Passiert large

"Sollten wir nicht doch einfach wieder ein Ladengeschäft eröffnen?"

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Jür­gen Mül­ler

Der Gra­zer Bäcker­meis­ter Mar­tin Auer hat eine neue Filia­le eröff­net. 6800 km von Öster­reich ent­fernt. Bei Rye in der New Yor­ker Lafay­et­te Street gibt es genau ein Pro­dukt: ein 1,5 kg schwe­rer Brot­laib aus Bio-Rog­gen­sauer­teig. Preis: 60 Dol­lar.

Die Leu­te ste­hen Schlan­ge vor der glä­ser­nen Schau­bä­cke­rei, und Social Media spielt ver­rückt. Wäh­rend die einen sich freu­en, dass es in New York end­lich etwas Ver­nünf­ti­ges zu essen gibt, kri­ti­sie­ren die ande­ren einen aus den Fugen gera­te­nen Kon­sum­ka­pi­ta­lis­mus. Was Bäcker Auer lapi­dar kom­men­tiert: "Nie­mand muss das Brot kau­fen."

Nun ist New York nicht Graz und schon gar nicht Gör­litz, Gos­lar oder Gel­sen­kir­chen. Die Nach­richt belegt den­noch, dass mit dem rich­ti­gen Kon­zept am rich­ti­gen Ort selbst in einem gesät­tig­ten Markt immer noch was geht. Das zei­gen hier­zu­lan­de auch erfolg­rei­che "jun­ge" Bäcker wie Juli­us Brant­ner in Mün­chen, Alba­tross in Ber­lin oder auch der Filia­list 'Zeit für Brot', wo die Ware eben­falls das Viel­fa­che wie beim Dis­coun­ter kos­tet.

Der US-Öko­nom Thor­stein Veblen hat schon Ende des 19. Jahr­hun­derts nach­ge­wie­sen, dass die Kon­su­men­ten von einem hohen Preis auf eine ent­spre­chen­de Qua­li­tät der Pro­duk­te schlie­ßen und sich einen Sta­tus­ge­winn erhof­fen. Was die Nach­fra­ge – anders als der gesun­de Men­schen­ver­stand nahe­legt – erhöht.

Wer, wenn nicht die Mode­bran­che, hat die­sen Mecha­nis­mus ver­stan­den. Lei­der haben wir es viel­fach über­trie­ben.

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Ansons­ten gibt es zur­zeit wenig Erbau­li­ches von der Kon­sum­front zu berich­ten. Die TW ver­sucht es mit Zweck­op­ti­mis­mus und will im aktu­el­len Ifo-Geschäfts­kli­ma­ba­ro­me­ter eine „Stim­mungs­auf­hel­lung im Beklei­dungs- und Schuh­ein­zel­han­del“ sehen. Auch wenn wir uns das alle wün­schen wür­den: Durch die der­zei­ti­ge Umsatz­ent­wick­lung lässt sich das nicht bele­gen. Und selbst wenn der Ifo-Index sich wie­der etwas nach oben bewegt hat (auf das Niveau von Novem­ber 2024), liegt er immer noch bei 25,9. Im Minus.

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Auf dem Boden der Tat­sa­chen ist mitt­ler­wei­le auch Shein gelan­det. Die chi­ne­si­sche Bil­lig­platt­form ist mit ihren Pro­duk­ten sozu­sa­gen der Gegen­pol zur New Yor­ker Bäcke­rei Rye. Nach den die­se Woche erst­mals seit dem Bör­sen­gang ver­öf­fent­lich­ten Ergeb­nis­sen hat sich das Wachs­tum mas­siv abge­schwächt. Shein konn­te im ers­ten Halb­jahr gera­de mal 1 Pro­zent zule­gen. In Euro­pa und USA ist der Umsatz wegen der Kon­sum­schwä­che und wohl auch des regu­la­to­ri­schen Drucks sogar geschrumpft. App-Down­loads, Traf­fic und Ver­weil­dau­er sind rück­läu­fig.

Der Bör­sen­gang kam aus Sicht der Alt-Inves­to­ren damit kei­ne Sekun­de zu spät. Wer zum IPO Akti­en gekauft hat, hat in nur einem Monat ein Drit­tel sei­nes Ein­sat­zes ver­lo­ren. Shein, theo­re­tisch einst mit angeb­lich 100 Mil­li­ar­den bewer­tet, bringt nun gera­de mal noch 17 Mil­li­ar­den Dol­lar auf die Waa­ge. Jochen Krisch spe­ku­liert in Exci­ting Com­mer­ce bereits, wann das Unter­neh­men die 10 Mil­li­ar­den-Bewer­tung unter­schei­tet.

Inter­es­sant sind in die­sem Zusam­men­hang die Dis­kus­sio­nen inner­halb der E‑Com­mer­ce-Bubble. Unter dem Ein­druck der aktu­el­len Kon­sum­kri­se und vor dem Hin­ter­grund der KI-Ent­wick­lung zwei­feln dort inzwi­schen man­che ganz gene­rell an ihren Zukunfts­per­spek­ti­ven. „In wel­che der drei DMEXCO Hal­len (Media vs. Com­mer­ce vs. Tech) wür­den wir unse­re Kin­der noch schi­cken, um einen Aus­bil­dungs­platz zu suchen?“, fragt Alex­an­der Graf ver­gan­ge­ne Woche in sei­nem Kas­sen­zo­ne-Live-Pod­cast auf der Köl­ner Digi­tal-Fach­mes­se. „War­um gibt es abseits von Ama­zon, Meta und Goog­le im digi­ta­len Han­del kaum noch E‑Com­mer­ce-Gewin­ner, die pro­fi­ta­bel wach­sen? Und wel­che Berufs­bil­der bie­ten im Com­mer­ce- und Tech-Sek­tor über­haupt noch Zukunfts­si­cher­heit, wenn KI klas­si­sche Rol­len zuneh­mend ver­än­dert? (…) Soll­ten wir nicht doch ein­fach wie­der ein Laden­ge­schäft eröff­nen?“

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Und sonst?

…gibt Sei­den­sti­cker eine kraft­vol­le Ant­wort auf die vom Mana­ger-Maga­zin kol­por­tier­ten Ver­kaufs­plä­ne. Die Betei­li­gungs­ver­hält­nis­se inner­halb der Fami­lie wer­den neu geord­net. Gerd Oli­ver Sei­den­sti­cker stockt auf 60 Pro­zent auf, CEO Sil­via Bent­zin­ger steigt mit 20 Pro­zent als Gesell­schaf­te­rin ein, Frank Sei­den­sti­cker hält die rest­li­chen 20 Pro­zent, sei­ne Schwes­ter Nico­le Sei­den­sti­cker-Deli­us schei­det als Mit­ei­gen­tü­me­rin aus. Eine exter­ne Finan­zie­rung schließt dies nicht aus. Das Unter­neh­men braucht Kapi­tal, um Wachs­tums­chan­cen wahr­neh­men zu kön­nen, die sich aktu­ell bie­ten. Nach dem Eter­na-Aus sind im Han­del Flä­chen frei.

…nimmt Hugo Boss-CFO Yves Mül­ler sei­nen Hut. Über die Grün­de kann man nur spe­ku­lie­ren. Aber der Zeit­punkt wird kein Zufall sein. Nach dem Wech­sel im Auf­sichts­rats­vor­sitz weht nun mög­li­cher­wei­se ein raue­rer Wind in Met­zin­gen, und die Frasers Group lei­tet Ver­än­de­run­gen ein, die der CFO und COO Mül­ler nicht mit­ge­hen woll­te.

…hat Zara ges­tern sei­ne Gal­lia­no-Kol­lek­ti­on in den Ver­kauf gebracht. Die Dis­kus­si­on um die Absa­ge der Met-Aus­stel­lung wird die Kun­din­nen weni­ger inter­es­sie­ren. Schon eher ist die Fra­ge, ob der exal­tier­te Gal­lia­no-Style modisch den Nerv trifft, und ob die Kund­schaft die deut­lich höhe­ren Prei­se mit­geht. Aber viel­leicht ist das alles bei die­ser Col­lab gar nicht so ent­schei­dend. Bemer­kens­wert ist, was mit Zara-Archiv­stü­cken sti­lis­tisch mög­lich ist. Die­se wur­den ja stets als Desi­gner­ko­pien dif­fa­miert. Was schon immer ein wenig bigott war, da die gesam­te Indus­trie so arbei­tet, nur eben lang­sa­mer als Zara. Jetzt wird das Zara-Archiv durch Gal­lia­no geadelt und die Indi­tex-Toch­ter damit retro­spek­tiv als die Krea­ti­v­in­stanz bestä­tigt, die sie mit Blick auf die kom­mer­zi­el­le Rele­vanz stets war.