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Das Benzin, die Politik und wir

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Jür­gen Mül­ler

Mon­tag, 13. April. Gute PR ist Timing­sa­che. Und wird manch­mal durch die Umstän­de begüns­tigt. Das macht die­ser Tage mal wie­der Wolf­gang Grupp vor. Da ist nicht nur die jüngst erschie­ne­ne Bio­gra­phie, dank derer wir jetzt wis­sen, dass der 84jährige, wenn ihm lang­wei­lig ist, auf dem Han­dy Skat spielt. Oder dass er Uli Hoe­ness bis heu­te nach­trägt, dass er die angeb­li­che Hand­schlag­ver­ein­ba­rung nicht ein­ge­hal­ten hat, die Tri­gema 1984 zum neu­en Tri­kot­spon­sor des FC Bay­ern gemacht hät­te. Für die Mar­ken­po­si­tio­nie­rung schon rele­van­ter ist, dass Tri­gema doch tat­säch­lich T‑Shirts in Hong­kong pro­du­zie­ren ließ. Aber das war in den 70er Jah­ren.

Aktu­ell kommt Wolf­gang Grupp zupass, dass er – was auch nicht jeder weiß – neben sei­ner Tex­til­pro­duk­ti­on auch Betrei­ber von drei Tank­stel­len ist. Dort kos­tet der Liter Ben­zin aktu­ell im Schnitt 20 Cent weni­ger. Grupp hat den Treib­stoff noch zum alten Preis ein­ge­kauft und möch­te – ganz ehr­ba­rer Kauf­mann – nicht zum Kri­sen­pro­fi­teur wer­den, indem er sich wie Aral & Co am Ölpreis ori­en­tiert. Was Bur­la­din­gen, Ran­gen­d­in­gen und Alt­shau­sen für jeden Schwa­ben zum Eldo­ra­do macht.

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Diens­tag, 14. April. Eine Steu­er­sen­kung beim Ben­zin um 17 Cent ist natür­lich purer Aktio­nis­mus. Die Regie­rung muss­te signa­li­sie­ren: Wir tun was gegen die explo­die­ren­den Ben­zin­prei­se. Das wird ver­puf­fen und viel Geld kos­ten, das wir nicht haben. In zwei Mona­ten geht der Streit von Neu­em los. Die Rege­lung pünkt­lich zu den Som­mer­fe­ri­en wie­der zu kip­pen, wür­de im Volk wie eine durch die Regie­rung ver­füg­te Preis­er­hö­hung ankom­men. Und wel­cher Poli­ti­ker will sich vor den im Osten anste­hen­den Land­tags­wah­len schon unbe­liebt machen?

Eigent­lich soll­te es beim Koali­ti­ons­tref­fen am Sonn­tag ja um ein groß­an­ge­leg­tes Reform­pa­ket gehen. Das wird bekannt­lich von so ziem­lich jeder Inter­es­sen­grup­pe in Deutsch­land ange­mahnt und gehört zum Stan­dard­re­per­toire jeder poli­ti­schen Sonn­tags­re­de. Wenn es dann kon­kret wird – wie die­ser Tage beim Gesund­heits­sys­tem – ist der Auf­schrei groß, und es fin­den sich stets Exper­ten, die die schlim­men Fol­gen jeder Ver­än­de­rung aus­ma­len. Aus Sicht der Unter­neh­men ist jeden­falls klar, dass eine Erhö­hung von Lohn­ne­ben­kos­ten nicht drin ist, sie im Gegen­teil sin­ken müss­ten. Auch eine Mehr­wert­steu­er­erhö­hung wäre nicht im Inter­es­se von Han­del und Indus­trie. In Zei­ten glo­ba­ler Ver­wer­fun­gen soll­ten wir für eine Stär­kung der Bin­nen­kon­junk­tur sor­gen. Die­se wird schon durch den befürch­te­ten Infla­ti­ons­an­stieg unter Druck gera­ten.

Die Poli­tik hat die Deut­schen dar­an gewöhnt, dass bei Kri­sen der Staat ein­springt. Das hat Gren­zen. Die Aus­ga­ben müs­sen run­ter. Wahr­schein­lich hät­ten umfas­sen­de und schnel­le Sozi­al­re­for­men, die alle glei­cher­ma­ßen betref­fen, ein­ge­bet­tet in eine gro­ße Erzäh­lung am ehes­ten eine Rea­li­sie­rungs­chan­ce und das Poten­zi­al, wie­der für bes­se­re Stim­mung und mehr Zuver­sicht im Land zu sor­gen. Der Bun­des­kanz­ler ist ein guter Red­ner. Eine sol­che Erzäh­lung ist er uns bis­lang den­noch schul­dig geblie­ben. Viel­leicht hül­fe es auch schon, wenn er dafür sorgt, dass in sei­ner Koali­ti­on nicht alle durch­ein­an­der reden.

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Don­ners­tag, 16. April. Dass sich Ben­zin­prei­se und Infla­ti­ons­angst jetzt schon auf die Umsät­ze im hie­si­gen Ein­zel­han­del aus­wir­ken, ist nahe­lie­gend. Die TW mel­det minus 4 Pro­zent fürs ers­te Quar­tal. Da ist es kein Trost, dass auch die erfolgs­ver­wöhn­ten Luxus­kon­zer­ne die Aus­wir­kun­gen des Irankriegs in den Kas­sen spü­ren. Her­mès ver­lor per Ende März 1,4 Pro­zent Umsatz, nicht zuletzt auch, weil im ers­ten Quar­tal Tou­ris­ten aus der Golf­re­gi­on aus­blie­ben, was die Aktie am Mitt­woch auf Tal­fahrt schickt (minus 13 Pro­zent). LVMH hat im ers­ten Quar­tal 6 Pro­zent Umsatz ver­lo­ren, Kering 8 Pro­zent. In Midd­le East gin­gen Kering Retail-Erlö­se gar um 11 Pro­zent zurück.

Natür­lich darf man in die­sem Fall das Minus nicht allein Trump anlas­ten. Guc­ci, das für über 40 Pro­zent des Kering-Umsat­zes steht, ist nach wie vor im frei­en Fall. Die Mar­ke hat im ver­gan­ge­nen Jahr 22 Pro­zent ver­lo­ren und setzt jetzt "nur" noch 6 Mil­li­ar­den um. Vor drei Jah­ren waren es noch über 10 Mil­li­ar­den Euro. Im ers­ten Quar­tal hat Guc­ci erneut 8 Pro­zent abge­ge­ben. Trotz oder wegen Dem­na, das ist frei­lich unklar. Der neue CEO Luca de Meo plant trotz­dem Plus in 2026, wie er auf dem Kapi­tal­markt­tag von Kering bekräf­tigt. Dazu bei­tra­gen sol­len u.a. ein straf­fe­res Sor­ti­ment, inno­va­ti­ve Mar­ke­ting­initia­ti­ven, fai­re­re Prei­se und güns­ti­ge­re Ein­stiegs­preis­la­gen.