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Die Konkurrenz steht jetzt an Ihrer Kasse!

In der vergangenen Woche hat Google seinen „Universal Cart” in den USA freigeschaltet. Noch bietet dort kein Wettbewerber mit, aber der Platz neben Ihrer Kasse ist bereits reserviert. Wer darin nur eine bequemere Merkliste sieht, unterschätzt, was da gerade entsteht, sagt Stefan Wenzel. Ein Händler zahlt künftig zweimal: erst dafür, dass die Kundin kommt, dann dafür, dass sie bleibt.
Stefan wenzel
Ste­fan Wen­zel

Am 15. Okto­ber hat Goog­le in den USA einen Waren­korb frei­ge­schal­tet, der kei­nem bestimm­ten Händ­ler gehört. Das mag nach einer Fuß­no­te klin­gen. Ich hal­te es jedoch für eine der mög­li­cher­wei­se fol­gen­reichs­ten Han­dels­nach­rich­ten die­ses Jah­res. Der „Uni­ver­sal Cart” ist mit dem Goog­le-Kon­to der Kun­din ver­knüpft. Er sam­melt Pro­duk­te ver­schie­de­ner Shops aus der Goog­le-Suche und der Gemi­ni-App. You­Tube und Gmail sol­len fol­gen. You­Tube ist allein schon wegen sei­ner Reich­wei­te und der kürz­lich gestar­te­ten Ama­zon-Part­ner­schaft als Ant­wort auf Tik­Tok Shop äußerst span­nend. Der Goog­le-Waren­korb beob­ach­tet Prei­se, mel­det Rabat­te und wie­der ver­füg­ba­re Ware und prüft, ob Arti­kel ver­schie­de­ner Händ­ler zusam­men­pas­sen. Die Bezah­lung erfolgt über Goog­le Pay oder direkt beim Händ­ler.

Ich habe den Uni­ver­sal Cart im Som­mer auf der K5 Kon­fe­renz vor­ge­stellt, damals noch als Goog­le-Ankün­di­gung. Reak­tio­nen dazu gab es kaum, statt­des­sen dis­ku­tie­ren wir als Bran­che mit gro­ßer Lei­den­schaft, ob Men­schen KI-Agen­ten den Kauf­knopf anver­trau­en wer­den. Dass Goog­le sich der­weil aber in aller Ruhe ver­sucht, den Ort zu sichern, an dem die­ser Knopf sitzt, scheint kaum jeman­den zu inter­es­sie­ren. Ein Waren­korb sieht eben harm­los aus. Über Waren­kör­be hält nie­mand Key­notes. Ich schon, aber das hat offen­bar nicht gereicht.

Was dar­an nicht harm­los ist, macht die sta­tio­nä­re Ana­lo­gie greif­ba­rer: Eine Kun­din geht mit einem Woll­man­tel über dem Arm zur Kas­se. Dun­kel­blau, Grö­ße 38, 289 Euro. Die Ent­schei­dung ist gefal­len, die Kon­kur­renz ist aus dem Ren­nen. Kein Mode­haus der Welt wür­de es dul­den, wenn sich jetzt ein Mit­be­wer­ber neben die Kas­se stellt und der Kun­din den­sel­ben Man­tel für 249 Euro anbie­tet.

Online wird genau die­ser Platz gera­de neu ver­ge­ben.

Der Waren­korb ist der Ort mit der höchs­ten Kauf­ab­sicht im gesam­ten Han­del. Wer weiß, was dar­in liegt, kennt nicht nur ein Inter­es­se. Er kennt das Pro­dukt, die Grö­ße, die Far­be und den Preis und weiß, dass noch nicht bezahlt wur­de. Rund sie­ben von zehn Online-Waren­kör­ben wer­den nie bezahlt. Bis­her war das unser Ärger­nis und zugleich unser Pri­vat­be­sitz: Nur der eige­ne Shop wuss­te, wer was lie­gen gelas­sen hat­te, und schick­te die leicht pene­tran­te E‑Mail „Sie haben noch etwas ver­ges­sen“.

Im Uni­ver­sal Cart lie­gen die­se offe­nen Käu­fe nun bei Goog­le. Goog­le erin­nert künf­tig dar­an und ist kei­nem Händ­ler ver­pflich­tet. Ein Sys­tem, das Prei­se beob­ach­tet und Rabat­te mel­det, kann Kun­din­nen eben­so gut zei­gen, wo es den­sel­ben Man­tel güns­ti­ger gibt. Was bis­her die ver­lo­re­ne Mehr­heit jedes Shops war, wird zum Roh­stoff eines ande­ren.

Ein Händler zahlt künftig zweimal: erst dafür, dass die Kundin kommt, dann dafür, dass sie bleibt.

Was dar­aus wer­den kann, ist offen­sicht­lich. Seit Jah­ren bie­ten Händ­ler in der Goog­le-Suche auf die Mar­ken­na­men ihrer Wett­be­wer­ber und mit „Direct Offers“ ver­kauft Goog­le bereits Rabat­te für den Moment, in dem jemand kauf­be­reit ist. Der nächs­te Schritt liegt nahe: Händ­ler B bie­tet auf den Man­tel, den die Kun­din bei Händ­ler A aus­ge­wählt hat. Nicht auf eine ver­mu­te­te, son­dern auf eine doku­men­tier­te Absicht, ohne je zu erfah­ren, wer die Kun­din ist. Die Auk­ti­on führt Goog­le. Ein Zwi­schen­händ­ler, der den­sel­ben Man­tel güns­ti­ger beschaf­fen kann, bie­tet mit und ver­dient an der Dif­fe­renz. Und Händ­ler A zahlt zwei­mal, wenn er dage­gen­hal­ten will: Ers­tens dafür, dass die Kun­din kommt, und zwei­tens dafür, dass sie bleibt.

Zur ger­ne ver­dräng­ten Rea­li­tät gehört, dass wir für den Zugang zur Kun­din schon immer bezah­len und das Gefühl der Hoheit eher ein Selbst­bild als eine Tat­sa­che ist. Denn der ver­meint­lich eige­ne Kun­den­zu­gang ist für die meis­ten gemie­tet. In der Innen­stadt über die Laden­mie­te und online über Pro­vi­sio­nen und Klick­prei­se. Laut HDE wer­den rund 57 Pro­zent des deut­schen Online­um­sat­zes über Markt­plät­ze gene­riert und kein Shop kommt ohne Besu­cher aus, die er bei Goog­le und Meta ein­kauft. Dass gezahlt wird, ist also nichts Neu­es. Neu ist jedoch, wofür.

Der Rabatt schafft keine neue Nachfrage, sondern verbilligt die vorhandene.

Bis­her ver­kauft Goog­le den Weg in den Laden. Was danach pas­siert, ist Sache des Händ­lers: Bera­tung, Zusatz­ver­kauf, Kas­se. Mit dem Uni­ver­sal Cart rückt Goog­le nun bis an die Kas­se vor und kann den Moment ver­kau­fen, in dem sich eine Kun­din zwi­schen zwei Ange­bo­ten ent­schei­det. Für Goog­le bedeu­tet dies den Auf­stieg vom Pfört­ner zum Haus­herrn. Für uns heißt es: Was wir an der eige­nen Kas­se bis­her umsonst hat­ten, wird nun kos­ten­pflich­tig.

Ein Blick in den Feed ver­rät, wie Goog­le dar­an ver­die­nen dürf­te. Dort haben zwei Platt­for­men die glei­che Idee sehr unter­schied­lich umge­setzt. Tik­Tok Shop ver­dient am Ver­kauf und hat des­halb die Funk­tio­nen „Ent­de­cken”, „Waren­korb” und „Bezah­len” in eine App inte­griert sowie die Crea­tor am Umsatz betei­ligt. Meta hin­ge­gen ver­dient an der Anzei­ge und hat den eige­nen Check­out bei Insta­gram im ver­gan­ge­nen Jahr wie­der ein­ge­stellt. Eine Platt­form baut den Han­del also so, wie sie dar­an ver­dient. Goog­le ver­dient an der Anzei­ge und der Waren­korb dürf­te des­halb vor allem eines wer­den: Wer­be­flä­che.

Goog­le hat erst ein­mal kei­ne Wer­bung im Waren­korb ange­kün­digt. Die ers­ten Bild­schirm­fo­tos aus den USA zei­gen jedoch, wohin die Rei­se geht: Im Pro­dukt­fens­ter, in dem Kun­din­nen Arti­kel in den Waren­korb legen, wer­den oben gespon­ser­te Shops ange­zeigt. Direkt neben dem But­ton, mit dem die Arti­kel in den Waren­korb wan­dern. Bezahl­te Plät­ze gab es in Goog­le Shop­ping zwar schon immer, jetzt rücken sie jedoch unmit­tel­bar vor den Waren­korb. Seit 25 Jah­ren ver­stei­gert der Kon­zern Auf­merk­sam­keit für Kauf­ab­sich­ten. Es wäre bemer­kens­wert, wenn aus­ge­rech­net der kon­kre­tes­te Ort dau­er­haft wer­be­frei blie­be.

Da der Uni­ver­sal Cart nicht am Shop, son­dern am Kon­to der Kun­din hängt, reist er mit. Aus einem Ort, den man auf­sucht, wird ein Beglei­ter, der zwi­schen zwei Ein­käu­fen nie ganz ver­schwin­det. Damit wan­dern zwei Din­ge aus, die bis­her uns gehör­ten.

Zunächst der Preis. Ein Man­tel, der drei Wochen im Waren­korb liegt, ist ein Beob­ach­tungs­auf­trag. Der Waren­korb war­tet auf den Rabatt und mel­det ihn der Kun­din sofort. Wir ver­kau­fen ohne­hin zu viel über den Preis. Jetzt mel­det ein Drit­ter jede Akti­on genau den Kun­din­nen, die sowie­so gekauft hät­ten. Der Rabatt schafft kei­ne neue Nach­fra­ge, son­dern ver­bil­ligt die vor­han­de­ne.

Dann die Bera­tung. Der Waren­korb prüft, ob Arti­kel ver­schie­de­ner Händ­ler zusam­men­pas­sen, also ob das Kabel zum Ste­cker passt. In der Mode heißt das: Fällt die Mar­ke klein aus? Passt der Gür­tel zu den Schu­hen? Ist das Kleid recht­zei­tig zur Fei­er da? Das war ein­mal die Kern­kom­pe­tenz guter Ver­käu­fer (die Älte­ren erin­nern sich). Im Uni­ver­sal-Cart erle­digt dies ein Sys­tem, das kei­nem Händ­ler gehört. Wer zum Man­tel die pas­sen­den Stie­fel emp­fiehlt, ent­schei­det mit, wo sie gekauft wer­den.

Im Laden würde man den Mitbewerber freundlich, aber bestimmt vor die Tür bitten. Im Universal Cart ist Google der Hausherr. Und der entscheidet, wer neben der Kasse stehen darf und was der Stellplatz kostet.

Natür­lich ist frag­lich, ob Men­schen so ein­kau­fen wol­len und ob sie Goog­le ver­trau­en. Ers­te Pra­xis­tests aus den USA zei­gen, dass vie­le Arti­kel zunächst nur als Merk­lis­te im Uni­ver­sal Cart lan­den. Anstel­le eines Bezahl­knopfs gibt es dort nur einen Ver­weis auf die Händ­ler­sei­te. Wenn der Kauf jedoch über Goog­le läuft, trägt selbst die Bestell­über­sicht das Goog­le-Logo. Die Kun­din kauft beim Händ­ler, aber sie erin­nert sich an Goog­le. Ein gemein­sa­mer Waren­korb bün­delt weder Pake­te noch Retou­ren und vie­le Kun­din­nen sind ihrem Lieb­lings­shop treu­er, als es jede Platt­form­stra­te­gie gern hät­te. Goog­le braucht aber nicht jeden Ein­kauf. Es braucht die Momen­te, in denen jemand zögert, ver­gleicht und auf den rich­ti­gen Preis war­tet. In der Mode sind das, vor­sich­tig for­mu­liert, nicht weni­ge.

Für vie­le sta­tio­nä­re Mode­häu­ser stellt sich die Fra­ge nach Gebo­ten und Gegen­an­ge­bo­ten gar nicht. Wer kei­nen Online­shop auf KI-pro­to­koll­fä­hi­ger Soft­ware betreibt, ist in die­sem Waren­korb nicht ver­tre­ten – weder als Gewin­ner noch als Ver­lie­rer. Sie sind auf Kun­din­nen ange­wie­sen, die sie von sich aus auf­su­chen. Das funk­tio­niert, solan­ge es genug Kun­din­nen gibt. Es ist nur kei­ne Posi­ti­on, die mit der Zeit stär­ker wird.

Noch ist der Uni­ver­sal Cart ein ame­ri­ka­ni­sches Pro­dukt und es ist unklar, wann er nach Euro­pa kommt. Das ver­schafft uns Zeit, mehr aber nicht.

Für Mode­händ­ler und Mar­ken bedeu­tet das: Ein gefüll­ter Waren­korb ist noch kei­ne gewon­ne­ne Kun­din. Er ist eine offe­ne Kauf­ab­sicht, um die wei­ter gebo­ten wird. Wer im direk­ten Ver­gleich über­zeugt, wird bestehen, wenn nicht mehr der eige­ne Shop die Geschich­te erzählt, son­dern ein Sys­tem die Ange­bo­te neben­ein­an­der­legt. Dann zäh­len ver­füg­ba­re Grö­ßen, ver­läss­li­che Lie­fer­ter­mi­ne, Rück­sen­de­be­din­gun­gen und maschi­nen­les­ba­re Grün­de, gera­de hier zu kau­fen. Die schöns­te Mar­ken­welt am eige­nen POS hilft nicht, wenn der Waren­korb nur einen Preis und ein Pro­dukt­bild von ihr über­nimmt.

Wo man selbst steht, lässt sich schon heu­te prü­fen, ohne auf den Start in Euro­pa zu war­ten. Ein Blick in die eige­nen Daten­schnitt­stel­len genügt. Sind Grö­ßen, Ver­füg­bar­keit, Lie­fer­zeit und Rück­sen­de­be­din­gun­gen in Echt­zeit und ohne Latenz ver­füg­bar? Was dort fehlt, fehlt auch im Ver­gleich.

Die Debat­te, die wir uns im Som­mer gespart haben, soll­ten wir jetzt füh­ren. Im Laden wür­de man den Mit­be­wer­ber freund­lich, aber bestimmt vor die Tür bit­ten. Im Uni­ver­sal Cart ist Goog­le der Haus­herr. Und der ent­schei­det, wer neben der Kas­se ste­hen darf und was der Stell­platz kos­tet.

Sw bookSte­fan Wen­zel ist seit mehr als 25 Jah­ren im digi­ta­len Han­del und einer der pro­fi­lier­tes­ten Köp­fe der Bran­che. Sei­ne Vita beinhal­tet unter ande­rem Sta­tio­nen als Geschäfts­füh­rer für Unter­neh­men wie Ebay, brands4friends, Otto, Mexx und Tom Tail­or Digi­tal. Heu­te unter­stützt Ste­fan Wen­zel Fir­men als Frac­tion­al Exe­cu­ti­ve, Bei­rat und Advi­sor, er ist zudem Key­note Spea­k­er, Autor und Pod­­­­cast-Host. Mehr Infor­ma­tio­nen unter stefanwenzel.com  

In sei­nem neu­en Buch beschäf­tigt sich Ste­fan mit "Agen­tic Com­mer­ce – Wie KI-Agen­­­­ten den Han­del neu struk­tu­rie­ren und wer künf­tig ent­schei­det". Mehr dazu inkl. kos­ten­lo­sem KI-Com­­­pa­n­i­on zu den Inhal­ten gibt es hier.

Bei­trä­ge von Ste­fan Wen­zel

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