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Farfetch schluckt YNAP. Rorsted verlässt Adidas. Neonyt geht nach Düsseldorf.

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Jür­gen Mül­ler

Wenn die Medi­en sich um gute Nach­rich­ten bemü­hen, dann hat das im Moment etwas von Pfei­fen im Wal­de. Die „Hap­py News“, unter denen die TW diver­se Mar­ke­ting­ak­tio­nen und Store Ope­nings auf­zählt, wir­ken jeden­falls ziem­lich kramp­fig. Aber klar, es ist ja immer irgend­wie Order­run­de, und da braucht es gute Stim­mung. Auch BoF hat sich neu­lich bemüht, ein paar Grün­de zusam­men­zu­tra­gen, wes­halb die Mode­bran­che opti­mis­tisch sein darf: ange­fan­gen bei den sich ent­span­nen­den Lie­fer­ket­ten über die Nor­ma­li­sie­rung des E‑Coms und die Renais­sance des Sta­tio­nä­ren bis hin zum Wie­der­auf­flam­men des inter­na­tio­na­len Tou­ris­mus.

Als Ein­zel­händ­ler, der Otto Nor­mal­ver­brau­cher in einer x‑beliebigen deut­schen Fuß­gän­ger­zo­ne etwas ver­kau­fen möch­te, hat man von all dem erst­mal wenig. Das BIP zeig­te sich im zwei­ten Quar­tal zwar über­ra­schend sta­bil, auch wegen der Kon­sum­aus­ga­ben. Aber in den kom­men­den Mona­ten wer­den wir mit schrump­fen­den Ein­kaufs­bud­gets bei gleich­zei­tig stei­gen­den Prei­sen und Kos­ten kon­fron­tiert sein. Und Coro­na ist ja auch noch nicht vor­bei. Die Bran­che wird ziem­lich krea­tiv sein müs­sen, um die­sen per­fek­ten Sturm unbe­scha­det zu über­ste­hen.

Ohne­hin ist die Unter­schei­dung zwi­schen good news und bad news seit jeher eine Fra­ge des Stand­punkts. Ent­schei­dend ist nur, dass Nach­rich­ten rele­vant sind. Und da gab es in den ver­gan­ge­nen Wochen Eini­ges zu ver­mel­den:

Mit Issey Miya­ke ist ein wei­te­rer Groß­meis­ter der Mode von uns gegan­gen. Anders als Karl Lager­feld hat er mit sei­nen revo­lu­tio­nä­ren Ent­wür­fen tat­säch­lich die Mode berei­chert und nicht bloß das Mode­mar­ke­ting. „Für einen Men­schen, der Din­ge schafft, bedeu­tet zu vie­le Wor­te zu machen, sich selbst zu regu­lie­ren – eine beängs­ti­gen­de Vor­stel­lung“, hat er mal gesagt. In den 80er Jah­ren konn­ten sich Mode­schöp­fer so eine Hal­tung noch leis­ten. Neben­bei wies Miya­ke nach, dass Fal­ten nicht zwangs­läu­fig alt machen.

Far­fetch schluckt YNAP. Häpp­chen­wei­se. Riche­mont hat­te sich zuvor an dem Online-Rie­sen ver­schluckt. Jetzt müs­sen die Schwei­zer einen Mil­li­ar­den­be­trag abschrei­ben. Wenigs­tens haben sie die defi­zi­tä­re Toch­ter dem­nächst aus der Bilanz. Far­fetch steigt mit der Über­nah­me end­gül­tig zum glo­ba­len Domi­na­tor des Luxu­ry Online Retails auf. Es ist auch eine Zei­ten­wen­de: Für den Kun­den­zu­gang muss­ten die Luxus­mar­ken frü­her einen Albert Eick­hoff pous­sie­ren. Heu­te müs­sen sie sich mit einem Gigan­ten arran­gie­ren, der dem­nächst zu sei­nem 4,2 Mil­li­ar­den Dol­lar-GMV wei­te­re 2,78 Mil­li­ar­den Umsatz aus der YNAP-Kas­se buchen darf, und der für nicht weni­ge auch ein Tech­no­lo­gie- und Ser­vices-Anbie­ter ist. Nicht zuletzt mar­kiert die Über­nah­me einen Sieg des Markt­platz-Modells über die tra­di­tio­nell kura­tier­ten Web­shops. Am Ende ist dies frei­lich eine Form der Vor­wärts­ver­tei­di­gung: Im Luxus­markt, wo die Brands mehr als anders­wo auf kon­trol­lier­ten Direkt­ver­trieb set­zen, wer­den es tra­di­tio­nel­le Mul­tila­bel­an­bie­ter per­spek­ti­visch schwer haben. Man wird sehen, was Far­fetch aus Net-a-Por­ter macht.

Die Neonyt zieht nach Düs­sel­dorf. Das ist mal eine schö­ne Poin­te! Die Mode­stadt am Rhein hat sich trotz Ber­lin-Hype und Frank­furt-Eupho­rie über all die Jah­re als der Order­platz der Bran­che gehal­ten. Mit der Neonyt hat die Ige­do nun auch die Mög­lich­keit, das The­ma Nach­hal­tig­keit über eine ein­ge­führ­te Mes­se­mar­ke glaub­wür­dig zu beset­zen und dem Order­stand­ort damit neue Impul­se zu geben. In Frank­furt hat man nach der ver­geig­ten Fashion Week rea­li­siert, dass die Platt­form am Main kei­ne Zukunft hat und sich ent­schie­den, statt Stand­mie­te künf­tig Lizenz­ge­büh­ren von der Ige­do zu kas­sie­ren. Eine poten­zi­el­le Win-Win-Situa­ti­on für alle Betei­lig­ten. Und mög­li­cher­wei­se will man bei der Mes­se Frank­furt auch die Ex-Part­ner aus Ber­lin ein wenig ärgern.

Kas­per Ror­sted schei­det bei Adi­das aus. Bis 2023 die Nach­fol­ge gere­gelt ist, bleibt der Däne in Her­zo­gen­au­rach. Da ver­glüht ein Star. Als Ror­sted sei­ner­zeit Hen­kel ver­ließ, sank der Bör­sen­wert des Putz­mit­tel­kon­zerns um 2,2 Mil­li­ar­den Euro, rech­net das Mana­ger-Maga­zin vor, und der von Adi­das leg­te um 1,9 Mil­li­ar­den zu. Die­se Woche, bei Bekannt­wer­den von Ror­steds Abgang lag der Kurs bei 158 Euro und damit 76 Pro­zent höher als bei sei­nem Antritt. Immer­hin, könn­te man mei­nen. Aber vor einem Jahr war Adi­das noch dop­pelt so viel wert. Der rapi­de Kurs­ver­fall dürf­te denn auch den Aus­schlag zur Ver­trags­auf­lö­sung gege­ben haben. Wie ein CEO im Unter­neh­men ankommt, ist Inves­to­ren im Zwei­fel egal. Aber was die Bör­se denkt, nicht.

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Und sonst? Gab es auch noch ein paar weni­ger rele­van­te Nach­rich­ten…

…so kur­sier­ten im Netz Fotos von Balen­cia­gas Trash-Bag (1790 Dol­lar) und einem Ten­nis­so­cken-Sie­ben­er­pack (für jeden Tag eine, 550 Euro). Das könn­te man alles für einen schlech­ten Scherz han­deln. Es muss aber Leu­te geben, die kau­fen das.

…fragt man sich manch­mal, zu wel­chen Ideen sich die Mar­ken­ma­cher in ihrem Koop-Wahn noch ver­stei­gen. So star­te­te Adi­das im Juni eine Kam­pa­gne, die Schu­he und Essen zusam­men­bringt. „Die Adi­li­cious-Serie von Adi­das Ori­gi­nals reist durch die Welt, um mit­hil­fe loka­ler Restau­rants Geschich­ten über limi­tier­te Snea­ker zu erzäh­len“, so die TW. Die­se Woche kommt die Geschich­te aus Ber­lin, vom Ø27-Kebab. Das Farb- und Mate­ri­al­kon­zept des Schuhs sei inspi­riert von den Grund­wer­ten des Essens­la­bels, heißt es bei Adi­das, wel­ches für die welt­weit ers­te Döner-Bowl bekannt ist: “Ein­fach­heit und Pre­mi­um­i­sie­rung.” Wir haben bei Döner erst­mal ganz ande­re Asso­zia­tio­nen.

…da loben wir uns die wirk­lich ver­rück­te Snea­ker­pool-Idee. 43einhalb und Horn­bach haben im Juli in Ber­lin einen „Swim­ming­pool“ in Form eines adi­das ZX 10.000 Joint Path ent­hüllt. Der Zuschlag für die Schwimm-EM ging trotz­dem an Rom.

…mach­te der Ver­band BEVH einen Aus­flug zum Hard­rock-Fes­ti­val nach Wacken. Es ging laut TW dar­um, „die Fan­kul­tur und das Gemein­schafts­ge­fühl vor Ort selbst zu erle­ben, die Kom­mu­ni­ka­ti­ons-Mecha­nis­men zu begrei­fen, das Mer­chan­di­sing-Ange­bot zu sehen und dar­aus Erkennt­nis­se für das Digi­tal-Busi­ness zu zie­hen“. Mosh­pits und Head­ban­ging sind doch mal eine schö­ne Abwechs­lung zu den öden Gre­mi­en­sit­zun­gen.