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Die Show neben der Show

Auf der Pariser Männerwoche erlebt der Streetstyle ein Revival, hat Barbara Markert beobachtet. Nur anders als früher.
Barbara markert
Bar­ba­ra Mar­kert

„Du schaust super aus!“, tönt es aus der Men­ge. Lena Mah­fouf, einst Lena Situa­tions, 24 Jah­re, 3,5 Mil­lio­nen Fol­lower auf Insta­gram, schenkt den Fans vom Tritt­brett ihrer Limou­si­ne, die gera­de die gan­ze Stra­ße blo­ckiert, ihr schöns­tes Lächeln. Sie trägt ein Hauch von Nichts, eine Mini­kleid aus Metall­ster­nen und ist auf dem Weg zur Paco Raban­ne-Show. Es ist der letz­te Tag der Män­ner­mo­de­wo­che in Paris. Weder ist die Show von Raban­ne ein High­light des Kalen­ders, noch ist das Wet­ter mit feuch­ten vier Grad Cel­si­us so, dass man ger­ne sich drau­ßen auf­hält. Aber vor dem Palais de Tokyo ist die Höl­le los. Seit rund einer Stun­de tum­meln sich hier jun­ge Leu­te, die meis­ten geklei­det in auf­fäl­lig bun­ten Out­fits oder in Loo­ks aus dem Klei­der­schrank von Opa und Oma. Ales­san­dro Miche­le von Guc­ci hät­te sei­ne Freu­de. Die meis­ten hier sehen so aus, als kämen sie direkt von sei­nen Lauf­steg oder als hät­ten sie eine Zeit­rei­se aus den 70er- und 80er-Jah­ren hin­ter sich (Fotos: BM).

Was die gan­zen Men­schen hier wol­len, fra­ge ich ein jun­ges Mäd­chen, geschätz­te 16 Jah­re alt. Sie ant­wor­tet: „Ich bin hier, um Leu­te und ihre Loo­ks anzu­schau­en.“ Noch vor ein paar Jah­ren war die Moti­va­ti­on, sich ohne Ein­la­dungs­kar­te zu einer Moden­schau zu bewe­gen, eine ganz ande­re. Damals ant­wor­te­ten die meis­ten, dass sie ver­su­chen, irgend­wie in die Show rein­zu­kom­men – heim­lich über Hin­ter­ein­gän­ge oder als Stan­ding. Das jedoch scheint hier am Platz nie­man­den mehr zu inter­es­sie­ren. Die Leu­te sind gekom­men, um sich zu tref­fen und ihre Out­fits zu zei­gen. Das Defi­lee bie­tet nur Anlass und Ort des Treff­punkts. Auch die Stars, die ab und an die Men­ge durch­que­ren, sind nicht bekannt aus Film, Fern­se­hen oder aus der Musik­sze­ne, son­dern aus Insta­gram. Der so oft tot­ge­sag­te Streetstyle ist kei­nes­wegs tot, son­dern quick­le­ben­dig – aber hat nur noch wenig mit der eigent­li­chen Mode­wo­che zu tun.

Es lohnt ein Blick zurück: Die Influ­en­cer-Sze­ne hat­te bereits vor Beginn der Pan­de­mie in 2020 ein Höhe­punkt erreicht. Die Insta­gram-Stars saßen Front-row, wur­den hofiert und mit Klei­dern, Schu­hen und Acces­soires aus­ge­stat­tet. Dann kam COVID, die Mode­schau­en fan­den digi­tal statt und das gan­ze Thea­ter rund um die Schau­en bekam einen faden Bei­geschmack. Vie­le glaub­ten und die klas­si­schen Medi­en hoff­ten, dass man zu tra­di­tio­nel­len Wer­ten und damit auch zu den Prin­t­an­zei­gen zurück­keh­ren wür­de. Doch das Gegen­teil traf ein. Die Social-Media-Kanä­le explo­dier­ten, neue Akteu­re rück­ten ins Blick­feld, meis­tens Mäd­chen und Jungs von neben­an. So wie Lena Mah­fouf. Sie ist klein, hat kei­ne Model­fi­gur, aber vor allem ist sie „umwer­fend nor­mal“.

Ein Catwalk der Individualität, der Innovation und der Interpretation. Ein Defilee der neuen Ideen mit alten Sachen.

Statt wie von so eini­gen alt­ge­dien­ten Mode­schau­en-Besu­chern erhofft, kamen also nicht die Influ­en­cer, son­dern die Mode selbst in der Pan­de­mie auf den Prüf­stand: Sie war plötz­lich ver­schrien als zweit­größ­ter Umwelt-Ver­schmut­zer und Men­schen-Aus­beu­ter. Die Genera­ti­on Z such­te nach Lösun­gen und fand die­se vor allem im Gebraucht­mo­de-Markt: Recy­cling, Upcy­cling, Vin­ta­ge und Second­hand lie­gen nun im Trend wie nie zuvor. Genau die­se neue Hal­tung zum Mode­kon­sum spie­gelt sich nun auch in der Men­ge vor der Schau wie­der. Man zeigt, wel­che Loo­ks man aus alten Sachen machen kann und wel­che tol­len Out­fit-Ideen die Res­te aus dem Klei­der­schrank her­ge­ben. Dass drin­nen in der Show „neue (meis­tens unre­cy­cel­te) Mode“ prä­sen­tiert wird, ist des­halb gar nicht mehr so wich­tig. Ins­be­son­de­re weil die Desi­gner eh stän­dig Remi­nis­zen­zen alter Archiv­mo­del­le auf­le­gen.

Drau­ßen vor der Fashion­show fin­det heu­te par­allel eine ganz ande­re Show statt: eine Art Cat­walk der Indi­vi­dua­li­tät, der Inno­va­ti­on und der Inter­pre­ta­ti­on. Es ist das Defi­lee der neu­en Ideen mit alten Sachen. Der Streetstyle lebt – nur anders und pas­send zum Kon­sum­den­ken der Post-COVID-Zeit.