Der Handel, das Web und der Tod

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Wolfgang Grupp umarmt auf seine alten Tage die Moderne. Nicht nur, dass er in Berlin erstmals einen wirklich schicken Trigema-Store in der City eröffnet (der Testlauf für das neue Format erfolgte schon vor Monaten am Flughafen Stuttgart). Auch das Internet hat er längst erobert. Trigema betreibt bereits seit 2008 einen eigenen Webshop. Deshalb hat der Inhaber Herr Grupp auch in diesem Fall gut reden: „Wenn die großen Händler jammern, ihnen nehme das Internet Geschäft weg, dann haben sie klar unternehmerisch versagt. Unternehmen wie die angeschlagene Buchhandelskette Thalia, der insolvente Konkurrent Weltbild oder der untergegangene Versandriese Quelle hätten problemlos den Schwenk zum Online-Handel schaffen müssen“, postulierte er dieser Tage in seiner WirtschaftsWoche-Kolumne.

Dazu passend hat die WiWo eine „Todesliste“ veröffentlicht, die einigen Wirbel in den einschlägigen Blogs und Foren verursacht hat. Darin führt das Wirtschaftsmagazin die Handelsunternehmen auf, die besonders von der neuen Online-Konkurrenz bedroht sind. Darunter Einkaufsverbände wie Intersport und Sport 2000, Niedrigpreis-Filialisten wie Kik, Takko, Charles Vögele, NKD und C&A, Schuhfilialisten wie Reno und RunnersPoint sowie Multilabel-Formate wie P&C und Wöhrl. Die Liste basiert auf einem ominösen „Kill Thrill-Index“, den die Unternehmensberatung Wieselhuber & Partner ermittelt hat und über dessen Aussagekraft sich natürlich trefflich streiten lässt. Der Bundesverband des Deutschen Versandhandels BVH hat sich da lieber ganz schnell in BEVH umbenannt („E“ für „E-Commerce“). Nicht dass ihn noch jemand auf eine Liste bedrohter Verbände setzt.

Selbstverständlich stehen auch Karstadt und Kaufhof auf der Todesliste der WirtschaftsWoche. Wenn es nach früheren Studien gegangen wäre, dann dürfte es die Warenhäuser längst nicht mehr geben. Folgt man der Wieselhuber-Analyse, dann ist Kaufhof sogar stärker durch das Internet gefährdet als Karstadt. Letzterer muss also aus ganz anderen Gründen am Abgrund stehen…

Als hätte er es geahnt, blies Kaufhof-Chef Lovro Mandac dieser Tage zur Multichannel-Attacke. Das Thema wird in Köln personell in der obersten Heeresleitung verankert. In drei bis vier Jahren will Kaufhof seinen Online-Umsatz auf 300 Millionen Euro mehr als vervierfachen. Dazu bekommen die Kaufhof-Mitarbeiter 1100 Tablets an die Hand. Dann haben sie was zu spielen, wenn wieder mal kein Kunde im Laden ist.

Doch im Ernst: Kaufhof unternimmt den groß angelegten Versuch, das Potenzial von Omnichannel zu heben. Das ist die Sau, die die Unternehmensberater derzeit durch die Fußgängerzonen treiben. Dass Mehrkanalkunden auch mehr kaufen, weisen etliche Studien nach. Dass auf der anderen Seite Komplexität und Kosten dadurch steigen, ist ebenso klar. In einem Multichannel-Vertriebssystem muss jedes verkaufte Teil 1,5 Kanäle finanzieren, hat OC&C-Beraterin Kerstin Lehmann in einem Vortrag beim Deutschen Handelskongress vorgerechnet. Pure Player-Protagonisten wie Oliver Samwer glauben ohnehin nicht an das Konzept. So wie sie nicht an stationären Handel glauben. Für den Zalando-Investor ist Multichannel nur so etwas wie das letzte Zucken der Ratlosen.

Doch es gibt noch Hoffnung für die Stationären: Diese Woche kaufte sich Online-Gigant Alibaba mit 692 Millionen Dollar, also über einer halben Milliarde Euro bei Intime ein. Das Unternehmen betreibt in China 28 Department Stores und acht Shopping Malls.

Bitte lesen Sie dazu auch: Online handeln – vom Wettbewerb auf den -stufen zur Konkurrenz der Wertschöpfungsketten 

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profashionals

Mehr als 20 Jahre journalistische Arbeit bei der TextilWirtschaft. Als Redakteur, Korrespondent, Business-Ressortleiter. Chefredakteur von 2006 bis 2011. Die TextilWirtschaft ist das führende Medium für das Modebusiness im deutschsprachigen Europa. Seit Januar 2012 Managing Partner der Personalberatung Hartmann Consultants

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