Irgendwo muss es einen Friedhof der verlassenen Warenkörbe geben. Und eines dieser, Pardon, „Massengräber“ des E‑Commerce habe ich zu füllen geholfen. Neulich etwa, als ich um Mitternacht schlaflos im Bett lag. Es war zu heiß und auch noch Vollmond – für meine physische Hülle der absolute Super-GAU. Was mich jedoch zuverlässig ins Land der Träume entschwinden lässt, sind die Endlos-Scrolls auf Seiten von Mr Porter, Zara oder Vinted. Irgendwann, kurz vorm Karpaltunnel-Syndrom, fallen mir meist die Lider zu. Vor allem, weil ich eigentlich nichts dringend brauche oder auf der Watchlist habe. Mein draller Kleiderschrank verlangt eine Nulldiät, und mein Konto sieht für Bankberater vermutlich eh nach Identitätsdiebstahl aus.
Trotzdem beruhigt das ziellose, fast meditative Wischen über den Smartphone-Bildschirm meinen Vagusnerv. Webshopping als digitaler Zen-Garten samt Dopamin-Tropf. So friedlich, bunt und grenzenlos ziehen Tonnen cooler Textilien an meiner Netzhaut vorbei. Ab und an klicke ich einen Artikel in Richtung Check-out, um ihn dort zu vergessen. Eskapismus in Pixelform.
Und genau diese Momente wollen mir lästig mächtige Tech-Bros mit toten Augen, psychopathischem „Lachen“ und dem Weltbild eines Science-Fiction-Autors auf Crystal Meth besser gestern als heute wegnehmen. Das zumindest erzählen mir seit Monaten irre wichtige Menschen, die viel Geld für von ChatGPT generierte McKinsey-Studien ausgegeben haben. Ich solle diesen ganzen (Fast-)Kaufprozess zukünftig doch bitte delegieren. An einen „KI-Shopping-Agenten“: ein autonomes Software-Helferlein, das meine Stilvorlieben kennt, passende Produkte findet und innerhalb klarer Vorgaben sowie mithilfe hinterlegter Zahlungsdaten selbstständig Frust- und andere Einkäufe abwickelt. Nach einer finalen Freigabe durch yours truly, natürlich.
Die Tech-Branche leidet unter einem fundamentalen Empathiedefizit. Sie betrachtet das Einkaufen als Task, als lästige Pflichtaufgabe, die wegoptimiert gehört wie die Steuererklärung.
Ich bin nicht sicher, ob ich die Fachtermini richtig verwende, aber: Hackt es eigentlich? Was wollen wir uns denn bitte noch alles abnehmen lassen? Ich bin wirklich ein Mensch, der Annehmlichkeiten liebt: HelloFresh, Fast Lane am Flughafen, Longevity-Pulver im Abo, Uber-Tretroller. Da ist Daddy gern dabei. Doch jetzt können wir also nicht mal mehr allein im Internet einkaufen, obwohl das daheim und notfalls auch im Schlüpfer geht?
Da leidet die Tech-Branche in meinen Augen unter einem fundamentalen Empathiedefizit. Und nicht nur bei diesem Thema. Diese putzigen Start-Upper und Softwareentwickler im Silicon Valley ertüfteln Systeme, die auf ihrer eigenen, sterilen Weltsicht basieren: maximale Effizienz, null Reibung, bloß keine Sekunde verschwenden. Sie betrachten das Einkaufen als Task, als lästige Pflichtaufgabe, die wegoptimiert gehört wie die Steuererklärung.
Von echten human beings mit komplexer Psyche und ebensolchen Bedürfnissen verstehen die Bros dagegen so viel wie mein Hund von Mäßigung am Napf. Ihre KI-Agenten begreifen nicht, dass das In-den-Warenkorb-Legen eines sündhaft teuren Kaschmirpullovers von Loro Piana oder das endlose Vergleichen mechanischer Manufaktur-Chronographen herrliche Akte emotionaler Selbstberuhigung und Belohnung für den oft surrealen Joballtag im Sehr-Spät-Kapitalismus sind. Ich will manchmal Zeit mit Screens voller Kapuzenpullis „verschwenden“. Ich will den Jagdinstinkt spüren, glücklich seufzen, wenn der Rabattcode akzeptiert wird – und im Halbschlaf meine Beute beim Check-out vergessen. Die KI rationalisiert keine unzumutbare Mühe weg, sondern die zärtliche Intimität des zügellosen Konsums.
Wir sind auf dem Weg zu einer evolutionären Regression, bei der sich der moderne Großstädter von einem wählenden Subjekt zu einer bloß noch empfangenden Konsum-Amöbe zurückentwickelt.
Der Comedian Ronny Chieng hat unsere pathologische Sucht nach totaler Bequemlichkeit in einem Stand-up-Special wunderbar seziert. Er lästert darin über Amerika als „das Land der Freien und des Niemals-mehr-das-Haus-Verlassens“. Chieng brüllt von der Bühne, dass es gefälligst keinerlei Verzögerung mehr zwischen dem Drücken des Kaufen-Buttons und dem Produkt in der eigenen Hand geben dürfe. Am besten solle der Lieferdienst direkt die Tür eintreten: „Break into my house, put the food I ordered in my mouth, and help me chew it!“ – Brecht in mein Haus ein, stopft mir das bestellte Essen in den Mund, helft mir beim Kauen. Und schiebt es mir mit einem Stock die Speiseröhre runter!
„Agentic Commerce“ scheint mir ein weiterer Schritt hin zu diesem Szenario zu sein. Wir befinden uns auf dem Weg zu einer evolutionären Regression, bei der sich der moderne Großstädter von einem autonomen, wählenden Subjekt zu einer unbeweglichen, bloß noch empfangenden Konsum-Amöbe im Pyjama zurückentwickelt.
Die Vision der Tech-Konzerne: Eine KI nutzt unsere Daten, um unsere eigene Hirntätigkeit komplett zu ersetzen, damit wir den lästigen Ballast des Entscheidens endlich los sind. Dass der Kaufprozess in gesättigten Luxusmärkten zu 90 Prozent über Identitätsstiftung, Status und nackte Gefühle funktioniert, lässt sich bloß schlecht in Python-Code gießen. Und wenn uns die Maschinen auch noch das Träumen von Tote Bags, Matcha-Schalen und Designersofas abnehmen, dann sollten wir die Läden besser gleich ganz zuschließen. Und die Agenten in die Robo-Rente schicken.
Wir befreien dich nicht vom Vergnügen, wir befreien dich von deiner Inkompetenz, würden die Tech-Bros wohl entgegnen.
Was die Tech-Bros wohl entgegnen würden: „Oh Mann, Siems, mal ehrlich: Du solltest dein ‚Romantisierung-des-Einkaufens‘-Abo dringend canceln. Es ist ja rührend, wie du dein nächtliches, von Existenzangst getriebenes Scrollen durch Designerklamotten als ‚meditativ‘ verklärst. Aber glaubst du ernsthaft, du suchst dir irgendwas im Netz höchstselbst aus? Ahahahahaha, wie süß. Bruder, du bist das willfährige Opfer von Retargeting-Pixeln und Empfehlungsalgorithmen, die deine Aufmerksamkeitsspanne melken wie eine Hafermilchkuh. Wir befreien dich nicht vom Vergnügen, wir befreien dich von deiner Inkompetenz. Dein Gehirn ist beim Shopping ein einziger chemischer Fehlercode aus Impulskäufen und Retouren-Reue. Unsere KI-Agenten hingegen kennen deine Biometrie, dein reales (!) Budget und analysieren die neuesten Modetrends auf TikTok in Millisekunden. Während du dich vor dem Bildschirm noch fragst, ob dir wohl Lavendelblau gut steht, hat unser Bot bereits die exakt zu deiner Ibiza-Resthautbräune passende Jacke beim günstigsten Händler weltweit geschossen. Und zu Ronny Chieng: Ja, ‚Break into my house and help me chew‘ klingt lustig. Aber wenn du das nächste Mal merkst, dass dir Sonntags um 22 Uhr das Toilettenpapier ausgegangen ist, wirst du beten, dass ein Drohnenlieferdienst dein Fenster einschlägt, um dir den A … äh, Hintern zu retten. Wir nehmen dir nicht das Träumen. Wir nehmen dir die nervigen Tücken deines kläglichen, analogen Alltags. Gern geschehen!“
Siems Luckwaldt berichtet seit 25 Jahren über die Luxus- und Lifestylebranche und interviewt deren prägende Köpfe. Bei Capital verantwortet er das Ressort Leben mit den Themen Mode, Uhren, Beauty, Design, Reise und Genuss. Zudem organisiert er seit 2018 den von ihm initiierten Capital Watch Award für die besten Uhren des Jahres.