DHK15: Anworten auf AGfA gesucht

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Es war ein typisch ame­ri­ka­ni­scher Auf­tritt, den Jer­ry Storch beim Deut­schen Han­dels­kon­gress (DHK) vor­ges­tern in Ber­lin hin­leg­te: Dyna­misch und mit brei­ter Brust stürm­te der HBC-CEO auf die Büh­ne, und er hat­te eine glas­kla­re und opti­mis­ti­sche Bot­schaft im Gepäck: Der sta­tio­nä­re Han­del ist noch lan­ge nicht tot und die Zukunft ganz bestimmt nicht nur online. Das Inter­net sei auch nicht bil­li­ger, da die öko­no­mi­schen Gesetz­mä­ßig­kei­ten von Ein­kauf und Ver­kauf für die Pure Play­er eben­so gel­ten wie für Laden­ge­schäf­te. Im Gegen­teil wür­den Ama­zon & Co über kurz oder lang nicht umhin kom­men, selbst sta­tio­när zu gehen. Die Zukunft gehö­re Brands. Und die müss­ten auf allen Kanä­len ver­tre­ten sein.

An sich hat Storch bloß Selbst­ver­ständ­lich­kei­ten for­mu­liert, dies frei­lich beson­ders zackig, und der Umstand, dass die bald 350 Jah­re alte Hudson’s Bay Com­pa­ny mit ihren vie­len Waren­haus-Immo­bi­li­en ein vita­les Inter­es­se dar­an hat, dass es so und nicht anders kommt, macht sei­ne Aus­sa­gen noch lan­ge nicht falsch. Dass Storch einem trotz­dem wie ein ein­sa­mer Rufer in der Wüs­te vor­kam, hängt damit zusam­men, dass er mit sei­ner Zuver­sicht gegen den ver­zag­ten Kon­sens ver­stieß, auf den der Han­del sich mitt­ler­wei­le geei­nigt hat und der auch das Pro­gramm in Ber­lin bestimm­te: dass die Digi­ta­li­sie­rung prak­tisch alles ver­än­de­re, dass der Auf­stieg von AGfA (Ama­zon­Goog­le­Face­boo­kApp­le) unauf­halt­sam sei und die neu­en Play­er dem eta­blier­ten Han­del den Gar­aus machen, wenn der sich nicht schleu­nigst in die digi­ta­le Trans­for­ma­ti­on auf­ma­che. Ein schwe­rer Gang, wie die zahl­rei­chen Mana­ger und Exper­ten auf der Ber­li­ner Büh­ne uni­so­no beton­ten. “Sie nut­zen Diens­te wie Net­flix und Paypal ja bloß nicht, weil sie nicht wis­sen, wie’s geht”, hielt EU-Digi­tal­kom­mis­sar Gün­ther Oettin­ger dem Publi­kum zu des­sen Belus­ti­gung vor. “Noch vor Ende die­ses Jahr­zehnts wird fest­ste­hen, wer von Ihnen im Saal zu den Gewin­nern und wer zu den Ver­lie­rern gehört.” Alle haben gelacht – war es schwar­zer Humor oder Oettin­gers schwä­bi­scher Akzent?

Zunächst mal ist Fakt, dass die Online Retailer den Mode­markt bereits gewal­tig ver­än­dert haben. Sie haben den Markt­an­teil des Distanz­han­dels, der bei Tex­ti­li­en über Jahr­zehn­te bei um die 12 Pro­zent lag, auf gut 20 Pro­zent gehievt. In der gera­de erschie­ne­nen Lis­te der größ­ten Tex­til­ein­zel­händ­ler in Deutsch­land tau­chen mit Zalan­do und Ama­zon bereits zwei Pure Payer unter den Top25 auf. Der größ­te deut­sche Mode­händ­ler Otto macht sein Geschäft maß­geb­lich online, und Brands wie Esprit, C&A und Ernsting’s Fami­ly sind online eben­falls für drei­stel­li­ge Mil­lio­nen­um­sät­ze gut. Nach einer aktu­el­len Stu­die von IfH und KPMG wird bis in zehn Jah­ren jeder drit­te Euro für Mode im Inter­net aus­ge­ge­ben wer­den. Wel­che Kon­se­quen­zen das für die Struk­tu­ren in einem kaum wach­sen­den Markt hat, hat Pro­fa­shio­nals aus­gie­big dar­ge­stellt.

Jer­ry Storch hat aber natür­lich trotz­dem Recht, wenn er dar­auf hin­weist, dass der Auf­stieg von Online nicht auto­ma­tisch das Aus für Sta­tio­när bedeu­te. Auf kei­nen Fall über­all, wahr­schein­lich am aller­we­nigs­ten in den City-Lagen von HBC und Kauf­hof, und auch nicht von heut’ auf mor­gen. Das Kon­su­men­ten­ver­hal­ten ist trä­ge, die Macht der Gewohn­heit groß. Das gibt dem Han­del zumin­dest ein wenig Zeit, indi­vi­du­el­le Ant­wor­ten auf die digi­ta­le Her­aus­for­de­rung zu for­mu­lie­ren. Die­se Ant­wor­ten wird es aller­dings brauchen.

Rewe-Vor­stand Lio­nel Sou­que stell­te dazu ein inter­es­san­tes Gedan­ken­ex­pe­ri­ment an: “Stel­len Sie sich vor, das Inter­net gebe es seit 50 Jah­ren und sei der übli­che Weg ein­zu­kau­fen. Und jetzt kommt einer mit einer neu­en Geschäfts­idee: ein gro­ßer Flach­bau, voll mit Ware, vor den Toren der Stadt. Sie müs­sen ins Auto stei­gen, bei Regen einen Park­platz über­que­ren und mit einem Euro einen Ein­kaufs­wa­gen aus­lö­sen. Sie brau­chen eine Stun­de, um sich durch die Regal­rei­hen zu arbei­ten und in einer Schlan­ge aufs Bezah­len zu war­ten, und müs­sen am Ende Ihren Ein­kauf zuhau­se in den drit­ten Stock schlep­pen. Und die­ser Händ­ler lockt sie nun mit dem USP, dass sie die 5 Euro Lie­fer­ge­bühr nicht bezah­len müs­sen. Wel­che Chan­ce wür­den Sie einer sol­chen Geschäfts­idee geben?”

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