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Randale im Laden, Zerreissprobe für die Lieferkette

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Jür­gen Mül­ler

Mon­tag, 17. Janu­ar. Coro­na nervt alle. Da sind Aus­ein­an­der­set­zun­gen mit reni­ten­ten Impf­geg­nern das Aller­letz­te, was man noch braucht. Die aggres­si­ven Vor­fäl­le – Dis­kus­sio­nen, die in Streit und Beschimp­fun­gen enden und zu Van­da­lis­mus und teil­wei­se kör­per­li­chen Aus­ein­an­der­set­zun­gen füh­ren – häu­fen sich seit Ein­füh­rung der 2G-Regeln. Das war zu befürch­ten. Als im Sep­tem­ber in Idar-Ober­stein ein Mas­ken­ver­wei­ge­rer einen Tank­wart erschoss, war das ein schreck­li­cher Extrem­fall. Aber es zeigt, wie Kun­den­kon­tak­te unter Pan­de­mie­be­din­gun­gen neu­er­dings eska­lie­ren kön­nen. Mit der 2G-Kon­troll­pflicht sind Ver­käu­fe­rin­nen und Ver­käu­fer nun zu Außen­dienst­mit­ar­bei­ten­den der Gesund­heits­äm­ter gewor­den. Dabei ist ihre Auf­ga­be doch eigent­lich, den Kun­den ein schö­nes Ein­kaufs­er­leb­nis zu ermög­li­chen…

Aber es nützt ja alles nichts. Wir müs­sen da durch. Es liegt an den Arbeit­ge­bern, Rah­men­be­din­gun­gen zu schaf­fen, dass ihre Ange­stell­ten nicht die Lust ver­lie­ren und bei der Stan­ge blei­ben. Auch wenn die Stim­mung hoch­zu­hal­ten schwer ist in einer Situa­ti­on, wo in den Unter­neh­men Unsi­cher­heit und Kurz­ar­beit regie­ren und die Pan­de­mie auch das Pri­vat- und Fami­li­en­le­ben mas­siv beein­träch­tigt.

Es ist nicht all­zu häu­fig Gegen­stand von media­len Betrach­tun­gen, aber die Coro­na-Kri­se trifft auch die Chefs und bringt auch vie­le Top-Ent­schei­der men­tal an ihre Gren­zen. Unter­neh­mer, die im Lau­fe ihres Lebens mehr rich­tig als falsch gemacht haben, sehen sich plötz­lich vor exis­ten­zi­el­len Her­aus­for­de­run­gen, aus­ge­löst durch einen exter­nen Schock. Selbst funk­tio­nie­ren­de Geschäfts­mo­del­le sind aktu­ell kei­ne Erfolgs-Garan­tie mehr.

Bis­lang zei­gen sich die meis­ten Unter­neh­men – wie man neu­er­dings so schön sagt – resi­li­ent. Was nicht nur an staat­li­chen Hil­fen, son­dern auch damit zusam­men­hängt, dass die Betei­lig­ten – zumin­dest in gut geführ­ten Fir­men – sich gegen­sei­tig stüt­zen und jeder an sei­nem Platz am gemein­sa­men Erfolg arbei­tet. Das gilt ganz beson­ders in der aku­ten Aus­na­me­si­tua­ti­on. Und das wird auch gel­ten, wenn Coro­na eines Tages wie­der nur eine Bier­mar­ke ist.

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Diens­tag, 18. Janu­ar. Die Ath­le­ten sind größ­ten­teils noch nicht abge­flo­gen, aber das Virus ist schon mal gelan­det. Kei­ne drei Wochen vor dem Start der Olym­pi­schen Win­ter­spie­le durch­kreuzt Omi­kron die Zero Covid-Stra­te­gie der Chi­ne­sen. Nun könn­te man Scha­den­freu­de emp­fin­den ange­sichts einer von Pres­ti­ge­den­ken getrie­be­nen Poli­tik, die das Pan­de­mie­ma­nage­ment als Beleg für die Über­le­gen­heit des eige­nen Sys­tems sti­li­siert. Aber dafür ist die Abhän­gig­keit unse­rer Wirt­schaft von Chi­na zu groß. Wenn der Absatz in der Volks­re­pu­blik lahmt, scha­det das auch der Wirt­schaft und dem Arbeits­markt hier­zu­lan­de und damit mit­tel­fris­tig dem Kon­sum. Und kurz­fris­tig wirkt sich die dra­ko­ni­sche Schlie­ßung gan­zer Städ­te und Häfen auf die Pro­duk­ti­on und die Lie­fer­ket­ten aus. Wor­un­ter wie­der­um die Beklei­dungs- und Schuh­in­dus­trie ganz direkt und beson­ders lei­det.

Die­se Ent­wick­lung war zu befürch­ten, wes­halb vie­le Unter­neh­men ihre Pro­dukt­ent­wick­lungs­pro­zes­se und den Beschaf­fungs­ka­len­der ange­passt haben. Aus­wir­kun­gen wird das Gan­ze zudem auf die Prei­se haben. Mit­tel­fris­tig wird die unsi­che­re Lage in Fern­ost Near­sho­ring attrak­ti­ver machen, und tat­säch­lich wird über­all an der Ver­la­ge­rung von Pro­duk­ti­on und Beschaf­fung in euro­pa­nä­he­re Regio­nen gear­bei­tet. Wenn C&A in Mön­chen­glad­bach gera­de eine Jeans­fa­brik eröff­net hat, ist das ein ziem­lich spek­ta­ku­lä­rer Move und ein sel­te­nes Bei­spiel von ech­ter For­schung & Ent­wick­lung im Mode­han­del. Den Denim-Bedarf des Fili­al­un­ter­neh­mens wird die hoch­au­to­ma­ti­sier­te Hosen-Nähe­rei aber auch im letz­ten Aus­bau­sta­di­um nur zu 3 Pro­zent decken kön­nen.

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Mitt­woch, 19. Janu­ar. Von wegen Laden­dieb­stahl betrifft nur Läden! In den USA wer­den neu­er­dings immer mehr Güter­zü­ge auf­ge­bro­chen und Pake­te geplün­dert. Die Süd­deut­sche Zei­tung zeigt Fotos von Bahn­glei­sen, die wie Müll­hal­den aus­se­hen – über­säht von zehn­tau­sen­den von auf­ge­ris­se­nen Pake­ten und weg­ge­wor­fe­ner Ware, die sich nicht wei­ter­zu­ver­kau­fen lohnt. 90 Con­tai­ner wer­den dem Bericht zufol­ge täg­lich auf­ge­bro­chen. Dahin­ter steht offen­bar orga­ni­sier­te Kri­mi­na­li­tät. „Die Plün­de­run­gen wer­den zum Sym­bol dafür, wohin Bequem­lich­keits­ka­pi­ta­lis­mus füh­ren kann“, so der SZ-Autor. Dumm für die Ver­brau­cher ist nur, dass der „Laden­dieb­stahl“ erst nach dem Ver­kauf statt­fin­det.

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Frei­tag, 21. Janu­ar. Ist dies das Waren­haus der Zukunft? In dem nahe L.A. geplan­ten ers­ten, rund 3000 m² gro­ßen “Ama­zon Style”-Store wäh­len die Kun­den “ihre” Arti­kel im Ver­kaufs­raum. Die rich­ti­ge Grö­ße wird dann aus dem ange­schlos­se­nen Lager in eine intel­li­gen­te Anpro­be geschickt, wo man bequem wei­te­re Arti­kel anfor­dern kann und einem zudem algo­rith­men­ge­steu­ert Vor­schlä­ge auf Basis der per­sön­li­chen Prä­fe­ren­zen gemacht wer­den. Also fast so wie im Fach­han­del, nur prak­tisch ohne Ver­kaufs­be­ra­ter.

Nur wer macht dann bloß die 2G-Kon­trol­len?

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