Passiert large

Cleaner Mainstream, dirty Avantgarde

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Jür­gen Mül­ler

Die­se Woche sind wir Dem­na Gva­sa­lia wie­der mal voll auf den Leim gegan­gen. BoF pos­te­te Fotos der neu­en Balen­cia­ga-Snea­ker: völ­lig zer­stör­te und ver­dreck­te Can­vas-Schu­he, die sich nach dem Waschen womög­lich als Chucks-Kopien ent­pup­pen. Das Gan­ze in einer Limi­ted Edi­ti­on von 100 Paar.

Über 40.000 BoF-Fol­lower klick­ten „Gefällt mir“, und Hun­der­te kom­men­tier­ten. Der Tenor war über­wie­gend nega­tiv. „Wenn Chris­to­bal Balen­cia­ga leb­te und dies sähe, er wür­de sich umbrin­gen.“ „Da hat einer gera­de Mar­gie­la ent­deckt.“ „Die kann ich im Müll umsonst bekom­men.“ „Wenn die sich ver­kau­fen, bin ich fer­tig.“ „Klau­en wir jetzt von den Obdach­lo­sen, weil wir selbst kei­ne Ideen mehr haben?“ Dem­na Gva­sa­lia ver­spot­te Armut. „Es ist ekel­haft, die Ver­zweif­lung eines Men­schen, der sich kei­ne neu­en Schu­he leis­ten kann, in High Fashion zu ver­wan­deln. Ich schät­ze, der Teu­fel trägt Pra­da, aber auch Balen­cia­ga?“

Dabei ist es ver­mut­lich genau umge­kehrt, und Dem­na Gva­sa­lia ver­spot­tet nicht die Armen, son­dern die Rei­chen. Im Web­shop gibt es die Balenciaga-„Chucks“ im Used Look für irre 1450 Euro. Es ist, als lote Gva­sa­lia die Lei­dens­fä­hig­keit von Mode­op­fern aus. Viel­leicht, spe­ku­liert einer, sei Balen­cia­ga ja nur ein sozia­les Expe­ri­ment, um her­aus­zu­fin­den, wie weit die Men­schen in ihrem Stre­ben nach Luxus zu gehen bereit sind. Gva­sa­lia stel­le das Wesen des Luxus völ­lig auf den Kopf und mache sich erneut über Men­schen lus­tig, die einen Min­dest­lohn für Din­ge aus­ge­ben, die sie als Weg­werf­ar­ti­kel betrach­ten und die schein­bar wert­los sind. „Ist ein Luxus­haus das rich­ti­ge Medi­um für die­se Bot­schaft? Ich weiß es nicht. Aber ich has­se es, es zu lie­ben.“

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Wäh­rend die Avant­gar­de es nun also dir­ty mag, klei­det sich der Main­stream clean. Nicht nur beim Gar­ham­mer-Jubi­lä­um erscheint zur­zeit gefühlt jeder zwei­te Mode-Mann in wei­ßen Snea­kern. Das kann man natür­lich als Kon­for­mi­tät von Leu­ten gei­ßeln, die viel­leicht mehr noch als ande­re sti­lis­tisch etwas Beson­de­res sein möch­ten. Und man kann die Mut­lo­sig­keit einer Bran­che bekla­gen, die sich ger­ne als Vor­rei­ter sieht und von die­sem Selbst­ver­ständ­nis letzt­lich auch lebt.

Mir bleibt da nur, auf Exacti­tu­des zu ver­wei­sen, ein Kunst­pro­jekt, das sehr schön zeigt, dass auch der größ­te Indi­vi­dua­list am Ende nur der Grup­pe der Indi­vi­dua­lis­ten ange­hört. Im Übri­gen wird die Snea­ker­dich­te beim Neu­jahrs­emp­fang des Bür­ger­meis­ters von Wald­kir­chen mit Sicher­heit eine ande­re sein.

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Wo wir schon bei Snea­ker sind: Gleich zwei Über­nah­men wur­den am Diens­tag bekannt.

Die schwei­zer Ark­lyz Group, Dach­ge­sell­schaft von The Ath­le­tes Foot mit 560 Läden in 30 Län­dern, über­nimmt den Darm­städ­ter Snea­ker Store Asphalt­gold. Ver­schie­de­ne Assets machen den Deal für die Schwei­zer inter­es­sant: Das Online-Know-how und die Ziel­grup­pen-Reich­wei­te, die der 2008 gegrün­de­te Snea­ker Store mit­bringt. Die Credi­bi­li­ty, die Asphalt­gold bei Snea­ker­heads hat. Und damit ver­bun­den der Zugang zu bestimm­ten Brands und exklu­si­ven Model­len.

Credi­bi­li­ty ist frei­lich ein flüch­ti­ges Gut. Es wird daher sehr dar­auf ankom­men, wie die Mar­ke ‘Asphalt­gold’ unter dem Dach eines gro­ßen Kon­zerns gepflegt wird. Grün­der Dani­el Benz, der die Mar­ke ver­kör­pert, soll für die not­wen­di­ge Kon­ti­nui­tät sor­gen. Wenn alles gut geht, dann eröff­net der Deal den Darm­städ­tern inter­na­tio­na­les Wachs­tums­po­ten­zi­al.

Sven Voth hat es vor­ge­macht. Der Sni­pes-Grün­der hat die Fir­men­mehr­heit vor elf Jah­ren an die Deich­mann-Grup­pe ver­kauft. Seit­her wächst das Unter­neh­men sehr dyna­misch, wobei es gut gelingt, Kom­mer­zia­li­tät mit Hip­ness zu ver­bin­den. Aktu­ell nutzt Sni­pes die pre­kä­re Lage vie­ler pan­de­mie­ge­schwäch­ter Anbie­ter zur beschleu­nig­ten Expan­si­on. So wur­de eben­falls an die­sem Diens­tag die Über­nah­me der 18 Shoos­ter-Stores in Kroa­ti­en bekannt­ge­ge­ben. Im März über­nah­men die Köl­ner den US-Filia­lis­ten Expres­si­ons, Ende ver­gan­ge­nen Jah­res die Läden von Jim­my Jazz. 2021 expan­dier­te Sni­pes mit der Über­nah­me der pol­ni­schen Ket­te Distance nach Polen. Sni­pes ist damit in weni­gen Mona­ten um ins­ge­samt 250 Stand­or­te gewach­sen und betreibt nun 680 Filia­len in elf Län­dern.

Im High End-Snea­ker-Seg­ment ist Sni­pes mit Sole­box und MBCY ver­tre­ten. Die sind für Sni­pes so etwas wie Asphalt­gold jetzt für Ark­lyz. Von den 561 bei Sole­box gelis­te­ten Män­ners­nea­kern sind übri­gens 136 – und damit mit Abstand die meis­ten – weiß.