ken­ent­wick­lung beschäf­tigt.

Die­sen Job erle­digt künf­tig das Team, das P&C seit gut einem Jahr in Madrid auf­baut. Dazu wur­den rund 60 Spe­zia­lis­ten, über­wie­gend von ver­ti­ka­len Retail­ern wie Indi­tex, Man­go oder Ten­dam ein­ge­stellt. Die Begrün­dung, mit der Ver­la­ge­rung wer­de sicher­ge­stellt, dass der Exklu­siv­mar­ken­be­reich noch näher am Markt agiert und damit schnell auf Kun­den­be­dürf­nis­se und kurz­fris­ti­ge Ent­wick­lun­gen reagie­ren kön­ne, ist natür­lich ein Witz. Das Unter­neh­men ist in Spa­ni­en nicht mit Filia­len prä­sent und das Pro­dukt­ma­nage­ment damit – jeden­falls geo­gra­fisch – wei­ter von den rele­van­ten P&C‑Märkten in Mit­tel- und Ost­eu­ro­pa ent­fernt als bis­her.

Pro­fis von Zara zu rekru­tie­ren, macht über­dies aus JC Brand, wie die P&C‑Mutter im Schwei­ze­ri­schen Zug sich nennt, noch kei­nen Indi­tex. Die­sem Irr­tum war ein Esprit in den 2010er Jah­ren auch schon mal auf­ge­ses­sen. „Die meis­ten Zara-Mana­ger schei­tern, wenn sie Indi­tex ver­las­sen“, schrieb der ehe­ma­li­ge Zara-Mana­ger und Fach­buch­au­tor Pau Amar neu­lich in einem viel­be­ach­te­ten Lin­ke­dIn-Post. Sie schei­ter­ten nicht, weil sie schlecht sind. Son­dern weil das Sys­tem um sie her­um nicht das­sel­be sei. „Set­ze einen For­mel 1‑Piloten auf einen Trak­tor. Es wird nicht gut aus­ge­hen.“

Ande­rer­seits muss man kon­sta­tie­ren, dass P&C in sei­nem Pri­va­te Label-Busi­ness in Düs­sel­dorf stets Poten­zia­le lie­gen gelas­sen hat. Es ging dort weni­ger um Mar­kenent­wick­lung, son­dern in aller­ers­ter Linie um Pro­duktent­wick­lung und Direkt­im­port von mar­gen­star­ken Arti­keln. ‚McNe­al‘, ‚Review‘ und ‚Chris­ti­an Berg‘ star­te­ten als Eti­ket­ten, die die Zen­tral­ein­käu­fer in Pull­over und Blu­sen ein­nä­hen lie­ßen. In den ver­gan­ge­nen 20 Jah­ren gab es immer wie­der Ver­su­che, die­se Labels zu wirk­li­chen Mar­ken wei­ter­zu­ent­wi­ckeln. Doch dies schei­ter­te am Ver­ständ­nis der Ent­schei­der für Mar­ken­füh­rung und dem feh­len­den Wil­len zu den dafür not­wen­di­gen Inves­ti­tio­nen.

Mit dieser Reorganisation versucht P&C – überspitzt formuliert – wohl eine Art Inditex zu werden, der zusätzlich Boss führt.

Mar­ken­auf­bau erfor­dert eine strin­gen­te Sto­ry, die über den Tag hin­aus für eine Ziel­grup­pe Rele­vanz hat. Und die­se Sto­ry muss kohä­rent ent­wi­ckelt, kon­sis­tent erzählt und kon­ti­nu­ier­lich ver­brei­tet wer­den. Das ist teu­er und erfor­dert einen sehr lan­gen Atem. Ein­zel­händ­ler, die ihr Mar­ke­ting ger­ne so aus­rich­ten, dass es unmit­tel­bar auf die Ver­käu­fe wirkt, unter­schät­zen in aller Regel den mit einem erfolg­rei­chen Bran­ding ver­bun­de­nen Auf­wand. So wie die Mar­ken­in­dus­trie übri­gens lan­ge gebraucht hat, zu ver­ste­hen, dass Retail mehr ist, als sei­nen guten Namen über die Laden­tür zu schrei­ben.

Den Kam­pa­gnen, die es bei McNe­al oder Review gab, fehl­te es an Durch­schlags­kraft und Aus­dau­er. Zar­te Ver­su­che, mit McNe­al-Stores zu expan­die­ren und damit schnel­le Bei­boo­te zu den P&C‑Dickschiffen zu eta­blie­ren, wur­den bald wie­der ein­ge­stellt. Und statt Web­shops für sei­ne ver­ti­ka­len Brands zu star­ten, lief man mit dem Inter­net-Kauf­haus ‚Fashion ID‘ Zalan­do hin­ter­her.

Bei der Aus­grün­dung der Eigen­mar­ken­ent­wick­lung in die Inter­na­tio­nal Brands Com­pa­ny ging es auch dar­um, die Labels dem Zugriff des domi­nan­ten P&C‑Zentraleinkaufs zu ent­zie­hen, der die Hoheit über sei­ne mar­gen­stärks­ten Arti­kel stets behal­ten woll­te. Dem­nächst gibt es in Düs­sel­dorf nun weder einen Zen­tral­ein­kauf noch ein Pro­dukt­ma­nage­ment mehr.

Die ehe­ma­li­ge Zen­tra­le mutiert, wie es aus­sieht, zur Ver­triebs­or­ga­ni­sa­ti­on. 126 Jah­re nach­dem an der Scha­dow­stra­ße alles ange­fan­gen hat­te. Der neue P&C ist ein Kon­zern, der sei­nen Sitz steu­er­be­güns­tigt in der Schweiz hat, des­sen Läden – einer kon­se­quen­ten For­mat­stra­te­gie fol­gend – von Wien aus bestückt wer­den, und der einen wach­sen­den Teil sei­nes Ange­bots in Madrid selbst ent­wi­ckelt und beschafft. Mit die­ser Reor­ga­ni­sa­ti­on ver­sucht P&C – über­spitzt for­mu­liert – wohl eine Art Indi­tex zu wer­den, der zusätz­lich Boss führt. Ein im Kern ver­ti­ka­ler Play­er, der sein Sor­ti­ment dort, wo es der Pro­fi­lie­rung dient, um zug­kräf­ti­ge Mar­ken ergänzt und ansons­ten sei­ne eige­ne Wert­schöp­fung maxi­miert. Auch H&M hat in sei­nen Anfangs­jah­ren noch Fremd­mar­ken wie Levi's ver­kauft, bevor man voll ver­ti­ka­li­sier­te.

Auch wenn P&C diesen Weg sehr rabiat beschreitet, ist das Ziel strategisch richtig.

So eine Trans­for­ma­ti­on geht frei­lich nicht von heu­te auf mor­gen. Anders als H&M oder Zara ist P&C aus Kun­den­sicht eine Dach­mar­ke, die sich über einen Mar­ken­mix defi­niert und dar­aus ihre Attrak­ti­vi­tät bezieht. Es wird dau­ern, bis Labels wie ‚Jakes‘ oder das neue ‚Myon‘ die Zug­kraft „ech­ter“ Mar­ken ent­wi­ckeln. Es reicht im Übri­gen nicht, die rich­ti­gen Pro­duk­te an den POS zu brin­gen, wenn die­ser POS so aus­sieht wie vie­le P&C‑Filialen. Die Mar­ke ‚Zara‘ ist ein Gesamt­kunst­werk, bei dem der Point of Sale als Dreh- und Angel­punkt fun­giert. Sta­tio­när wie online.

Auch wenn P&C die­sen Weg sehr rabi­at beschrei­tet, ist das Ziel stra­te­gisch rich­tig. Es geht dar­um, in einem har­ten, immer ver­ti­ka­le­ren Umfeld bestehen zu kön­nen. Die EBIT-Mar­ge von Indi­tex liegt bei über 20%, die von Fast Retail­ing (Uni­q­lo) bei fast 17%, New Yor­ker ver­dient ope­ra­tiv mehr als 25%. Sol­che Wett­be­wer­ber kann man nicht igno­rie­ren. Der Hand­lungs­be­darf ist umso grö­ßer in einer Situa­ti­on, wo der Kon­sum schwä­chelt, der Markt ten­den­zi­ell schrumpft und die Pro­fi­ta­bi­li­tät nur über eine bes­se­re Orga­ni­sa­ti­on und effi­zi­en­te­re Pro­zes­se gestei­gert wer­den kann.

Ande­re Mul­ti­la­bel-Filia­lis­ten wie Gale­ria, Wöhrl oder Sinn, die nicht wie loka­le Platz­hir­sche mit Kun­den­nä­he und regio­na­ler Ver­an­ke­rung punk­ten kön­nen, müs­sen eben­so Ant­wor­ten auf die­sen sich ver­ti­ka­li­sie­ren­den Markt fin­den. Auf der ande­ren Sei­te sind Lie­fe­ran­ten, die nicht über eine pro­fi­lier­te Mar­ke ver­fü­gen und des­we­gen ersetz­bar sind, mehr denn je zum Han­deln gezwun­gen. Sie müs­sen in Bran­ding inves­tie­ren, D2C-rea­dy wer­den und im Übri­gen die Fach­han­dels-Part­ner pfle­gen, die ihre Mul­ti­la­bel-Sor­ti­men­te mit hoher Ver­kaufs­kom­pe­tenz ver­bin­den.

Soll man die Radi­ka­li­tät, mit der P&C sei­ne Neu­auf­stel­lung vor­an­treibt, als kon­se­quent bewun­dern? Oder sie als über­zo­gen kri­ti­sie­ren?

Für die vie­len Pro­fis, die jetzt in Düs­sel­dorf ihren Job ver­lie­ren, ist die Ant­wort klar. Es sieht auch für Außen­ste­hen­de so aus, als fol­ge das Manage­ment recht skru­pel­los einem Bera­ter-Play­book. Eine Orga­ni­sa­ti­on dis­rup­tiv auf­zu­mi­schen, mag ange­sichts des rasan­ten Struk­tur­wan­dels not­wen­dig erschei­nen. Die Neben­wir­kun­gen kön­nen aber auch zur Fol­ge haben, dass ein Sys­tem mal kippt.

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