
“It feels like we‘re living through an aera where the anticipation of an impending crisis is shaping culture almost as much as the crisis itself will.”
Jay Rowland auf Substack, 28.08.2026
Wer sich in seinem eigenen Bekanntenkreis umhört, wird feststellen, dass es bereits allgemeiner Konsens ist, dass sich unsere westliche Zivilisation im Verfall befindet oder zumindest vom Verfall bedroht ist. In seinem diesjährigen Neujahrsbrief artikuliert Bill Gates das, was derzeit ganz viele Menschen empfinden, nämlich dass unsere Zivilisation angefangen hat, sich zurückzuentwickeln. Dass dies mehr als nur ein Gefühl ist, belegt er mit Zahlen zu globalen Rückschritten in der Gesundheitsversorgung, Armutsbekämpfung, Bildung und wissenschaftlichen Innovation. Die Menschheit drohe, so Gates, in ein „Dark Age“ einzutreten.
Dass er diesen Ausdruck wählt, ist sehr bezeichnend für unseren Zeitgeist. Denn „dunkle Zeitalter“, sind Bestandteil eines uralten Narrativs. Uns allen wurde nämlich im Geschichtsunterricht am Beispiel des alten Ägyptens, des römischen Reichs und vor allem des antiken Griechenlands beigebracht, dass Hochkulturen stets folgenden Lebenszyklus durchlaufen: Ihr Aufstieg, die Archaik, gipfelt in der Hochkultur, der Klassik. Weil es den Menschen in dieser Hochkultur aber ein bisschen zu gut geht, folgt leider unausweichlich der Verfall, die Dekadenz. Und so sinkt man wieder zurück in ein dunkles Zeitalter.
Dieses Narrativ wird derzeit aus den tiefsten Tiefen unserer kollektiven Erinnerung hervorgekramt, abgestaubt und wieder in Umlauf gebracht und lässt den Menschen auch für unsere schöne westliche Hochkultur den Abstieg unausweichlich erscheinen.
Bevor eine Gesellschaft sich eines solchen mulmigen Bauchgefühls so recht bewusst wird, artikuliert es sich oft bereits nonverbal in der schnelllebigen und reaktiven Welt der Popkultur. Im vorliegenden Fall bewirken Unterströmungen in großer Tiefe, dass sich auf der Oberfläche der eher seichten Gewässer der Mode bemerkenswerte Muster bilden:
„Wenn Unbehagen unser Dauerzustand ist, bietet der Blick zurück eine einfache Antwort. Dinge, die Jahre, Jahrzehnte oder sogar Jahrhunderte überdauert haben, beruhigen uns.“
So ist es kein Zufall, dass in der letzten Schauenrunde sowohl bei Saint Laurent als auch bei Valentino als auch bei Gucci antike Statuen an den Laufstegen standen. Denn diese Zeugnisse bereits untergegangener Gesellschaften lösen in unserer Gesellschaft, die ihren eigenen Untergang antizipiert, gerade besonders starke Resonanz aus. In den atemberaubend schönen Artefakten antiker Hochkulturen, die meist von den auf sie folgenden Barbaren verstümmelt wurden, verdichtet das Schicksal der versunkenen Imperien, mit denen wir uns jetzt gerne identifizieren möchten.
Guccis Kreativdirektor Demna hatte für seine Schau sogar einen ganzen Saal im altrömische Stil bauen lassen. Die Gäste fanden sich also zunächst umgeben von der zeitlosen Schönheit der Kunst und Architektur der klassischen Antike. Doch dann versank all das in Dunkelheit, und auf den grell erleuchteten Laufsteg ergoss sich ein schräges Casting aus Tussis und Talahons, die betont flegelhaft Kaugummi kauten und ihr Handy checkten. Wer Demna kennt, weiß: Er hat diese Achterbahnfahrt des kulturellen Niveaus genau kalkuliert. Und er hat die Fallhöhe zwischen dem Raum und dem, was in diesem Raum geschieht, so groß wie möglich gemacht, um uns so deutlich wie möglich zu verstehen zu geben, dass unsere Klassik hinter uns liegt und die Dekadenz eingesetzt hat.
Prada zeigte seine Kollektionen ebenfalls inmitten von Rudimenten einer untergegangenen Hochkultur. Die Kulisse suggerierte, dass man sich in einem prächtigen Palazzo befindet, von dem aber nur noch die Außenwände stehen. Die dort noch erkennbaren Reste von reichen Täfelungen und Gobelins, kassettierten Türen und Marmorkaminen lassen uns den Verlust umso schmerzlicher empfinden. Die Überbleibsel dieses Gebäudes werden zur Allegorie für unsere gesamte Kultur: früher einmal sehr schön, jetzt aber bereits komplett ausgehöhlt. Die all dem zugrundeliegende Geisteshaltung charakterisiert Miuccia Prada wie folgt: „‚Unbehagen‘ ist für mich das perfekte Wort, um die Psychologie unserer Zeit zu beschreiben. Es gibt da eine Besinnung auf das Davor, die uns interessiert.“
Das scheint Angelo Flaccavento von The Business Of Fashion aufzugreifen, wenn er zusammenfassend über die Schauenrunde schreibt: „Wenn Unbehagen unser Dauerzustand ist, bietet der Blick zurück eine einfache Antwort. Dinge, die Jahre, Jahrzehnte oder sogar Jahrhunderte überdauert haben, beruhigen uns.“
Solche überlieferten Dinge, von denen eine beruhigende Wirkung ausgeht, spielten in den Modenschau-Inszenierungen eine ganz zentrale Rolle: So zeigten zum Beispiel sowohl Amiri, als auch Sandy Liang und Time 1993 unabhängig voneinander vor Regalwänden voller lederner Folianten. Und Ralph Lauren, Amiri und Zegna ließen unabhängig voneinander ihre Laufstege komplett mit antiken Orientteppichen auslegen.
„Der Blick zurück“, den wir derzeit sehen, sind nicht Ausdruck von mangelnder Kreativität, sondern Ausfluss eines immer stärker werdenden Kulturpessimismus.
Die „Besinnung auf das Davor“ und „der Blick zurück“, die wir derzeit in der Mode sehen, sind nicht Ausdruck von mangelnder Kreativität. Vielmehr sind sie Ausfluss eines immer stärker werdenden Kulturpessimismus. Uns überkommt eine starke Nostalgie, aber nicht in Bezug auf uns als Individuen, sondern in Bezug auf uns als Gesellschaft. Der wehmütige Blick zurück gilt diesmal nicht den Zeiten, in denen man selbst in voller Blüte stand, sondern jenen Zeiten, in denen unsere Zivilisation und unsere Kultur in voller Blüte standen. In Vorahnung des nahenden Endes möchte man die Hochphase unserer westlichen Kultur verlängern und ihren Verfall noch ein wenig hinauszögern, oder – falls das nicht mehr möglich sein sollte – einen wehmütigen Blick zurück werfen auf die Klassik unserer westlichen Kultur und all die schönen Dinge, die sie hervorgebracht hat.
Ganz besonders viele solcher Dinge sind im Palazzo Barberini in Rom unter einem Dach versammelt. Dorthin lud Alessandro Michele zur Schau von Valentino und verschickte als Einladung einen marmornen Knopf, in einer Schatulle mit der Inschrift: „Suche, was eine beständige Freude ist“. Damit waren die Gäste nicht nur angehalten, im Palazzo Barberini nach der Marmorskulptur zu suchen, an der dieser Knopf fehlt. Sie sollten sich im Zuge dieser Suche der opulenten Ausstattung der barocken Räume ihre Aufmerksamkeit schenken. Sie sollten die Kunstfertigkeit, Raffinesse und Liebe zum Detail der Dinge, die schon seit Jahrhunderten eine beständige Freude sind, bewusst wahrnehmen und wertschätzen.
Auch mit seinen modischen Entwürfen wirbt Michele dafür, diese Form der Kunstfertigkeit, Raffinesse und Liebe zum Detail, die es früher gab und die nach und nach auf der Strecke geblieben ist, wieder aufleben zu lassen. Seine Kleidung will genauso prachtvoll und reich sein wie der Palazzo Barberini – reich an Details, reich an Kultur und reich an Geschichte. Und damit ist Michele längst nicht mehr allein. Immer mehr Kreative finden derzeit Inspiration in dem Reichtum an Farben und Oberflächen, Mustern und Materialien, Verzierungen und Ornamenten früherer Zeiten und kehren zurück zu einer Opulenz, Komplexität, und Flamboyanz, die wir glaubten, für immer hinter uns gelassen zu haben.
Wie dabei etwas herauskommt, was trotzdem, oder gerade deshalb, absolut zeitgemäß ist, bebildert der aktuelle DMI Fashion Day Online.

Carl Tillessen ist Geschäftsführer des Deutschen Mode-Instituts (DMI). Sein Buch “Konsum” geht der Frage nach, wie, wo und vor allem warum wir kaufen. www.carltillessen.com