Passiert large

Chaostage

Img
Jür­gen Mül­ler

Über man­geln­de Fre­quenz kön­nen sie sich in den fran­zö­si­schen Innen­städ­ten zur­zeit nicht bekla­gen. Lei­der anders als der Ein­zel­han­del sich das wünscht.

Im Ernst: Die Bil­der, die seit Tagen die Feeds flu­ten, sind dra­ma­tisch. Ein­ge­schla­ge­ne Schau­fens­ter, ver­wüs­te­te Ver­kaufs­räu­me, Plün­de­rer, die Ware zur Tür raus­tra­gen, ver­zwei­fel­te Laden­be­sit­zer, die sie dar­an hin­dern wol­len. 3000 Läden sind an einem Wochen­en­de nach offi­zi­el­len Anga­ben beschä­digt wor­den. Der Scha­den wird auf meh­re­re Hun­dert Mil­lio­nen Euro geschätzt. Die gestoh­le­ne Ware wird jetzt über Wie­der­ver­kaufs­platt­for­men wie Vin­ted und Ebay ver­hö­kert. In Mai­land, wo es eben­falls mas­si­ve Ran­da­le gab, haben die Luxu­ry Brands ihre Stores in der Via Mon­tena­po­leo­ne vor­sorg­lich kom­plett leer­ge­räumt.

Betrof­fen sei­en nicht nur Läden, son­dern die Arbeits­plät­ze von Men­schen, hat ein Mana­ger sehr rich­tig fest­ge­stellt. Aber das scheint die Plün­de­rer, die im Wind­schat­ten von an sich legi­ti­men sozia­len Pro­tes­ten ran­da­lie­ren, nicht zu inter­es­sie­ren. Han­delt es sich um einen beson­ders hef­ti­gen Aus­bruch der legen­dä­ren fran­zö­si­schen Revo­lu­ti­ons­men­ta­li­tät? Oder steht hin­ter der Gewalt­or­gie, wie man­che mut­ma­ßen, gar orga­ni­sier­tes Ver­bre­chen? Am Ende sind die Kra­wal­le auch ein Sym­ptom des wirt­schaft­li­chen Nie­der­gangs eines hoch­ver­schul­de­ten Lan­des und der zuneh­men­den Distanz zwi­schen einer abge­ho­be­nen poli­ti­schen Klas­se und einer ver­än­de­rungs­re­sis­ten­ten Bevöl­ke­rung.

Bleibt die Fra­ge, ob uns so etwas auch in Deutsch­land droht?

Dass ein Bünd­nis namens 'Gen Z regelt' für den 31. Okto­ber zu lan­des­wei­ten Pro­tes­ten in 20 Städ­ten auf­ge­ru­fen hat, dürf­te man­chen Ein­zel­händ­ler hier­zu­lan­de besor­gen. Aus­ge­rech­net an Hal­lo­ween, wo man mas­kiert zunächst gar nicht auf­fällt. Bis die ers­ten Stei­ne flie­gen. Zwar leh­nen die Ver­an­stal­ter Gewalt nach eige­nen Anga­ben aus­drück­lich ab. Aber das war in Frank­reich nicht anders.

Kann uns beru­hi­gen, dass man, wenn es nach 'Gen Z regelt' geht, ein Ticket zur Demons­tra­ti­on lösen soll­te? Die schei­nen ihren Lenin gele­sen zu haben: "Revo­lu­ti­on in Deutsch­land? Das wird nie etwas. Wenn die­se Deut­schen einen Bahn­hof stür­men wol­len, kau­fen die sich noch eine Bahn­stein­kar­te."

Nichts­des­to­trotz wird auch hier­zu­lan­de immer dring­li­cher, dass die Regie­rung end­lich ent­schlos­sen die Pro­ble­me angeht und damit – vor allem ande­ren – dafür sorgt, dass wie­der Wirt­schafts­wachs­tum mög­lich wird. Der Inves­ti­ti­ons­gip­fel am Diens­tag in Ber­lin brach­te viel­leicht kei­ne finan­zi­el­len Zusa­gen, die nicht eh schon geplant waren. Aber das Signal war den­noch wich­tig. 800 Mil­li­ar­den wol­len die Unter­neh­men der Initia­ti­ve 'Made in Ger­ma­ny' bis 2028 in Deutsch­land aus­ge­ben.

Beson­ders beein­dru­ckend ist das 16 Mil­li­ar­den-Invest von Ama­zon. 16 Mil­li­ar­den! Das ist mehr als der kom­plet­te deut­sche Schuh­ein­zel­han­del im Jahr umsetzt. Dage­gen muten die Sum­men, um die Gale­ria mit Gor­don Brot­hers kämp­fen muss­te, gera­de­zu lächer­lich an. Immer­hin konn­te der Insol­venz­ver­wal­ter den US-Inves­tor am Diens­tag dazu bewe­gen, das 160 Mil­lio­nen-Mas­se­dar­le­hen frei­zu­ge­ben, was Gale­ria im Weih­nachts­ge­schäft Luft ver­schafft.

Es gab in Frank­reich im Übri­gen in all dem Cha­os auch posi­ti­ve Sze­nen: Rüh­rend die Video­clips von Pari­ser Laden­be­trei­bern, denen ihre Kun­den am Tag danach beim Auf­räu­men hal­fen. Von wegen, es gibt kei­ne Kun­den­bin­dung mehr. Und in Köln ver­hüll­te Apro­pos sein Schau­fens­ter („Köln ist soviel bes­ser als das“) und zeig­te sich damit soli­da­risch mit den Kol­le­gen in Paris und Mai­land. Hof­fent­lich braucht es den Schutz nicht wirk­lich mal.