Nicht digitaler Handel. Sondern Handel für die digitale Welt.

x39Am Mitt­woch­abend schlug die Stun­de der Ana­lo­gen: Die­ter Hie­ber, Inha­ber der gleich­na­mi­gen Super­markt­ket­te im Badi­schen, erhielt den Inno­va­ti­ons­preis des Deut­schen Ein­zel­han­dels – für ein Mehr­weg­sys­tem, das statt auf Plas­tik­tü­ten auf Tup­per­ware-Dosen setzt, und für sein Food­s­haring-Kon­zept: Sta­tio­nen mit nicht ver­kauf­ten, aber noch taug­li­chen Lebens­mit­t­teln, an denen Bedürf­ti­ge sich gra­tis bedie­nen kön­nen. Der Ede­ka­ner schlug damit in einer Publi­kums­ab­stim­mung bei der Han­dels­kon­gress-Gala einen online­ba­sier­ten Bil­der­rah­menser­vice sowie eine digi­ta­les Fre­quenz­mes­sungs­sys­tem aus dem Ren­nen. Es war der Beleg dafür, dass gute, weil nütz­li­che Ideen nicht zwangs­läu­fig aus der Tech-Ecke kom­men müs­sen. Und natür­lich war es eine Trotz-Reak­ti­on auf den Deut­schen Han­dels­kon­gress, bei dem es den geschla­ge­nen lan­gen Tag um kaum etwas ande­res ging als um die Digitalisierung.

Kein Wort gab es dage­gen zu Kar­stadt und Kauf­hof. Wäh­rend die Beschäf­tig­ten bei einer mög­li­chen Fusi­on mas­si­ve Stel­len­strei­chun­gen fürch­ten und der Städ­te- und Gemein­de­bund vor einer wei­te­ren Ver­ödung zahl­rei­cher Cities im Fal­le eines Waren­haus-Schlie­ßungs­kon­zerts warnt, for­der­te der Han­dels­ver­band flä­chen­de­cken­des Breit­band, schwärm­ten die Exper­ten von Big Data und künst­li­cher Intel­li­genz und blub­ber­ten Buz­z­words wie digi­tal trans­for­ma­ti­on, pre­dic­ti­ve ana­ly­tics und agi­le Orga­ni­sa­ti­on aus jeder zwei­ten Prä­sen­ta­ti­on. Zumin­dest das Voka­bu­lar der neu­en Zeit hat­ten sie in Ber­lin schon drauf.

Am ver­gan­ge­nen Frei­tag haben Ali­b­a­ba & Co zum Sin­gles Day 22 Mil­li­ar­den Dol­lar umge­setzt – in 24 Stun­den. Das muss jeden Kauf­mann beein­dru­cken. Kom­men­de Woche soll es dann auch in hie­si­gen Kas­sen ent­spre­chend klin­geln. Der deut­sche “Black Fri­day”- Lizenz­neh­mer Kon­rad Reid rech­net am 24. Novem­ber mit bis zu zwei Mil­li­ar­den Euro Umsatz. Absurd genug, dass sich einer die Namens­rech­te an so einem Rabatt-Event sichern konn­te und nun über Gebüh­ren mit­ver­dient. Und bezeich­nend, dass aus­ge­rech­net die­ser his­to­risch belas­te­te Begriff sich durch­ge­setzt hat – der Schwar­ze Frei­tag mar­kier­te 1929 bekannt­lich den Auf­takt der Weltwirtschaftskrise.

Dass mit der Digi­ta­li­sie­rung eine Revo­lu­ti­on im Gan­ge ist, dürf­te nicht nur nach den auf der Ber­li­ner Büh­ne behan­del­ten Super­la­ti­ven jedem klar sein. Der Auf­tritt des EU-Kom­mis­sars Gün­ther Oettin­ger mach­te es gewis­ser­ma­ßen amt­lich: “Das ist eine schnel­le Revo­lu­ti­on. In fünf Jah­ren ist ent­schie­den, wer zu den Gewin­nern und wer zu den Ver­lie­rern gehört.”

Man­che ken­nen heu­te schon die Ant­wort. Dar­un­ter die Finanz­in­ves­to­ren, die sich am Mitt­woch bei einer Podi­ums­dis­kus­si­on einig waren: “Einen Dritt­mar­ken­an­bie­ter wür­de ich heu­te nicht mehr finan­zie­ren”, so Flo­ri­an Hei­ne­mann vom Ven­ture Capi­tal-Geber Pro­ject A. Weil Mul­tila­bel-Anbie­ter in einer Omnich­an­nel-Welt kei­ne aus­rei­chen­den Dif­fe­ren­zie­rungs­mög­lich­kei­ten mehr haben. Dani­el Pin­dur vom 17 Mil­li­ar­den-Fonds-Gigan­ten und Dou­glas-Eigen­tü­mer CVC blies ins sel­be Horn: “Wir wür­den heu­te kei­ne Invest­ments in pri­mär sta­tio­nä­re Han­dels­for­ma­te mehr täti­gen.” Für Hei­ne­mann ist zugleich der Zug zur Grün­dung neu­er Online­play­er inzwi­schen abge­fah­ren bzw. nur noch unter mas­si­vem Resour­cen­ein­satz zu machen. “In Chi­na kommt heu­te kei­ner mehr auf die Idee, an Ali­b­a­ba vor­bei online zu gehen. Ich wür­de mir als Händ­ler gut über­le­gen, ob eine Co-Exis­tenz-Sta­te­gie nicht mehr Sinn ergibt.”

Wel­ches Schick­sal dem Ein­zel­han­del womög­lich blüht, zeig­te Alex­an­der Graf die­se Woche in Kas­sen­zo­ne mit einem Ver­weis auf einen Bloom­berg-Arti­kel, der einen Blick auf das Ladenster­ben in den USA wirft. Mit dem Titel “Retail Apo­ca­lyp­se” ist der Inhalt eigent­lich schon tref­fend umschrieben.

Den viel­leicht bes­ten, weil hoff­nungs­vol­len Bei­trag lie­fer­te in Ber­lin Pie­ter Haas. Der Ceco­no­my-CEO beschrieb die Pro­ble­me, die Mediamarkt/Saturn mit der digi­ta­len Trans­for­ma­ti­on hat­te. Am Anfang habe man die neue Web-Kon­kur­renz igno­riert, spä­ter gehofft, dass einer den Ste­cker aus dem Inter­net zieht. Schließ­lich ging man das The­ma grund­sätz­lich an. “Wir haben uns ernst­haft mit der Fra­ge befasst, war­um es uns über­haupt gibt und war­um die Kun­den uns wei­ter brau­chen.” Fünf Jah­re nach dem Start des neu­en Online-Shops machen Media­markt und Saturn 2,5 Mil­li­ar­den über die­sen Kanal. Aber das sei nicht der Punkt, so Haas. “Wir hat­ten jah­re­lang die fal­sche Ein­stel­lung. Die Kun­den brau­chen kei­nen Händ­ler, der ihnen Pro­duk­te lie­fert. Son­dern sie brau­chen jeman­den, der ihnen hilft, ihr digi­ta­les Leben ein­fa­cher zu machen” , so Haas. “Es geht um Han­del für die digi­ta­le Welt. Nicht um digi­ta­len Handel.”

Der Hin­weis – aus­ge­rech­net von Otto-Chef Alex­an­der Bir­ken –  dass 90 Pro­zent des Ein­zel­han­dels immer noch sta­tio­när abge­wi­ckelt wer­de, war mehr als ein Pfei­fen im Wal­de. Natür­lich wer­den Läden nicht aus­ster­ben. Aber das sta­tio­nä­re Ein­kau­fen bekommt eine ande­re Funktion.

Viel­leicht lohnt dazu der Blick nach Ita­li­en. Nicht dass das zur­zeit eine Gewin­ner-Nati­on wäre. Aber wäh­rend sich in Ber­lin die Kauf­leu­te die Köp­fe heiß­re­de­ten, eröff­ne­te in Bolo­gna Fico. Die “Fab­bri­ca Ita­lia­na Con­ta­di­na” ist der Erleb­nis­park von Eata­ly, ein Lebens­mit­tel-Dis­ney­land, das ita­lie­ni­schem Essen und hand­werk­li­chen Erzeu­gern eine Büh­ne bie­tet. Ange­fan­gen bei Acker­bau und Vieh­zucht über die Ver­ar­bei­tung bis hin zu Degus­ta­ti­on, Ein­kauf und Work­shops über die gelun­ge­ne Zube­rei­tung. Der 140 Mil­lio­nen Euro teu­re The­men­park ist nicht nur eine Blend­gra­na­te zum bevor­ste­hen­den Bör­sen­gang der Super­markt­ket­te Eata­ly. Son­dern womög­lich auch ein Blick in die Zukunft des sta­tio­nä­ren Kon­sums. Die­ter Hie­ber wird sich das bestimmt ganz genau ansehen.