Kaufhof in der Mieten-, der Handel in der Multichannel-Falle

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Irgendwie war klar, dass Hudson’s Bay nicht unbedingt der weiße Ritter ist, als den sich das Unternehmen vor der Kaufhof-Übernahme geriert hat. Nun zeigen die Kanadier klare Kante. So will das ManagerMagazin wissen, dass der neue Eigentümer den langjährigen Mister Kaufhof abräumt. Mit Lovro Mandac müsse auch Finanzchef Thomas Fett seinen Hut nehmen.

Entscheidender als diese Personalien dürfte sich der Umstand auswirken, dass ab dem 1. Oktober die Mieten für die Kaufhäuser drastisch erhöht werden sollen. Das würde Kaufhof nach Angaben des ManagerMagazins 48 Millionen Euro und damit etwa die Hälfte des bisher für das Geschäftsjahr 2015/2016 prognostizierten Ebits kosten. Außerdem sollen in großem Umfang Flächen untervermietet werden. Wie man aus dem Markt hört, auch an Saks Off Fifth.

Die Nachricht – so sie denn korrekt ist, wovon man beim ManagerMagazin ausgehen kann – zeigt: HBC-Eigentümer Richard Baker hat mit René Benko nicht nur die Initialen gemein. Sondern auch das Immobilieninteresse. Die 2,4 Milliarden-Übernahme hat Baker über den sofortigen Weiterverkauf von 43 Kaufhof-Häusern in ein Joint-venture mit der Simon Property Group finanziert. Die Objekte müssen jetzt flächenoptimiert und profitmaximiert werden. Wer die Miete überweist, ist grundsätzlich zweitrangig. Für die Zukunft wirft das womöglich Fragezeichen auf. Einzelhandel, der sich einseitig an Immobilieninteressen ausrichtet, kann langfristig nicht erfolgreich sein.

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Dass sich Immobilieninvestoren wie Baker und Benko um Innenstadtlagen balgen, wo die Zukunft des Einzelhandels doch im Internet liegt, ist zunächst einigermaßen paradox. Mehr noch als bisher wird für Standorte gelten, was seit jeher das Mantra von Einzelhändlern und Immobilieninvestoren ist: Lage, Lage, Lage. Zu dem Thema habe ich mich bereits ausführlich ausgelassen. Der Siegeszug des Online Retailings geht tendenziell auf Kosten der dezentralen und Nebenlagen. Aber auch in den frequenzstarken Citys wird es zu Veränderungen kommen: Der Laden der Zukunft kommt tendenziell mit weniger Fläche aus, und er bekommt vielfach eine andere Funktion.

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Was das Internet mit den Stationären macht, war Thema des Dachmarkenforums, das vorgestern in Düsseldorf stattfand. Josef Roosen und Tobias Viehoff hatten erneut ein spannendes Podium aufgeboten, u.a. mit Wolfgang Merkle (mercon), Bruno Marti (25hours Hotels), Holger Spielberg (Credit Suisse) und Alexander Gedat (Marc O’Polo). Hervorragend war der Beitrag von Andreas Brill. Der Gründer von Business4Brands benannte das Dilemma des Einzelhandels in knallharter Schonungslosigkeit.

Brill sieht den Handel in der Multichannel-Falle: Auf der einen Seite wird stationärer Einzelhandel ohne digitale Relevanz unmöglich sein; die Unternehmen müssen sich zwingend damit befassen, weil die Kunden dies aufgrund ihrer Erfahrungen mit Amazon & Co von jedem Anbieter erwarten werden. Auf der anderen Seite bringt der Aufbau von Digitalformaten den stationären Einzelhandel um, weil er die zusätzliche Komplexität betriebswirtschaftlich nicht in den Griff bekommt und die notwendigen Investitionen in neue Systeme und zusätzliches Marketing nicht stemmen kann.

Für Brill ist der stationäre Handel damit existentiell herausgefordert. „Wie kann man als stationärer Einzelhändler erfolgreich sein, wenn man ein Digitalformat braucht, Digitalformate das Geschäftsmodell aber erodieren?“ Für den Berater haben viele Retailer die Herausforderung der Online Pure Player nicht wirklich begriffen. Es gehe nicht um zusätzliche Kanäle und E-Commerce, sondern um eine grundsätzliche Antwort auf die Digitalisierung, „um Konzepte, die die Technologie nutzen, um den Einkaufsprozess derart zu verändern, dass Kunden deutlich besser einkaufen können.“

Deshalb sind radikale Antworten gefragt, so Brill. „Versuchen Sie nicht, Ihr heutiges Feld zu verteidigen. Das ist der falsche Fokus und aussichtslos. Denken Sie stattdessen radikal vom Kunden her: Wo liegt in Zukunft überhaupt der Nutzen eines stationären Geschäfts? Verabschieden Sie sich von der Vorstellung, dass der Sinn und Zweck eines Geschäfts ist, die Produkte anderer Leute zu verkaufen. Bedenken Sie, dass Sie nicht bei Null starten. Bedenken Sie die Vorteile. Und die Nachteile. Entwickeln Sie Ihr Geschäftsmodell von Grund auf neu, und zwar im Kontext der künftigen Marktstrukturen. Seien Sie streng mit sich selbst. Stellen Sie die Frage: Was würde wirklich fehlen, wenn es uns nicht mehr gäbe? Geben Sie sich keinen Illusionen hin. Alles wird anders kommen als alle denken. Und Sie werden nie fertig werden. Stellen Sie sich der Zukunft in der Radikalität, wie sie passieren wird.“

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Mehr als 20 Jahre journalistische Arbeit bei der TextilWirtschaft. Als Redakteur, Korrespondent, Business-Ressortleiter. Chefredakteur von 2006 bis 2011. Die TextilWirtschaft ist das führende Medium für das Modebusiness im deutschsprachigen Europa. Seit Januar 2012 Managing Partner der Personalberatung Hartmann Consultants

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