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Wer wird uns künftig informieren?

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Jür­gen Mül­ler

„Was Span­nen­des für Sie“, schrieb mich die­ser Tage Samu­el Manz auf Lin­ke­dIn an. Nun emp­fiehlt es sich nicht, auf jeden Link zu kli­cken, der einen so erreicht. In die­sem Fall habe ich auf den Absen­der ver­traut. Und – was soll ich sagen – ich fand’s tat­säch­lich span­nend. Der Link führ­te auf ein neu­es Online-Fach­me­di­um: AI in Fashion.

Samu­el Manz ist Grün­der und CEO der Fire­group, einer Digi­tal-Agen­tur mit Sitz in der Schweiz. Das Unter­neh­men unter­stützt Mode­fir­men bei der Digi­ta­li­sie­rung von Ver­triebs­pro­zes­sen, im digi­ta­len Mar­ke­ting und bei der Gestal­tung von Web-Auf­trit­ten.

Und jetzt ganz offen­sicht­lich auch mit Fach­in­for­ma­ti­on.

Das Span­nen­de dar­an: AI in Fashion ist, wie es aus­sieht, weit­ge­hend KI-gene­riert. Mit Fach­bei­trä­gen zu allen The­men rund um die KI-Nut­zung in der Mode­bran­che. Mit einem per­ma­nent sich aktua­li­sie­ren­den News-Stream, jeden­falls den Head­lines, die auf ande­re, meist bezahl­pflich­ti­ge Fach­me­di­en ver­wei­sen. Dazu gibt es einen ziem­lich voll­stän­dig anmu­ten­den Über­blick über die rele­van­ten Mar­ken und eine Auf­stel­lung der wich­tigs­ten Per­sön­lich­kei­ten, die das glo­ba­le Busi­ness prä­gen. Alles in vier Spra­chen. Täg­lich per News­let­ter zu bezie­hen. Gra­tis.

Die Bei­trä­ge stam­men von Autoren namens Maya Falk, Cla­ra Berg­mann, Jonas Hart­mann oder Theo Bel­li­ni, die – ohne ihnen nahe­tre­ten zu wol­len – alle­samt zu gut aus­se­hen, um wahr zu sein. Auch sind die Tex­te nicht gera­de pulit­zer­preis­ver­däch­tig, son­dern so gene­risch wie ChatGPT sie auf Anfra­ge halt aus­spuckt.

Aber das ist viel­leicht auch gar nicht ent­schei­dend. Mit AI in Fashion besetzt die Fire­group auf ziem­lich cle­ve­re Art und Wei­se eben­je­nes The­ma. Sie demons­triert ihrer poten­zi­el­len Kund­schaft zwei­tens, dass sie mit der Tech­no­lo­gie hand­werk­lich umzu­ge­hen ver­steht. Man weiß nicht, ob hin­ter dem Medi­um ein ver­le­ge­ri­scher Anspruch steht, der über eine blo­ße Lead­ge­ne­rie­rung hin­aus geht. In jedem Fall ist es ein tol­ler PR-Stunt. Dem wir hier prompt auf­ge­ses­sen sind. Gern gesche­hen.

Ähn­lich wie die Online-Play­er den sta­tio­nä­ren Ein­zel­han­del links und rechts über­ho­lt haben, hat die Digitalisierung auch den Fach­me­di­en neue Konkurrenz gebracht.

Es ist wahr­schein­lich Zufall. Aber AI in Fashion star­te­te just in der Woche, in der die Tex­til­Wirt­schaft ihren Geburts­tag fei­er­te. Den Acht­zigs­ten! Ich gra­tu­lie­re! Gut ein Vier­tel die­ser Zeit durf­te ich selbst an die­sem tol­len Fach­me­di­um mit­schrei­ben. Gra­tu­la­ti­on auch zu der gelun­ge­nen Jubi­lä­ums­aus­ga­be, die nicht nur inhalt­lich lesens­wert ist, son­dern auch umfang­mä­ßig an die eins­ti­gen Mes­se­aus­ga­ben her­an­reicht, die frü­her stets einen Gut­teil der Erlö­se garan­tier­ten.

Das ist lei­der vor­bei, so wie auch die Zeit der gro­ßen Mode­mes­sen vor­bei ist. Der Markt und damit die Leser­schaft und das Lese­ver­hal­ten haben sich gewan­delt. Dies betrifft nicht nur die TW, son­dern alle Fach­me­di­en in der Bran­che, im Schuh­han­del, im Sport­han­del. Die Ver­ti­ka­li­sie­rung hat deren ursprüng­li­ches Geschäfts­mo­dell unter­gra­ben. Das basier­te dar­auf, dass Who­le­sa­le das domi­nan­te Ver­triebs­sys­tem war und speis­te sich aus den Trade­mar­ke­ting-Bud­gets der Indus­trie. Die Markt­an­teils­ge­win­ner der ver­gan­ge­nen 30 Jah­re sind indes Retail- und D2C-For­ma­te – Sta­tio­nä­re wie Onli­ner -, die kei­ne Ein­käu­fer von sich über­zeu­gen müs­sen.

Die Ver­la­ge haben auf die­se Ent­wick­lun­gen reagiert. Heu­te gene­rie­ren sie Erlö­se auch aus ande­ren Töp­fen, etwa den Employ­er Bran­ding-Bud­gets. Sie haben Dienst­leis­ter u.a. für IT-Sys­te­me, aus der Logis­tik, der Immo­bi­li­en- und Sus­taina­bi­li­ty-Sze­ne als Anzei­gen­kun­den gewon­nen. Und sie haben ihr Ver­an­stal­tungs- und Semi­nar­ge­schäft aus­ge­baut.

Zu die­sen Ver­än­de­run­gen im Leser- und Anzei­gen­markt kam der Medi­en­wan­del. Auch dar­auf haben die eins­ti­gen Print-Maga­zi­ne reagiert, der eine bes­ser, der ande­re weni­ger gut. Das Pro­blem ist frei­lich, dass Online-Wer­be­for­ma­te in der Regel nicht die Deckungs­bei­trä­ge von Print­an­zei­gen gene­rie­ren.

Ähn­lich wie die Online Retail­er den sta­tio­nä­ren Ein­zel­han­del links und rechts über­ho­lt haben, hat die Digi­ta­li­sie­rung auch den Fach­me­di­en neue Kon­kur­renz gebracht. Fashion Net­work lie­fert Nach­rich­ten gra­tis, um Stel­len­an­zei­gen zu ver­kau­fen. Eine abo­fi­nan­zier­te Trend­platt­form wie WGSN wird in so gut wie allen gro­ßen Design- und Pro­­duk­t­­ma­­na­ge­­ment-Abtei­­lun­­gen genutzt. Busi­ness of Fashion hat die alt­ehr­wür­di­ge Women’s Wear Dai­ly als glo­ba­les Leit­me­di­um der Mode­indus­trie längst abge­löst. Spe­zia­li­sier­te Blogs und News­let­ter wie Exci­ting Com­mer­ce oder Kas­sen­zo­ne ver­sam­meln die E‑Com­­mer­ce-Com­­mu­­ni­­ty um sich. Zahl­lo­se Exper­ten-Pod­casts kon­kur­rie­ren um die Auf­merk­sam­keit des Publi­kums.

Nicht zuletzt ist Lin­ke­dIn ein inter­ak­ti­ves Netz­werk zur Fach­kom­mu­ni­ka­ti­on gewor­den. Auch wenn die Platt­form immer mehr zu einer Art Face­book für Kar­rie­ris­ten und Akqui­si­teu­re wird und inhalt­lich zuneh­mend AI-ver­seucht ist, fin­den sich dort immer wie­der Exper­ten-Per­len, wie sie kein Fach­jour­na­list kom­pe­ten­ter for­mu­lie­ren könn­te.

Und jetzt kommt KI.

Was bleibt vom wirtschaftlichen Wert eines Mediums, wenn die Information auch ohne den Besuch seiner Website verfügbar ist und KI eine passende Antwort gibt?

Dies ist für alle eta­blier­ten Wochen­zei­tun­gen, Maga­zi­ne und Fach­zeit­schrif­ten eine exis­ten­zi­el­le Her­aus­for­de­rung. Leser fra­gen ChatGPT, statt selbst Infor­ma­tio­nen aus unter­schied­li­chen Quel­len zusam­men­zu­tra­gen. Das ver­än­dert nicht nur, wie Nach­rich­ten kon­su­miert wer­den, son­dern auch, wofür die Leu­te künf­tig bereit sind, Geld zu bezah­len.

Was bleibt vom wirt­schaft­li­chen Wert eines Medi­ums, wenn die Infor­ma­ti­on auch ohne den Besuch sei­ner Web­site ver­füg­bar ist und KI eine pas­sen­de Ant­wort gibt? Das ist im beruf­li­chen Kon­text, wo meist Zeit­druck herrscht und man sehr kon­kre­te Fra­gen hat, eine beson­ders gro­ße Gefahr. Den Fach­me­di­en droht damit der Ver­lust des direk­ten Leser­kon­takts. Abo­zah­len, Reich­wei­te und Anzei­gen­er­lö­se sin­ken. In der Fol­ge muss auch redak­tio­nell gespart wer­den. Am Ende steht der Ver­lust von Auto­ri­tät. Eine Medi­en­mar­ke, die über Jahr­zehn­te für bestimm­te Inhal­te stand, kann unsicht­bar wer­den.

KI bedroht das Geschäfts­mo­dell der Ver­la­ge, sie schmä­lert aller­dings nicht auto­ma­tisch den Wert von Jour­na­lis­mus. Infor­ma­ti­on wird bil­li­ger, dafür wer­den Ein­ord­nung und Urteil wert­vol­ler. Gera­de, wenn dahin­ter ein kom­pe­ten­ter und ver­trau­ens­wür­di­ger Absen­der steht. Letz­te­res ist in einer Welt der alter­na­ti­ven Fak­ten und Social Media-Schwurb­ler sogar wich­ti­ger denn je.

Des­halb bleibt die redak­tio­nel­le Qua­li­tät ein zen­tra­ler Erfolgs­fak­tor. Fach­zeit­schrif­ten, die ledig­lich über­neh­men, was Unter­neh­men ohne­hin in Pres­se­mit­tei­lun­gen ver­brei­ten, sind leich­ter ersetz­bar als Bran­chen­me­di­en, die publi­zie­ren, was hin­ter den Kulis­sen tat­säch­lich pas­siert, und die die­ses Wis­sen in einen grö­ße­ren Kon­text ein­ord­nen kön­nen. Die über das Nach­rich­ten­ge­sche­hen hin­aus ver­läss­li­che Daten und belast­ba­re Fak­ten als ech­te Ent­schei­dungs­hil­fen für ihre Ziel­grup­pe lie­fern. Und die eine Bran­chen-Com­mu­ni­ty über ihre fach­li­che Auto­ri­tät und per­sön­li­che Prä­senz und Enter­tain­ment zusam­men­zu­hal­ten ver­ste­hen.

Es ist im Übri­gen nicht alles schlecht an der Ent­wick­lung. Die Tech­no­lo­gie gibt den Redak­tio­nen auch neue Werk­zeu­ge an die Hand. Tools, die die Pro­duk­ti­on effi­zi­en­ter machen und mehr Zeit für Inter­views und Recher­chen las­sen. Die neue Pro­duk­te aus einem vor­han­de­nen Daten­be­stand gene­rie­ren kön­nen. Die wei­te­re Leser­grup­pen anspre­chen, weil sie z.B. Bei­trä­ge auto­ma­tisch in ande­re Spra­chen über­set­zen. Die die Bezie­hung zu Lesern ver­tie­fen hel­fen, indem sie ihnen neue Mög­lich­kei­ten an die Hand geben, ein Infor­ma­ti­ons­an­ge­bot nutz­bar zu machen.

AI in Fashion macht vor, was die KI ver­mag. Nicht aus­zu­den­ken, wenn das jetzt auch noch mit jour­na­lis­ti­scher Kom­pe­tenz kom­bi­niert wür­de.

Und wer jetzt noch nicht genug hat, dem emp­feh­le ich mei­nen Bei­trag zur Zukunft der Mode­me­di­en, der auch nach 13 Jah­ren nichts von sei­ner Aktua­li­tät ver­lo­ren hat:

Krä­hen gegen Pfau­en – Die Mode­me­di­en-Revo­lu­ti­on geht wei­ter