Der Papst in Prato

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Da muss­te erst der Papst zu Besuch kom­men, um den Blick der Öffent­lich­keit auf Pra­to zu len­ken. Die­ses Zen­trum der chi­ne­si­schen Beklei­dungs­in­dus­trie liegt mit­ten in Ita­li­en. In der 190.000-Einwohner-Stadt nahe Flo­renz leben offi­zi­ell gemel­det 19.000 Chi­ne­sen; tat­säch­lich sol­len es zwi­schen 30.000 und 50.000 sein, die euro­päi­schen Mar­ken (dar­un­ter auch ita­lie­ni­sche Luxus­la­bels) das begehr­te “Made in Italy”-Siegel ver­schaf­fen. Selbst­ver­ständ­lich ohne die ent­spre­chen­den Kos­ten zu ver­ur­sa­chen. Etli­che der schät­zungs­wei­se 3700 chi­ne­si­schen Fir­men in der Regi­on arbei­ten ille­gal, 16- bis 18-Stun­den-Schich­ten sind kei­ne Sel­ten­heit, ein Gut­teil der Ein­künf­te wird nicht versteuert.

Fran­zis­kus’ Besuch an die­sem Diens­tag erin­ner­te an das Unglück vor zwei Jah­ren: Beim Brand in einer Tex­til­fa­brik waren sie­ben Arbei­ter ums Leben gekom­men, die – wie in Pra­to durch­aus nicht unüb­lich – an ihrem Arbeits­platz über­nach­te­ten. Der Tod von Arbei­tern sei eine “Tra­gö­die, ent­stan­den aus Aus­beu­tung und men­schen­un­wür­di­gen Arbeits­be­din­gun­gen”, so der Papst. Fran­zis­kus rief dazu auf, das “Krebs­ge­schwür der mensch­li­chen Aus­beu­tung” und das “Gift der Ille­ga­li­tät” zu bekämpfen.

Man fragt sich ja schon, wie so etwas mit­ten in Euro­pa seit Jah­ren mög­lich ist. Offen­bar haben in Ita­li­en zu weni­ge ein Inter­es­se dar­an, etwas an den Zustän­den zu ändern, und die NGOs zei­gen lie­ber mit dem Fin­ger auf Ban­gla­desch, statt sich mit der Mafia anzu­le­gen. Pra­to erin­nert nicht zuletzt dar­an, dass Ver­stö­ße gegen Sozi­al­stan­dards bei­lei­be nicht nur die Bil­lig­hei­mer, son­dern auch Qua­li­täts­mar­ken betref­fen. Und ein höhe­rer Preis allen­falls ein Indiz, aber kei­nes­wegs eine Garan­tie dafür ist, dass alles mit rech­ten Din­gen zugeht.

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Und sonst?

… gab es in Sachen Kar­stadt in den ver­gan­ge­nen Jah­ren nicht viel zu lachen. Umso net­ter ist die aktu­el­le Akti­on anläss­lich der Vor­stel­lung des neu­en DFB-Tri­kots die­se Woche. “Mit uns fährt Hol­land zur EM”, so der Slo­gan der Anzei­ge: Die ers­ten 74 Nie­der­län­der bekom­men das DFB-Tri­kot für nur 20,16 Euro, statt regu­lär 84,95 Euro. Der Preis spielt auf die EURO 2016 an, die bekannt­lich ohne das Oran­je-Team statt­fin­det. Und die 74 an die Nie­der­la­ge gegen Deutsch­land im WM-Fina­le 1974. Pfif­fi­ge Preis­wer­bung, die nicht viel kos­tet, aber Sym­pa­thien brin­gen wird. Zumin­dest bei den deut­schen Fußballfans.

…ist kein Witz, dass die Kar­stadt-Zen­tra­le jetzt unter Denk­mal­schutz gestellt wer­den soll. Wohl­ge­merkt: die Zen­tra­le, nicht das Unter­neh­men. Das sucht nach den diver­sen Schrumpf­ku­ren der letz­ten Jah­re zur­zeit neue Büros. Die Dis­kus­si­on um die Erhal­tungs­wür­dig­keit des rie­si­gen Kom­ple­xes in Essen-Bre­de­ney tobt lokal schon eine gan­ze Wei­le. Jetzt hat sich die Denk­mal­schutz­be­hör­de posi­tio­niert: Das 1969 von Wal­ter Bru­ne gebau­te Ensem­ble sei ein wich­ti­ges Zeug­nis der west­deut­schen Nach­kriegs­zeit, heißt es in einem 30seitigen Gut­ach­ten. Und ein Monu­ment des wirt­schaft­li­chen Niedergangs.

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