Virgil abloh

Mehr Produkt, weniger Storytelling

Carl Tillessen sieht eine radikale Verschiebung der Prioritäten im Modebusiness: Weg vom Marketing, hin zum Produkt.
Carltillessenbymartinmai
Carl Til­les­sen

Vor sechs Jah­ren hat­te der Guru der Street­wear, Vir­gil Abloh, unse­rer Bran­che sei­nen Trick ver­ra­ten: Er hielt eine in eine zer­beul­ten Blech­do­se ein­ge­gos­se­ne Ker­ze hoch und erklär­te: „Wenn ich die­se Ker­ze in einen kom­plett wei­ßen Gale­rie­raum stel­le, sieht sie wie ein Kunst­werk aus. Wenn ich die­se Ker­ze in eine Gara­ge stel­le, sieht sie wie Abfall aus. Ich kann mei­ne Zeit ent­we­der dar­auf ver­wen­den, die Ker­ze zu gestal­ten, oder ich kann mei­ne Zeit dar­auf ver­wen­den, den Raum zu gestal­ten, in dem sie sich befin­det.“

Wie viel Erfolg man damit haben kann, dass man statt des Pro­duk­tes den Raum gestal­tet, in dem es sich befin­det, hat Vir­gil Abloh immer wie­der ein­drück­lich bewie­sen. Wäh­rend sei­ner Zeit bei Lou­is Vuit­ton zum Bei­spiel ver­kauf­te er sei­nen Kund:innen einen Nike Air Force One Snea­k­er. Die­ser unter­schied sich von einem gewöhn­li­chen Nike Air Force Snea­k­er vor allem durch einen auf­wen­dig gestal­te­ten Lou­is-Vuit­ton-Schuh­kar­ton. Aber das genüg­te, um die Kund:innen dazu zu brin­gen, das Sieb­zehn­fa­che dafür zu bezah­len.

Ange­sichts sol­cher Coups haben vie­le Mode­mar­ken das Poten­zi­al die­ser Stra­te­gie für sich erkannt und sind eben­falls dazu über­ge­gan­gen, das Pro­dukt zu ver­nach­läs­si­gen und ihre Anstren­gun­gen ganz auf den Raum drum­her­um zu kon­zen­trie­ren, also nicht nur im wört­li­chen Sin­ne den phy­si­schen Raum, son­dern das gan­ze Drum­her­um: die Insze­nie­rung, das Mar­ke­ting, das Sto­rytel­ling…

Und es hat auch für sie funk­tio­niert: Nicht nur für ganz gewöhn­li­che Snea­k­er, son­dern auch für ganz gewöhn­li­che T‑Shirts, Jog­ging­ho­sen und Hoo­dies in ganz gewöhn­li­chen Schnit­ten und Mate­ria­li­en haben die Kund:innen in den zurück­lie­gen­den Jah­ren ganz unge­wöhn­li­che Prei­se bezahlt. Für vie­le in der Bran­che war das eine schö­ne Zeit. Denn wenn man die­ses Spiel beherrsch­te, konn­te man sol­che Pro­duk­te sehr bil­lig pro­du­zie­ren und mit sat­ter Mar­ge ver­kau­fen. Adi­das zum Bei­spiel hat sich in jener Zeit eine gol­de­ne Nase damit ver­dient, Yee­zy-Snea­k­er bil­lig in Mil­lio­nen­auf­la­gen her­zu­stel­len und als ver­meint­lich exklu­si­ve Limi­t­ed Edi­ti­ons hoch­prei­sig unters Volk zu brin­gen.

Wir sehen T‑Shirts und Hoodies wieder als nicht mehr und nicht weniger als sie sind. Die Aura, die man all diesen Produkten angedichtet hatte, ist verblasst.

Vir­gil Ablohs Trick hat also funk­tio­niert. Die Kund:innen haben – um bei sei­nem Bild zu blei­ben – sich von dem kom­plett wei­ßen Gale­rie­raum blen­den las­sen. Doch nun ver­blasst der Ein­druck, den der Raum gemacht hat, und sie sehen das ver­meint­li­che Kunst­werk, das sie gekauft haben, als das, was es ist: näm­lich eine Ker­ze.

Genau­so sehen die Kund:innen auch die T‑Shirts, Jog­ging­ho­sen und Hoo­dies, mit denen sie sich in den letz­ten Jah­ren ein­ge­deckt haben, wie­der als nicht mehr und nicht weni­ger als sie sind. Die Aura, die man all die­sen Din­gen ange­dich­tet hat­te, ist ver­blasst, und es kommt der Moment der Wahr­heit: der Moment, in dem einem bewusst wird, dass die meis­ten die­ser unter­kom­ple­xen Pro­duk­te auf den Ebe­nen des Designs und der Her­stel­lung tat­säch­lich so gut wie nichts zu bie­ten haben. Denn es lässt sich ja nun ein­mal nicht leug­nen, dass der Aus­flug der Mode in die Street­wear und Ath­lei­su­re zu einer Ver­fla­chung der Pro­duk­te selbst geführt hat. Eine Ent­wick­lung, die jetzt bereits wie­der zurück­zu­dre­hen beginnt.

Denn die Kund:innen haben aus die­ser Ent-Täu­schung gelernt. Wenn sie das nächs­te Mal Geld für etwas aus­ge­ben sol­len, dann soll es etwas beson­de­res haben – ein beson­de­res Design ein beson­de­res Mate­ri­al, einen beson­de­rer Schnitt. Und das sol­len sie bekom­men. Wenn man sich die Kol­lek­tio­nen der letz­ten Schau­en­run­de ansieht, stellt man fest, dass die Far­ben lan­ge nicht mehr so schön, die Schnit­te lan­ge nicht mehr so raf­fi­niert, die Pro­por­tio­nen lan­ge nicht mehr so vor­teil­haft waren wie jetzt. Man hat lan­ge nicht mehr so viel Lie­be zum Detail gese­hen. Es wur­den lan­ge nicht mehr so inter­es­san­te Mate­ria­li­en und so fan­ta­sie­vol­le Mus­ter gebo­ten.

Nur weil man jetzt zurückkehrt zu einer Mode, bei der Kunst wieder von Können kommt, heißt das nicht, dass das Ergebnis klassisch ist.

Über die Hin­ter­grün­de die­ser Rück­be­sin­nung auf ein tex­ti­les Know-How, das man über Street­wear und Ath­lei­su­re ver­nach­läs­sigt hat­te, wur­de in der Mode­pres­se wild spe­ku­liert: Sie sei ein Rück­schritt in der modi­schen Ent­wick­lung. Sie sei Aus­druck von feh­len­der Krea­ti­vi­tät oder man­geln­dem Mut. Sie sei ein Zuge­ständ­nis an eine zuneh­mend kon­ser­va­ti­ve poli­ti­sche Grund­stim­mung. Oder man wol­le sich ange­sichts einer dro­hen­den Rezes­si­on durch klas­si­sche­re Klei­dung für einen här­ter wer­den­den Arbeits­markt qua­li­fi­zie­ren.

All das geht kom­plett an der Sache vor­bei. Denn nur weil man jetzt zurück­kehrt zu einer Mode, bei der Kunst wie­der von Kön­nen kommt, heißt das ja nicht, dass das Ergeb­nis klas­sisch ist. Das Gegen­teil ist der Fall. Das Ergeb­nis ist durch­weg sehr beson­ders. Und genau dar­um geht es. Denn die Kund:innen las­sen sich, wie gesagt, von dem gan­zen Drum­her­um nicht mehr so leicht blen­den. Den Raum zu gestal­ten, in dem sich das Pro­dukt befin­det, zieht nicht mehr. Das Pro­dukt selbst muss Sub­stanz haben. Wer klug ist, kon­zen­triert sich des­halb jetzt wie­der dar­auf, das Pro­dukt selbst zu gestal­ten.

Das erfor­dert eine radi­ka­le Ver­schie­bung der Prio­ri­tä­ten auf allen Ebe­nen von Mode­un­ter­neh­men. Die Kapa­zi­tä­ten und Res­sour­cen, die man im Lau­fe der letz­ten Jah­re vom Pro­dukt abge­zo­gen und Rich­tung Mar­ke­ting ver­scho­ben hat­te, müs­sen jetzt wie­der für das Pro­dukt zur Ver­fü­gung gestellt wer­den. Wie das gelin­gen kann und wie das kon­kret aus­sieht, dar­um geht es unter ande­rem im neu­es­ten DMI Fashion Day Online.

Ct konsum
Carl Til­les­sens Buch "Kon­sum" hat es in die Spie­gel-Best­sel­ler-Lis­te gebracht

Carl Til­les­sen ist Geschäfts­füh­rer des Deut­schen Mode-Ins­­­­­­­ti­­­­­­­­tuts (DMI). Sein Buch “Kon­sum” geht der Fra­ge nach, wie, wo und vor allem war­um wir kau­fen. www.carltillessen.com

Bei­trä­ge von Carl Til­les­sen