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Hey Siems… Warum ist Second Hand neuerdings First Choice?

Ich muss etwas geste­hen, das mich in gewis­sen Krei­sen ver­mut­lich zur Per­so­na non gra­ta macht: Ich kau­fe so gut wie nie Mode aus zwei­ter Hand. Nicht aus Igno­ranz gegen­über der Pein unse­res Pla­ne­ten, son­dern weil mir frem­de Tex­til-Bio­gra­fien am Kör­per schlicht nicht beha­gen. Die Vor­stel­lung, den Ach­sel- oder Angst­schweiß eines Unbe­kann­ten am Leib zu tra­gen, wäh­rend mir jemand erklärt, das sei bloß Pati­na, löst bei mir eher Flucht­re­fle­xe denn Kauf­im­pul­se aus.

Damit ste­he ich 2026 zwei­fel­los auf der fal­schen Sei­te der Kla­mot­ten­kis­te – und des Mar­ke­tings der Pre-loved-Platt­for­men. Schließ­lich ist Second­hand längst kei­ne Not­lö­sung für Men­schen mit schma­lem Bud­get oder eine Chall­enge für Fashio­nis­tas mit aus­ge­präg­tem Jagd­in­stinkt mehr. Alt­klei­der sind ein mora­lisch inte­gres Moral-Nar­ra­tiv und eine unge­mein star­ke sozia­le Wäh­rung.

Ach ja, wo wir schon bei Zah­len und der Umwelt sind: Unter einem Pro­zent aller Tex­til­gar­ne welt­weit stam­men aus ech­tem Faser-zu-Faser-Recy­cling. Nicht 15, nicht fünf – unter eins. Die EU hat kürz­lich vor­ge­rech­net, was pas­sie­ren wür­de, wenn wir zehn Pro­zent erreich­ten: 0,5 Pro­zent weni­ger CO₂-Emis­sio­nen. Das ist unge­fähr so, als wür­de man einem Wald­brand mit der Sprüh­fla­sche für Zim­mer­pflan­zen begeg­nen und sich dabei für sei­nen hel­den­haf­ten Ein­satz loben.

Wäh­rend­des­sen pro­du­ziert die Bran­che mun­ter wei­ter: 120 Mil­lio­nen Ton­nen an Tex­til­müll im Jahr 2024, wovon 80 Pro­zent auf Depo­nien ver­rot­ten oder in Ver­bren­nungs­an­la­gen wan­dern. Wer hier von Kreis­lauf­wirt­schaft spricht, meint ver­mut­lich das Karus­sell auf dem Rum­mel oder lei­det unter Dreh­schwin­del nach zig Espres­so-Mar­ti­nis.

Nur 60 bis 65 Prozent der Resale-Käufe ersetzen einen Neukauf. Der Rest ist zusätzlicher Konsum.

Beson­ders dünn wer­den des Kai­sers grü­ne Klei­der im obe­ren Preis­seg­ment. Der glo­ba­le Second­hand-Markt für Mode und Luxus­gü­ter wird 2025 auf zwi­schen 210 und 220 Mil­li­ar­den Dol­lar geschätzt und soll bis 2030 auf bis zu 360 Mil­li­ar­den Dol­lar wach­sen. Ware mit Vor­be­sit­zern macht inzwi­schen etwa acht Pro­zent des gesam­ten Mode- und Luxus­um­sat­zes aus und wächst dabei drei­mal so schnell wie der tra­di­tio­nel­le Mode­markt mit Neu­wa­re. Bei The Real­Re­al liegt der durch­schnitt­li­che Bestell­wert 2025 bei etwa 564 Dol­lar, ein leich­ter Anstieg gegen­über dem Vor­jahr. Ves­ti­ai­re Coll­ec­ti­ve ver­zeich­net täg­lich etwa 30.000 neue Lis­tings, der geschätz­te Durch­schnitts­wert liegt bei meh­re­ren hun­dert Euro pro Bestel­lung.

Nicht gera­de der Preis­punkt, an dem Pri­mark-Kun­din­nen rei­hen­wei­se zur Nach­hal­tig­keit kon­ver­tie­ren. Kön­nen. Das ist wohl eher geho­be­ne Selbst­ver­ge­wis­se­rung mit Echt­heits­zer­ti­fi­kat. Die „Bir­kin“ als Invest­ment, die „2.55“ als Wert­an­la­ge – ja, das funk­tio­niert. Her­mès- und Cha­nel-Taschen hal­ten ihren Wert bes­ser als man­che Immo­bi­lie, bei Goyard liegt die Wertre­ten­ti­on trotz aller „dupes“ bei über 100 Pro­zent. Bloß hat die­ses Spiel mit den Pro­ble­men der glo­ba­len Tex­til­in­dus­trie unge­fähr so viel zu tun wie ein For­mel-1-Ren­nen mit dem Pend­ler­ver­kehr auf der A7. Oder Mario Barth mit Humor.

Und hier wird es dann wirk­lich inter­es­sant, denn Second­hand-Mode ersetzt in den meis­ten Fäl­len gar nichts. Die bri­ti­sche NGO namens WRAP hat das ein­mal durch­ge­rech­net und kommt zu dem Schluss, dass nur 60 bis 65 Pro­zent der Resa­le-Käu­fe tat­säch­lich einen Neu­kauf erset­zen. Der Rest ist zusätz­li­cher Kon­sum. Man kauft die Vin­ta­ge-Tasche und das gei­le neue Teil, als Add-on und nicht Ver­zicht.

Der Kapitalismus hat gelernt, auch unser schlechtes Gewissen zu Geld zu machen.

Die Mar­ken haben das längst ver­stan­den. Trade-in-Pro­gram­me mit Shop­ping-Gut­schein machen laut Thre­dUp 47 Pro­zent der Kun­din­nen „kauf­be­reit“ für die neue Pro­duk­te der glei­chen Mar­ke. Resa­le ist also kei­nes­wegs der Aus­stieg aus irgend­ei­nem heiß gelau­fe­nen, die Umwelt belas­ten­den Sys­tem, son­dern des­sen cle­vers­ter Zubrin­ger. Der Kapi­ta­lis­mus hat gelernt, auch unser schlech­tes Gewis­sen zu Geld zu machen.

Was mich aber wirk­lich amü­siert ist die begehr­te Ästhe­tik des Gebrauch­ten. Plötz­lich ist „gut erhal­ten“ nicht mehr Makel, son­dern Distink­ti­ons­merk­mal. The Real­Re­al mel­det stei­gen­de Ver­käu­fe bei Stü­cken mit sicht­ba­ren Gebrauchs­spu­ren, die „Sadd­le Bags“ und „Pad­ding­tons“ der frü­hen 2000er Jah­re erle­ben ein Come­back. Das ist weni­ger Nach­hal­tig­keit als Nost­al­gie – die Sehn­sucht nach einer Zeit, als Out­fits noch kei­nen Insta­gram-Post brauch­ten. Wer heu­te Vin­ta­ge trägt, signa­li­siert nicht nur Öko-Bewusst­sein, son­dern Archiv­wis­sen. Man kauft nicht ein­fach, man kura­tiert. Glei­cher Kon­sum, bes­se­re Sto­ry.

Ich blei­be dabei: Getra­ge­ne Klei­dung und ich, wir frem­deln irgend­wie. Nicht ideo­lo­gisch, eher aus dem Bauch her­aus. Soll jeder tra­gen, was er mag. Ich erlau­be mir sogar den einen oder ande­ren Direkt­im­port aus Shen­zhen. Jetzt, wo Made in Ita­ly offen­bar auch üble Sweat­shops in Pra­to bedeu­ten kann. Ja, manch­mal muss man beim Chi­na-Design eine Naht nach­nä­hen, die dem Zeit­druck nicht Stand hielt. Was laut inves­ti­ga­ti­ven You­Tube-Clips jedoch mitt­ler­wei­le in der High Fashion manch­mal eben­so nötig ist. Viel­leicht ist das die Demo­kra­ti­sie­rung der Mode: die Qua­li­tät geht quer durch die Preis­la­gen die Sei­ne run­ter.

Neu­lich bin ich dann doch dem Charme des Alten ver­fal­len. In Tokio stand ich in einem die­ser Thrift Stores, die das Vier­tel Hara­juku prä­gen. Dort, zwi­schen Vin­ta­ge-Bom­ber­ja­cken und Nine­ties-Den­im, hing er: ein schwar­zer Trench­coat mit her­aus­nehm­ba­rem Fut­ter, tadel­los in Schuss, cle­ver geschnit­ten. Von Ame­ri­can Appa­rel und aus einer Zeit, als der Label­grün­der noch nicht über zig Skan­da­le zum Exit gestol­pert war. Für umge­rech­net 15 Euro. Ich griff zu und brach­te mei­ne Beu­te daheim direkt zur Rei­ni­gung. Nicht wegen etwa­iger Fle­cken, son­dern um die Geis­ter zu ver­trie­ben, die viel­leicht noch dar­in haus­ten.

Siems luckwaldtSiems Luck­waldt berich­tet seit 25 Jah­ren über die Luxus- und Life­sty­le­bran­che und inter­viewt deren prä­gen­de Köp­fe. Bei Capi­tal ver­ant­wor­tet er das Res­sort Leben mit den The­men Mode, Uhren, Beau­ty, Design, Rei­se und Genuss. Zudem orga­ni­siert er seit 2018 den von ihm initi­ier­ten Capi­tal Watch Award für die bes­ten Uhren des Jah­res.

Alle Bei­trä­ge von Siems Luck­waldt in pro­fa­shio­nals