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Zwölf gute Vorsätze für das Modejahr 2022

Damit niemand sagt, Siems Luckwaldt würde bloß meckern, aber selbst nichts Konstruktives zur Zukunft der Modebranche beisteuern: Diesmal hat er sich und den Markenlenkern einige Hausaufgaben und gute Vorsätze auf die Rückseite eines recht langen Tankbelegs gekritzelt. Na dann.
Siemsluckwaldt
Siems Luck­waldt

„Alles wird bes­ser, doch nie wie­der gut“

Rosen­stolz

Mir wur­de ja zuletzt in einem Kom­men­tar unter­stellt, ich wür­de wort­ge­wandt und genüss­lich in Wun­den boh­ren, statt ganz artig Pflas­ter mit Schlumpf-Moti­ven drauf­zu­kle­ben. Das möch­te ich natür­lich gera­de in die­ser akut besinn­li­chen Zeit nicht län­ger auf mir sit­zen las­sen. Jetzt, wo wir es uns mit in der Mikro­wel­le auf­ge­wärm­tem Glüh­wein, stein­har­ten selbst­ge­ba­cke­nen Leb­ku­chen und einer Mil­li­on Strea­ming-Diens­ten so rich­tig gemüt­lich machen kön­nen. Oder trau­en Sie sich etwa noch auf einen Weih­nachts­markt? Sor­ry, ich nicht. Das ist viel­leicht typ­be­dingt. Schon als Coro­na bloß mit­tel­mä­ßi­ges mexi­ka­ni­sches Bier war, habe ich sofort den Bahn­wa­gon gewech­selt, wenn jemand in sei­nen Schal geniest oder gerö­chelt hat. Dicht gedrängt für einen Crê­pe, Apfel­punsch oder eine Kra­kau­er anzu­ste­hen – da glit­zern sofort Schweiß­per­len auf mei­ner Oberlippe.

Wo war ich? Beim total ser­vice­ori­en­tier­ten Upgrade die­ser Kolum­ne, genau. Einer muss sich schließ­lich mal ganz hand­fest um kon­kre­te To-dos für die Mode- und Luxus­in­dus­trie küm­mern. Eben weil die viel beju­bel­ten Genies unse­rer Zeit den irdi­schen Klein­kram zuneh­mend hin­ter sich las­sen, um nach den Ster­nen zu stre­ben. Mit phal­li­schen Rake­ten auf dem Weg in den Orkus, par­don, Orbit.

Auch ein Kom­plett­aus­fall bei der Lösung ech­ter Pro­ble­me sind Tan­te Meta (geb. Face­book) und Vet­ter Elon, der schon als Kind in der Sand­kis­te nega­tiv auf­fiel. Kei­ner­lei Tuch­füh­lung mit der Wirk­lich­keit, scha­de drum. Es ist psy­cho­lo­gisch durch­aus ver­ständ­lich, dass sich super­rei­che Nerds, die in der Schu­le ver­mut­lich jede Pau­se kopf­über in irgend­ei­ner Müll­ton­ne ver­brin­gen muss­ten, den ver­letz­ten Stolz von einst nun mit spät­pu­ber­tä­rem Grö­ßen­wahn trös­ten. Nur halt eher was für die The­ra­peu­ten­couch als den Vor­stands­ses­sel. Egal. Die Super­hir­nis fal­len aus, dann über­neh­me ich das kurz. Habe vor dem nächs­ten Teams-Video­mee­ting eh noch fünf Minu­ten, kein Ding.

Hier also mal ein paar gute Vor­sät­ze und Remin­der für 2022:

1.Jeder Fashion-Grün­der muss vor einem Gre­mi­um schlüs­sig erklä­ren, war­um um Him­mels wil­len es noch ein neu­es Label geben soll­te oder gar muss. Wer das nicht zufrie­den­stel­lend zu beant­wor­ten ver­mag, wird für eine Umschu­lung in Sozi­al­ar­beit oder als Pfle­ge­fach­kraft angemeldet.

2.Mar­ken soll­ten damit auf­hö­ren, wich­ti­ge gesell­schaft­li­che Kämp­fe um mehr Teil­ha­be und gegen Dis­kri­mi­nie­rung für pla­ka­ti­ve Absatz­för­de­rung zu kapern. Akti­vis­mus ist kein T‑Shirt, er ver­dient Respekt und Unter­stüt­zung, kein bil­li­ges ‚vir­tue signa­ling‘ auf Insta­gram und Bla-Bla-Wortblasen.

3.Life­style-Maga­zi­ne könn­ten doch mal wie­der Kol­lek­tio­nen und Lauf­steg­shows rezen­sie­ren. Ja, das wür­de auch bedeu­ten, sub­jek­tiv und begrün­det auf­zu­schrei­ben, war­um ein Defi­lee ganz schlim­mer Quatsch war. Ver­rück­te Idee, ich weiß. Aber wenn Mode Kunst ist, wie es für (man­che) Fil­me pro­kla­miert wird, dann darf es auch eine Art Rot­ten Tomatoes für Mode geben.

4.Bit­te kei­ne Wer­be­ge­schen­ke wie Blei­stif­te oder Notiz­blö­cke mehr für uns Medi­en­ar­bei­ter. Bin ich Kar­la Kolum­na oder was? Und war­um put­zi­ge memo­ry sticks aus­ge­ben, wenn Tage spä­ter der Down­load-Link kommt… Nach­hal­tig­keit, schon mal gehört?

5.Und bit­te, lie­be Mar­ken, hört auf, euch bei Assouli­ne oder Gestal­ten oder anders­wo so wuch­ti­ge Vani­ty-Bücher klöp­peln zu las­sen. Das ist ja so, als wür­de ich Geburts­tag fei­ern und jedem Gast mei­ne Memoi­ren schen­ken. So vie­le wackeln­de Ess­ti­sche hat keiner.

6.Der deut­sche Mode­stand­ort braucht nicht noch mehr Ver­eins­meie­rei, er braucht Krea­ti­vi­tät mit glo­ba­lem Appeal. Oder soll nach Hau­se gehen. Also qua­si hier blei­ben. Schluss mit dem Irr­glau­ben, man kön­ne sich über Komi­tees und put­zi­ge Panels irgend­wie Style-Rele­vanz erplau­dern, das treibt mir den Blut­druck hoch. Kein Label von Welt­rang ist durch Sub­ven­tio­nen und Dis­ku­tier­krei­se zum ‚hot shit‘ gewor­den. Mode ist weder Pho­to­vol­ta­ik noch eine Olym­pia­be­wer­bung. Wer gern beim Pro­sec­co gepflegt zusam­men­hockt, soll einen Buch­club grün­den und den neu­en „Thril­ler“ von Dirk Ross­mann besprechen.

Obacht, denn das Thema Nachhaltigkeit in der Mode ist auf dem Weg nach Absurdistan. Zumindest sehe ich im neuen „Altkleider gegen Gutschein“-Push der E‑Commerce-Riesen weniger Umweltschutz als ein recht fadenscheiniges Bemühen, mehr Dynamik in volle Kleiderschränke zu bringen.

7.Wenn dann irgend­wann alle Influ­en­cer wie­der aus Dubai zurück sind, brau­chen wir drin­gend ein Influ­en­cer-Gesetz oder eine Ergän­zung des Pres­se­ko­dex um die­se Mul­ti­pli­ka­to­ren. Mit Rech­ten, mit Pflich­ten, mit steu­er­li­chen Grund­sät­zen, das gan­ze Gedeck. Juris­ti­sche Grau­zo­nen sind wie Lock­down-Speck­röll­chen: Man müss­te mal was dage­gen tun.

8.Was ist eigent­lich aus dem Gere­de von der Abschaf­fung der Sai­sons gewor­den? Die neue, kli­ma­ka­ta­stro­phal-kon­for­me Ganz­jah­res­mo­de? Nix, oder? Macht euch da flugs ran, lie­be Labels, sonst bestraft euch der Wet­ter­frosch wei­ter mit zu war­men Win­tern und zu kal­ten oder nas­sen Som­mern. Das Geh­eu­le dar­über kann ich mir näm­lich ein­fach nicht mehr anhö­ren. Chan­ge or shut up. Dankeschön.

9.Schluss mit den line exten­si­ons! Nein, nicht jede Mode­mar­ke braucht ein Par­füm, eine Home Collec­tion, eine eige­ne Bio-Brau­se oder ein Sti­ckeral­bum. Merkt ihr eigent­lich noch was? Eure Kol­lek­ti­on hat weder prä­gnan­te Design­spra­che noch greif­ba­re Ziel­grup­pe und die Strahl­kraft eurer Brand liegt im Bereich einer Stum­mel­ker­ze bei Orkan. Das sol­len jetzt Logo-Was­ser­fla­schen und Socken ret­ten? Macht doch lie­ber mal eine Sache richtig.

10.Don’t belie­ve your own bull­shit. Und das gilt aus­drück­lich für alle Macher, alle Bran­chen, alle Märk­te, Medi­en und mich ein­ge­schlos­sen. Natür­lich darf, nein, soll­te man über­zeugt sein von der eige­nen Arbeit, der man mit Lei­den­schaft und hof­fent­lich aus­rei­chend Fach­kennt­nis nach­geht. Nur die kri­ti­sche Distanz dazu, die darf nicht auf der Stre­cke blei­ben. Was wür­de ein Out­si­der über das eige­ne Unter­neh­men den­ken? Wo run­zelt er oder sie ver­mut­lich die Stirn? Was kann man schon dem eige­nen pri­va­ten Umfeld eigent­lich nicht mehr als logisch und sinn­voll ver­kau­fen, ohne dass ein „WTF?“ als Ant­wort droht? Wagen wir in regel­mä­ßi­gen Abstän­den mal einen scho­nungs­lo­sen Rund­um­blick, als men­ta­len ‚pala­te clean­ser‘, als Fri­sche­kick fürs Hirn.

11.Obacht, denn das The­ma Nach­hal­tig­keit in der Mode ist auf dem Weg nach Absur­di­stan. Jeden­falls zum Teil. Zumin­dest sehe ich im neu­en „Alt­klei­der gegen Gutschein“-Push der E‑Com­mer­ce-Rie­sen weni­ger Umwelt­schutz als ein recht faden­schei­ni­ges Bemü­hen, mehr Dyna­mik in vol­le Klei­der­schrän­ke zu brin­gen. Für mehr Umsatz. Wäh­rend­des­sen kla­gen die tra­di­tio­nel­len Con­tai­ner-Auf­stel­ler, dass dort bloß noch unbrauch­ba­re Fet­zen ver­klappt wer­den. Das ist kein Kreis­lauf, das ist eine Sack­gas­se für die wirk­lich Bedürf­ti­gen ohne Zalando-Account.

12.Mehr Mut zur Leich­tig­keit. Das habe ich mir als Leit­mot­to für 2022 auf eine Ser­vi­et­te gekleckst. Dabei könn­te hel­fen, zu wis­sen, dass wir uns zwar alle nach Her­zens­lust tag­täg­lich abra­ckern, die Köp­fe heiß den­ken, den Mund fus­se­lig reden und Kolum­nen voll­tex­ten. Doch, das mag jetzt man­che erstau­nen, so wirk­lich haben wir eigent­lich nur einen win­zi­gen Teil unse­res (Arbeits-)Lebens in der Hand. Das ist frus­trie­rend und befrie­di­gend glei­cher­ma­ßen, fin­de ich. Denn umso mehr Ein­fluss haben wir auf unser ech­tes, das pri­va­te (Er-)Leben. Und da soll­te es eigent­lich viel wich­ti­ger sein, einen guten Job zu machen, als an der Arbeitsfront.

In die­sem Sin­ne: Blei­ben Sie gesund, glück­lich und gern ein klein wenig ver­rückt. Wir lesen uns in 2022 wieder.