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Besser Green Friday

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Jür­gen Müller

Die Glo­ba­li­sie­rung hat vie­le Vor­tei­le, aber sie bringt auch ein paar Nach­tei­le mit sich. Nur weil bei­spiels­wei­se die Ame­ri­ka­ner an ihrem Brü­cken­tag nach Thanks­gi­ving nichts Bes­se­res zu tun haben als Ein­kau­fen zu gehen, sen­ken Ein­zel­händ­ler in Deutsch­land ihre Prei­se. Und nen­nen die­se Rot­stift­ak­ti­on dann para­do­xer­wei­se auch noch „Black Fri­day“. So ver­schen­ken die Kauf­leu­te zu Weih­nach­ten Mar­ge. Zwar fin­det der Win­ter­schluss­ver­kauf hier­zu­lan­de schon lan­ge nicht mehr Ende Janu­ar statt. Aber es geht beim Preis­ver­hau auch gar nicht mehr um Lager­räu­mung, son­dern um Ver­drän­gung. Und da sind Preis­sen­kun­gen immer noch die schärfs­te Waffe.

Ver­ant­wort­lich dafür – wie an so vie­lem ande­ren, was im Ein­zel­han­del künf­tig anders wer­den wird – ist natür­lich Ama­zon. Der US-Online-Gigant bestimmt hier­zu­lan­de längst auch die Mar­ke­ting­agen­da. Ama­zons Black Week läuft schon seit dem 19. Novem­ber. Hof­fen wir mal, dass sich dem­nächst nicht auch noch der chi­ne­si­sche Sin­gles Day eta­blie­ren wird. Der war bereits am 11. Novem­ber. Die Akti­on hat Ali­b­a­ba und JD über 120 Mil­li­ar­den Euro in die Kas­sen gespült, vier­mal mehr als im letz­ten Jahr am Black Fri­day-Wochen­en­de in den USA umge­setzt wur­de. Die­sen Sys­tem­wett­be­werb haben die Chi­ne­sen also schon mal für sich entschieden.

Doch im Ernst: Der heu­ti­ge Black Fri­day fin­det unter beson­de­ren Bedin­gun­gen statt. Natür­lich haben die Kun­den über die Jah­re gelernt, dass es sich lohnt, Rabatt­ak­tio­nen abzu­war­ten. Die sind doch nicht blöd. Die Covid-Kri­se dürf­te die Umsät­ze in die­sen Tagen zusätz­lich befeu­ern. Einer­seits, weil die Ver­brau­cher fürch­ten müs­sen, dass vie­le Läden dem­nächst wie­der dicht­ma­chen; die­se wie­der­um wer­den ange­sichts dro­hen­der Lock­downs ihre Prei­se mög­li­cher­wei­se beson­ders eif­rig her­ab­zeich­nen. Ande­rer­seits, weil es sich ange­sichts der Lie­fer­pro­ble­me her­um­ge­spro­chen hat, dass man sei­ne Geschen­ke die­ses Jahr bes­ser frü­her als spä­ter besorgt. Der HDE rech­net in die­sem Jahr zu Black Fri­day und am kom­men­den Cyber Mon­day mit einem Umsatz von rund 4,9 Mrd. Euro, das wäre ein Plus von 27% gegen­über 2020. Scha­de nur, dass die­ser Umsatz nicht on top kommt, son­dern größ­ten­teils ledig­lich ver­la­gert sein dürfte.

An dem gan­zen Rum­mel betei­li­gen sich über­dies längst nicht mehr nur die Unter­neh­men, son­dern zuneh­mend auch die Kon­sum­kri­ti­ker. Der Black Fri­day sei zum Sym­bol des Kon­sum­wahn­sinns gewor­den, heißt es von Fairtra­de Deutsch­land. In der Schweiz haben über 20.000 die Peti­ti­on „Stop Black Fri­day“ unter­schrie­ben. In Öster­reich feu­ert die Bür­ger­initia­ti­ve für ein Lie­fer­ket­ten­ge­setz in einem Dos­sier Breit­sei­ten gegen Fast Fashion und ins­be­son­de­re Zara ab. Da ist von skla­ven­ähn­li­chen Zustän­den in der Pro­duk­ti­on die Rede, von dra­ma­ti­schen Schä­den an Men­schen und Umwelt, von Machen­schaf­ten und toxi­schen Geschäfts­mo­del­len. Star­ker Tobak. All das ist geeig­net, den Schnäpp­chen­jä­gern zumin­dest ein schlech­tes Gewis­sen zu machen. Ob es sie vom Kau­fen abhält? “Wir leben in einer Kon­sum­kul­tur, die es schafft, Men­schen zu Din­gen zu brin­gen, die sie bei genaue­rer Betrach­tung wahr­schein­lich nicht tun wür­den”, so Harald Wel­zer im Stern. “Mir ist es zum Bei­spiel ein tota­les Rät­sel, wie­so sich Men­schen Autos kau­fen, mit denen sie nicht in Park­häu­ser kommen.”

In Groß­bri­tan­ni­en wol­len 85% der unab­hän­gi­gen bri­ti­schen Ein­zel­händ­ler nach Anga­ben ihres Ver­ban­des nicht beim Black Fri­day mit­ma­chen. Wegen der aktu­ell sto­cken­den Waren­ver­sor­gung, aber auch, weil ihnen die gan­ze Idee dahin­ter nicht passt. Klü­ger ist es, den Akti­ons­tag aktiv zu nut­zen – für Spen­den und Cha­ri­ty-Pro­jek­te. Das tun auch die­ses Jahr wie­der eini­ge Anbie­ter. Ein Green Fri­day bringt viel­leicht nicht so viel Geld, aber dafür umso mehr Goodwill.

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