Das Warenhaus ist tot. Es lebe der Department Store!

x26Heu­te will kei­ner mehr “Waren­haus” sein und “Kauf­haus” gleich gar nicht. Wer mehr als eine Cate­go­ry unter sei­nem Dach ver­eint (es muss ja nicht wie frü­her “Alles” sein) nennt sich heu­te “Depart­ment Store”. Klingt inter­na­tio­nal und nach Zukunft, es heisst ja auch Online Shop und nicht Inter­netz­la­den. Dahin­ter steht natür­lich eine Distan­zie­rung – das “Waren­haus” ist bekannt­lich tot, und unter Tot­ge­weih­ten lebt es sich nicht so gut.

Lässt man die Wort­klau­be­rei mal bei­sei­te, ist die­se Aus­sa­ge natür­lich Unsinn. Das Waren­haus ist nicht tot. Es gibt kei­ne guten und schlech­ten Betriebs­ty­pen, son­dern nur gute und schlech­te Unter­neh­men. Die viel beschrie­be­ne Kri­se der Waren­häu­ser war in Deutsch­land stets vor allem die Kri­se von Kar­stadt und Kauf­hof. Aktu­ell sor­gen vor allem die Köl­ner für Schlag­zei­len. Über vie­le Jah­re war Kauf­hof das bes­ser gema­nag­te Unter­neh­men; der durch Inves­tor HBC aus­ge­lös­te schnel­le Nie­der­gang zeigt, wie fra­gil das Fun­da­ment letzt­lich war. Kar­stadt auf der ande­ren Sei­te hat nach Insol­venz und Kata­stro­phen­jah­ren zur­zeit die bes­se­re Pres­se und, wie es aus­sieht, wenigs­tens eine Visi­on. Ob das reicht, den von Deuss bis Mid­del­hoff erlit­te­nen Sub­stanz­ver­lust zu kom­pen­sie­ren, wird man sehen.

Selbst­ver­ständ­lich gab und gibt es Markt­ent­wick­lun­gen, die dem Han­del und ins­be­son­de­re den Waren­häu­sern zuset­zen. Da war das Wachs­tum des Out of Town-Han­dels seit den 70ern, der mit sei­nen preis­ag­gres­si­ven Anbie­tern den in den Innen­städ­ten behei­ma­te­ten Häu­sern die Fre­quenz abspens­tig mach­ten. Da war der rasan­te Auf­stieg der Ein­kaufs­zen­tren ab den 90ern, die als groß­flä­chi­ge Ver­samm­lung von ver­ti­ka­len Spe­zia­lis­ten mehr Sor­ti­ments­kom­pe­tenz als die Gene­ra­lis­ten auf­bie­ten konn­ten. Und da ist der aktu­el­le Inter­net-Boom, der den kura­tier­ten Sor­ti­men­ten des Fach­han­dels und dem unhalt­ba­ren Alles unter einem Dach-Ver­spre­chen der Waren­häu­ser eine unschlag­ba­re Sor­ti­ments­brei­te und ‑tie­fe, beque­mes Ein­kau­fen von Zuhau­se und Tiefst-Prei­se entgegensetzt.

Dass das Waren­haus den­noch lebt, zeigt ein Play­er wie Bre­u­n­in­ger, der als inha­ber­ge­führ­tes Unter­neh­men eine Kul­tur ent­wi­ckelt hat, auf der ein Depart­ment Store-For­mat gedei­hen könn­te, das den inter­na­tio­na­len Ver­gleich nicht scheu­en muss. Das zei­gen Häu­ser wie Hir­mer, Loden­frey, Konen und Lud­wig Beck, die nicht nur vom wohl­ha­ben­den Mün­chen leben, son­dern Mün­chen als Ein­kaufs­stadt zugleich attrak­tiv machen. Und es zei­gen die vie­len loka­len Platz­hir­sche, von Engel­horn bis Hage­mey­er, von Reisch­mann bis CJ Schmidt und von Gar­ham­mer bis L&T. Alle haben sie ihre Beklei­dungs-Sor­ti­men­te längst um wei­te­re Cate­go­ries ergänzt – etwa mit Sport, Schu­hen, Schmuck, Kos­me­tik, Rei­se­ge­päck oder Wohn­ac­ces­soires – und sie locken zudem mit Dienst­leis­tun­gen und Gas­tro­no­mie. Es geht dar­um, zum Life­style-Lie­fe­rant für die bestehen­den Kun­den zu wer­den. Und natür­lich soll das brei­te­re Ange­bot neue Kun­den anziehen.

Was die Stun­de für die gro­ßen Mul­tila­bel-Soli­tä­re geschla­gen hat, konn­te man ver­gan­ge­ne Woche beim Glo­bal Depart­ment Store Sum­mit in Lon­don erle­ben. Die Waren­häu­ser in den Metro­po­len die­ser Welt haben sich längst zu Luxus-Tem­peln gemau­sert. Phä­no­ty­pisch das erneut zum Klas­sen­bes­ten gewähl­te Sel­fri­d­ges. Die neu eröff­ne­te Luxus-Acces­soires-Abtei­lung an der Oxford Street führt über 100 Brands, das Feins­te vom Fei­nen, auf über 5500 Qua­drat­me­tern. Jeden Monat gehen dort angeb­lich 25.000 Taschen über die Laden­the­ke. Die vom Kon­gress­ver­an­stal­ter IGDS orga­ni­sier­te Füh­rung hat die Teil­neh­mer jeden­falls schwer beeindruckt.

Als Blau­pau­se für ande­re Depart­ment Stores taugt so ein Metro­po­len-Kon­zept indes nur bedingt. Häu­ser wie Sel­fri­d­ges oder Har­rods in Lon­don, wie Prin­temps und Le Bon Mar­che in Paris, wie La Rinascen­te in Mai­land und das Kadewe in Ber­lin leben nicht vom loka­len Markt, son­dern von den Tou­ris­ten­mas­sen, die sich durch die­se Städ­te schie­ben; bes­ten­falls gelingt es ihnen, selbst zur Tou­ris­ten­at­trak­ti­on zu wer­den. Das Ein­zugs­ge­biet eines Kadewe umfasst nicht nur Bran­den­burg, son­dern poten­zi­ell die gan­ze Welt. Man kon­kur­riert eher mit Gale­ries Lafay­et­te in Paris als mit des­sen Able­ger an der Fried­rich­stra­ße. Und des­we­gen hat das For­mat mit Har­vey Nichols in Lon­don mehr gemein als etwa mit P&C in Köln oder Wöhrl in Nürnberg.

An Häu­sern wie Sel­fri­d­ges zeigt sich, wel­che Kraft ein Mul­tila­bel-Ange­bot ent­wi­ckeln kann, wenn es unter einer star­ken Dach­mar­ke prä­sen­tiert wird. Die bar­rie­re­freie Prä­sen­ta­ti­on, die einen zwang­lo­sen und unmit­tel­ba­ren Ver­gleich von eta­blier­ten und über­ra­schen­den, neu­en Brands in einem ein­zig­ar­ti­gen Rah­men ermög­licht, ist den glo­bal uni­for­men Mono­mar­ken­s­to­res dann klar über­le­gen. Das ist eine Erkennt­nis, die jeder loka­le Play­er adap­tie­ren kann (und die auch online gilt, wie Mytheresa.com, Far­fetch oder Zalan­do beweisen).

Bleibt das Fre­quenz­pro­blem. An Stand­or­ten, wo es kei­nen Eif­fel­turm und kei­nen Buck­ing­ham Palace gibt, muss der Han­del dar­an arbei­ten, selbst zur Desti­na­ti­on zu wer­den. Die­ser Auf­wand steigt und geht über das Enga­ge­ment in der loka­len Wer­be­ge­mein­schaft und das obli­ga­to­ri­sche Event-Pro­gramm weit hin­aus. Des­halb inte­griert Engel­horn in Mann­heim ein Ster­ne-Restau­rant. Des­halb baut Len­ger­mann & Tri­e­sch­mann in Osna­brück für 35 Mil­lio­nen Euro ein Sport­haus mit Sur­fer-Wel­le. Des­halb ent­wi­ckelt Bre­u­n­in­ger in Stutt­gart ein kom­plet­tes Stadt­vier­tel, das den Depart­ment Store näher ans Zen­trum und den Kun­den­lauf rückt. Das muss man wol­len. Und können.

Und sonst?

… erregt sich das Netz über das 1290 Dol­lar-T-Shirt Shirt von Balen­cia­ga. Abge­se­hen davon, dass die Pro­vo­ka­ti­on den beab­sich­tig­ten Zweck erfüllt, bedient Dem­na Gva­sa­lia ein­mal mehr das Kli­schee von den durch­ge­knall­ten Modemachern.

… erregt sich das Netz zwei­tens über die fleisch­far­be­nen Strumpf­ho­sen von Meg­han Mark­le. Man­che wol­len dar­in eine Kapi­tu­la­ti­on vor den Kon­ven­tio­nen des Königs­hau­ses sehen. Dabei gehör­ten die Strümp­fe ein­fach zum Outfit.

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