Img juliebecquart illuremanagement neofashion

“Wir müssen uns in Deutschland mit unserer Ausbildung nicht verstecken”

Auf einen Kaffee mit.... Jens Zander. Der Neo.Fashion-Initiator über seine Graduates-Schauen und den kreativen Nachwuchs in Deutschland.

Wozu braucht es eine Ver­an­stal­tung wie die Neo.Fashion?

Die Teil­neh­mer ler­nen bei uns fürs Leben. Von der Abga­be der Bewer­bung über die Erstel­lung der Kol­lek­ti­on bis hin zur Orga­ni­sa­ti­on der Show, die Pres­se­ar­beit, der gan­ze Weg bis zum Ter­min – das ist eine Erfah­rung, die die jun­gen Desi­gner und Gra­dua­tes sonst so nicht machen wür­den.

Ihr ver­steht Euch als Trai­ning fürs Desi­gner­sein?

Abso­lut. Wir machen das in ers­ter Linie für die Teil­neh­mer. Und die Besu­cher kön­nen Fashion Design erle­ben, das noch kom­plett frei von Kom­merz ist, wo die Desi­gne­rIn­nen sich frei aus­drü­cken kön­nen. Sachen, die sie so woan­ders nicht sehen. Es ist schon sehr span­nend zu erle­ben, wie sich die jun­gen Leu­te bei­spiels­wei­se mit The­men wie Nach­hal­tig­keit oder Diver­si­tät aus­ein­an­der­set­zen. Nicht zu ver­ges­sen, dass wir zu den weni­gen For­ma­ten gehö­ren, wo man sich als mode­in­ter­es­sier­ter Mensch ein­fach ein Ticket kau­fen kann.

Du bist im Haupt­be­ruf ja Inha­ber einer Wer­be­agen­tur. Las­tet Dich das nicht aus? Wie­so enga­gierst Du Dich für den krea­ti­ven Nach­wuchs der Mode­bran­che?

Naja. Ich kam 2017 auf einer Ver­an­stal­tung eher zufäl­lig in Kon­takt zur HTW Ber­lin. Da ent­stand die Idee, und wir haben das dann wei­ter­ge­spon­nen und ein­fach mal ange­fan­gen. Das hat sich dann irgend­wie ver­selbst­stän­digt. Wir bekom­men von den Desi­gnern immer wie­der die Auf­for­de­rung: ‚Macht das doch wei­ter‘. In die­sem Sep­tem­ber zei­gen nun 80 Gra­dua­tes von zehn Hoch­schu­len und 26 jun­ge Nachwuchsdesigner:innen aus Deutsch­land, Äthio­pi­en und der Ukrai­ne bei uns ihre Ent­wür­fe und Kol­lek­tio­nen.

Was hast Du als Unter­neh­mer davon? Kann man damit Geld ver­die­nen?

Naja. Die Ver­an­stal­tung trägt sich mitt­ler­wei­le. Nach­dem wir nun auch För­de­rung vom Senat erhal­ten, zah­len wir wenigs­tens nicht mehr drauf. Das ist für mich aber auch nicht die ers­te Moti­va­ti­on. Unser Antrieb ist, den jun­gen Leu­ten eine rele­van­te Platt­form zu bie­ten, wo sie sich zei­gen kön­nen, wo sie Erfah­run­gen sam­meln und Netz­wer­ke spin­nen kön­nen. Ich selbst kom­me aus dem Leis­tungs­sport (Zehn­kampf und Bas­ket­ball, die Red.), und für mich war es immer wich­tig, auf ein Ziel hin arbei­ten zu kön­nen. ‚Auf der Neo.Fashion zei­gen‘ ist für immer mehr Absol­ven­ten so ein Ziel.

Wie offen waren die Hoch­schu­len für Dei­ne Idee?

Gar nicht. Die waren skep­tisch, weil sowas ja schon öfter ver­sucht wur­de. Ich ver­ste­he das. Jede Hoch­schu­le in Deutsch­land hat ja ande­re Schwer­punk­te. Die einen sind eher künst­le­risch, die ande­ren eher indus­trie­nah unter­wegs. Eine Hoch­schu­le in Reut­lin­gen hat eine ganz ande­re Aus­rich­tung als etwa die Kunst­hoch­schu­len in Bre­men oder Ber­lin. Die Idee, dass zehn Hoch­schu­len ihren Leis­tungs­stand auf einer Ver­an­stal­tung gemein­sam prä­sen­tie­ren, das bedeu­tet ja Wett­be­werb. Man­che scheu­en die­sen Ver­gleich. Aber wie im Sport för­dert Wett­be­werb auch hier die Leis­tung. Wenn die Gra­du­ier­ten spä­ter in die Indus­trie gehen oder sich selbst­stän­dig machen, müs­sen sie sich ja eben­so dem Wett­be­werb stel­len. Des­we­gen sind wir froh, dass die Hoch­schu­len uns mitt­ler­wei­le unter­stüt­zen. Wir haben inzwi­schen sogar Netz­wer­ke ent­wi­ckelt, wo wir uns aus­tau­schen und an die Umset­zung von gemein­sam Ideen arbei­ten.

Ihr trefft unter den Teil­neh­mern ja auch eine Aus­wahl. Wer ent­schei­det das nach wel­chen Kri­te­ri­en?

Das machen die Hoch­schu­len selbst. Sie nomi­nie­ren ihre bes­ten Gra­dua­tes für ihre Shows. Und sie schla­gen den oder die Bes­te für unse­re Neo.Fashion-Award Show vor, wo eine Jury dann den Preis­trä­ger ermit­telt.

Wer sitzt in der Jury?

Die Jury wur­de vom Fashion Coun­cil zusam­men­ge­stellt. Da ist zum Bei­spiel Clau­dia Hof­mann vom FGC dabei, Ley­la Pie­dayesh von Lala Ber­lin, Flo­ri­an Mül­ler von Mül­ler PR und Sebas­ti­an War­schow von Haeb­mau. Ach ja, und Timo Wolf von H&M. Esther Per­bandt hat­te letz­tes Jahr einen Ele­va­tor Pitch ange­regt: Jeder Desi­gner, jede Desi­gne­rin hat zehn Minu­ten Zeit, sich der Jury vor­zu­stel­len. Das machen wir die­ses Jahr wie­der so. Die Gra­du­ier­ten ler­nen auf die­se Wei­se, sich zu reflek­tie­ren und sich rich­tig dar­zu­stel­len.

Wie inter­es­siert zeigt sich die Indus­trie an der Neo.Fashion?

Geht so.

War­um ist das so? Wis­sen die Unter­neh­men nur nicht, dass es Euch gibt? Oder hat es mit den gezeig­ten Ent­wür­fen zu tun, die ja nicht sel­ten eher im Bereich der Kunst und weni­ger im Kom­merz ein­zu­ord­nen sind?

Ich den­ke Ers­te­res. Wir haben es ein­fach noch nicht geschafft, die rich­ti­gen Stell­schrau­ben zu dre­hen. Wir haben bei uns die 80 bes­ten Nach­wuchs­de­si­gner in drei Tagen auf einer Ver­an­stal­tung! Die­se Tat­sa­che ist vie­len in der Indus­trie, glau­be ich, gar nicht bewusst. Die Unter­neh­men suchen ja krea­ti­ve Köp­fe, die man bei uns sehr wohl iden­ti­fi­zie­ren kann. Wir zei­gen im Übri­gen vie­le trag­ba­re Kol­lek­tio­nen.

Studium ist ja meistens nicht so praxisnah. Das ist nicht nur im Modebereich so.

Bil­den die Schu­len denn nach Dei­nem Ein­druck den Nach­wuchs aus, den die Indus­trie sucht?   

Stu­di­um ist ja meis­tens nicht so pra­xis­nah. Das ist nicht nur im Mode­be­reich so. Wenn sich Abitu­ri­en­ten bei mir für eine dua­le Aus­bil­dung bewer­ben, dann kön­nen die oft noch nicht mal eine Email schrei­ben, mit kor­rek­ter Anre­de, förm­li­cher Ver­ab­schie­dung und so wei­ter.

Ist es nicht häu­fig auch so, dass auf Sei­ten der Desi­gner fal­sche Vor­stel­lun­gen über die Pra­xis bestehen? Alle wol­len Lager­feld wer­den, aber wie­vie­le Lager­felds und Jil San­ders hat Deutsch­land denn in den ver­gan­ge­nen Jahr­zehn­ten wirk­lich her­vor­ge­bracht?

Wie­vie­le Men­schen wol­len Pro­fi-Fuß­bal­ler wer­den, und am Ende kön­nen viel­leicht 1000 in Deutsch­land davon leben. Ich den­ke, es liegt in der Ver­ant­wor­tung der Indus­trie, über die Tätig­kei­ten und Per­spek­ti­ven zu infor­mie­ren. Wenn die Indus­trie hier offen­si­ver kom­mu­ni­zie­ren wür­de, wäre viel gewon­nen.

Wo steht die Neo.Fashion in fünf Jah­ren? Hast Du so etwas wie eine Visi­on?

Es gibt den kla­ren Wunsch, dass mög­lichst alle Design-Hoch­schu­len bei uns teil­neh­men. Es gibt immer noch wel­che, die nicht dabei sind. Weil sie nicht wol­len oder weil sie finan­zi­ell nicht kön­nen.

Was kos­tet denn die Teil­nah­me?

Eine Teil­nah­me kos­tet aktu­ell 5.000 Euro. Ziel Num­mer Zwei wäre es, den Gra­du­ier­ten über unse­re Platt­form den Berufs­ein­stieg zu ermög­li­chen, ein Netz­werk auf­zu­bau­en, das eine Indus­trie­per­spek­ti­ve eröff­net. Und das auch die Rück­kopp­lung aus der Pra­xis in die Leh­re erlaubt.

Die Indus­trie und die gro­ßen Mar­ken ori­en­tie­ren sich im Talent Sourcing zuneh­mend inter­na­tio­nal. Denkt Ihr in die­se Rich­tung? Oder seid Ihr eine deut­sche Ver­an­stal­tung?

Wir haben die­ses Jahr Nach­wuchs­de­si­gner aus der Ukrai­ne dabei. Wir haben eine Show mit Desi­gnern aus Äthio­pi­en.

Ich den­ke eher an eine Teil­nah­me von Moden­schu­len aus Lon­don oder Ant­wer­pen.

Natür­lich wäre ein Aus­tausch mit die­sen ange­sag­ten Insti­tu­tio­nen super. Aber ich bin dafür, dass wir erst­mal hier­zu­lan­de unse­re Haus­auf­ga­ben machen. Wir müs­sen uns hier in Deutsch­land mit unse­rer Aus­bil­dung ja nicht ver­ste­cken. Ich weiß, dass vie­le Bache­lor-Stu­den­ten anschlie­ßend inter­na­tio­nal an sol­chen Unis ihren Mas­ter machen. Um auf Dei­ne Fra­ge zurück­zu­kom­men: In fünf Jah­ren soll­ten wir soweit sein, dass wir ein rele­van­tes Netz­werk und eine wirt­schaft­lich funk­tio­nie­ren­de Orga­ni­sa­ti­on auf­ge­baut haben, dann ste­hen uns die Türen offen.

Fotos: Julie Bec­quart

Portrait jens zander s agentur fuer markeninszenierung gmbhJens Zan­der ist der Initia­tor von Neo.Fashion. Die seit 2017 statt­fin­den­de Ver­an­stal­tung hat sich zum Ziel gesetzt, Platt­form und Dreh­schei­be für die bes­ten Absol­ven­tin­nen und Absol­ven­ten der Mode­hoch­schu­len und jun­gen Design­ta­len­ten im deutsch­spra­chi­gen Raum zu sein. Die nächs­te Neo.Fashion fin­det vom 6. bis 8. Sep­tem­ber zur Fashion Week in Ber­lin statt. Infos gibt’s hier

Schlagworte: