Chaos statt Catwalk: Alfons Kaiser hat 9/11 hautnah miterlebt

Eigent­lich war er der Mode wegen hin­ge­flo­gen. Damals wie heu­te lief in die­sen Sep­tem­ber-Tagen die New York Fashion Week. Doch der Ter­ror mach­te Alfons Kai­ser zum Front­be­richt­erstat­ter. Der FAZ-Redak­teur war dabei, als heu­te vor zehn Jah­ren die Twin Towers fie­len und New York im Cha­os ver­sank. Statt Häpp­chen und Cham­pa­gner hat­te Kai­ser den Staub in der Keh­le, der sich tage­lang über die Stadt leg­te. Es ging nicht mehr um Trends und Gos­sip, son­dern um Leben und Tod. Kai­ser lie­fer­te täg­lich Repor­ta­gen. Über den Mut der Feu­er­wehr­leu­te. Über das Cha­os in den Kran­ken­häu­sern. Über das Leid der Ange­hö­ri­gen. Statt wie sonst auf den hin­te­ren Sei­ten von “Deutsch­land und die Welt” lan­de­ten sei­ne Sto­ries auf Sei­te 1. Ein Glücks­fall für einen Jour­na­lis­ten, auch wenn Kai­ser die­sen Gedan­ken ange­sichts der schreck­li­chen Umstän­de nicht zuge­las­sen haben wird.

Die Vor­gän­ge um die Fashion Week sind nur eine Fuß­no­te ange­sichts des Schre­ckens, den die Ter­ro­ris­ten über die Stadt gebracht haben. Den­noch war auch das Busi­ness unmit­tel­bar betrof­fen. Am Vor­abend von 9/11 hat­te Marc Jacobs noch eine gigan­ti­sche Out­door-Par­ty zum Launch sei­nes neu­es­ten Par­fums gefei­ert. Diens­tag­früh dann war die Fashion Week vor­bei, die Ver­an­stal­ter eva­ku­ier­ten die Zel­te und sag­ten die 73 noch geplan­ten Events ab. Wolf­gang Ley, damals noch Esca­da-Chef, war vor Ort. Auch Wolf­gang Joop hielt sich in sei­nem Appart­ment in Man­hat­tan auf. Hugo Boss-Vor­stand Wer­ner Bald­essa­ri­ni ver­brach­te fünf Näch­te in einem Prit­schen­la­ger in dem Dorf Gan­der in Neu­fund­land, nach­dem der inter­na­tio­na­le Flug­ver­kehr zum Erlie­gen gekom­men war. Auch die Schau­en in Lon­don und Mai­land ver­zeich­ne­ten nach 9/11 etli­che Absa­gen, weil Ein­käu­fer, Models und Jour­na­lis­ten nicht anrei­sen konn­ten. Vie­le Desi­gner sag­ten ihre Shows auch aus Respekt vor den Opfern ab.

Wäh­rend die Mode­meu­te das Wei­te such­te, schrieb Alfons Kai­ser sei­ne Repor­ta­gen und Berich­te aus New York. Das jour­na­lis­ti­sche Hand­werk hat der heu­te 46jährige bei der FAZ gelernt, wo er 1995 als Volon­tär begann. Kurz zuvor hat­te er sei­ne Pro­mo­ti­on über das Werk Uwe John­sons abge­schlos­sen. Als Redak­teur ent­deck­te Kai­ser sein Inter­es­se an Mode. Statt sich platt mit Trends aus­ein­an­der­zu­set­zen, beschäf­ti­gen ihn die wirt­schaft­li­chen, sozia­len und kul­tu­rel­len Zusam­men­hän­ge der Ent­ste­hung von Mode. Für die­se The­men gibt es in der deut­schen Publi­kums­pres­se Raum, denn die Beschäf­ti­gung mit Mode gilt hier­zu­lan­de – und wahr­schein­lich erst recht inner­halb einer hyper­se­riö­sen Insti­tu­ti­on wie der FAZ – als ober­fläch­lich, kapri­zi­ös, wenn nicht unnütz. Kai­ser lässt sich von sol­chen Vor­be­hal­ten nicht beir­ren und schlägt auf sei­nen “Deutsch­land und die Welt”-Seiten, die er seit 2000 als Res­sort­lei­ter betreut, immer wie­der Platz für die Mode frei. Er hat sich in den ver­gan­ge­nen zehn, 15 Jah­ren einen her­vor­ra­gen­den Ruf und die Aner­ken­nung der Bran­che erschrie­ben. Zum deut­schen Suzy Men­kes fehlt ihm nur der Haarschopf.

Wenn er auch über Mode schreibt, so gibt er sich ihr den­noch nicht hin. Mit sei­nen unauf­fäl­li­gen Anzü­gen und Sak­kos könn­te er auch als Bank­an­ge­stell­ter durch­ge­hen. “Ich habe kaum teu­re Sachen im Schrank”, hat er in einem Inter­view mit AMD-Stu­den­ten mal ver­ra­ten. “Es ist Teil mei­ner Unab­hän­gig­keits­stra­te­gie. Ich ken­ne vie­le Frau­en, die über Mode schrei­ben, gera­de­zu abhän­gig von bestimm­ten Mar­ken sind und des­we­gen auch in einer bestimm­ten Wei­se schrei­ben. Das kann mir nicht passieren.”

Sie haben ihn auch so emp­fan­gen, die deut­schen Desi­gner von Wolf­gang Joop bis Micha­el Mich­alsky, aber auch inter­na­tio­na­le Grö­ßen wie Marc Jacobs, Paul Smith oder Karl Lager­feld. Das Foto zeigt ihn in jun­gen Jah­ren mit Top­mo­del Gise­le Bünd­chen. Lei­der war sie damals noch mit Leo­nar­do di Caprio zusam­men. Kai­ser hat sich mit Medi­en­leu­ten wie Suzy Men­kes, Anna Win­tour und natür­lich dem Phä­no­men der Blog­ger aus­ein­an­der­ge­setzt. Am 6. Okto­ber ist er übri­gens Gast in einer Podi­ums­dis­kus­si­on zum The­ma Mode­b­logs bei dem von TW und Hori­zont ver­an­stal­te­ten Mode­mar­ke­ting­kon­gress. Kai­ser hat über die H&M‑Designerkooperationen geläs­tert, den Stil von Kate Midd­le­ton aus­ein­an­der­ge­nom­men und die Mode von James Bond ana­ly­siert. Im ver­gan­ge­nen Jahr hat er in Ber­lin eine Aus­stel­lung für sei­nen Foto­gra­fen Hel­mut Fri­cke orga­ni­siert, mit dem er seit Jah­ren die inter­na­tio­na­len Desi­gner­schau­en bereist. Mit Susan­ne Kusi­cke hat er das Glos­sar “Pon­cho, Par­ka, Pra­da-Täsch­chen” her­aus­ge­ge­ben. Kai­ser ist ein glän­zen­der Schrei­ber mit Tief­gang und hohem Unter­hal­tungs­wert. Wo man unter der Über­schrift “Germany’s Next Top­mo­del” einen Bei­trag über Hei­di Klums Pup­pen­thea­ter erwar­tet, geht es bei ihm um die Wahl von Kris­ta zur schöns­ten deut­schen Holstein-Kuh.

Zur­zeit ist Alfons Kai­ser wie­der in New York. Zehn Jah­re danach. Er schrieb am Don­ners­tag über Leo­ka­dia Glo­gow­ski, eine Über­le­ben­de des Anschlags. Und am Frei­tag über Gum­mi­stie­fel. Die schei­nen dort jetzt alle zu tragen.

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