
Tarek Müller hat investiert. In einen, wie er es nennt, Palettenschieber. Er habe Geld in ein Logistikunternehmen gesteckt, so der About You-Mitgründer bei seinem Auftritt bei der K5. Dass einer der prägenden Köpfe der deutschen Tech-Szene auf so ein old school Business (und nicht etwa auf AI) setzt, ist erwähnenswert. Der 37jährige ist ja noch nicht in einem Alter, wo man bei seiner Anlagestrategie auf Nummer Sicher gehen sollte. Konsum geht immer, sagt Müller. Und irgendwie muss die Ware ja zum Kunden kommen. Egal was die Technologie noch disruptieren mag, "so stinknormale Unternehmen wird es immer geben." Wenn man so will, ist das eine gute Nachricht für das Gros der deutschen Wirtschaft.
Was die Bewertung der E‑Commerce-Branche durch den Kapitalmarkt angeht, war auf der K5 durchaus Katzenjammer zu vernehmen. "Wenn's nach mir ginge, könnte unser Kurs etwas höher sein", so Zalandos Co-CEO David Schröder. Zumal die Fundamentaldaten zurzeit besser seien als 2023, als die Zalando-Aktie auf dem Höchststand von über 100 Euro lag. "Uns macht es zurzeit wieder richtig Spaß."
Tarek Müller bestätigte dies. Es läuft. "Es ist eine gute Zeit für Investoren und Gründer. Viele Unternehmen sind komplett unterbewertet. Man kann jetzt unglaublich günstig Firmen kaufen."
Dass die Finanzinvestoren einen Bogen um die Online Retailer machen, hat natürlich Gründe. Das miese Konsumklima, das den gesamten Handel trifft, ist einer davon. Ein ganz Wesentlicher aber heisst: AI. Die künstliche Intelligenz birgt Chancen, aber auch unabsehbare Risiken. Agentic Commerce gefährdet potenziell die Geschäftsmodelle der klassischen Online Retailer.
Die bemühten sich in Berlin, die Hysterie zu dämpfen. Jedenfalls die Heavy Weights auf der Main Stage. Nebenan, im durchweg gut besuchten AI-Auditorium, ging es um nichts anderes. K5-Gründer Jochen Krisch kritisierte, dass die Branche mit Blick auf KI in erster Linie über Technologie spricht, "aber wo sind die neuen, revolutionären Anwendungen?". Alexander Graf riet den Unternehmen gar, ihre Agentic Commerce-Teams rauszuschmeissen. So ließe sich die Produktivität am schnellsten steigern. Das war Spaß, aber nur halb.
"Es ist noch nicht entschieden, wie transformativ AI-Commerce wird", so Boris Ewenstein, Chef-Technologe der Otto Group "Wir müssen uns zumindest darauf vorbereiten." 0,3 Prozent des Traffics bei About You kämen über ChatGPT, Gemini & Co, sagt Tarek Müller. Das sei aus seiner Sicht eher enttäuschend. "Ich kenne keinen, der über 1% liegt." Die Zugriffe hätten sich freilich verzehnfacht, das müsse man schon ernst nehmen. Aus heutiger Sicht seien die LLMs allerdings noch keine Gamechanger.
Die eigentliche Disruption kommt im Windschatten von KI: demand-led Commerce.
Auf der anderen Seite ermögliche die Technologie massive Kosteneinsparungen. "Wir brauchen weniger Leute, um unser Geschäft zu machen", sagt Tarek Müller. So sei About You dabei, sein Fotostudio zu schließen. "Vorher haben wir zehn Millionen für Contentproduktion ausgegeben, jetzt ist es nur noch eine Million. Und die KI-generierten Fotos verkaufen auch noch zehn Prozent besser."
Die günstigeren Produktionskosten ermöglichen es Otto, Produkte gleich in unterschiedlichen Kontexten abzubilden, ergänzt Boris Ewenstein. "Wir haben festgestellt, dass ein eher formellerer Kunde ein Shirt im Casual-Kontext nicht kauft. Zeigen wir es ihm etwas förmlicher gestylt, kauft er. Dasselbe Produkt."
Dass KI ihre Geschäftsmodelle disruptiert, scheinen die E‑Com-Player nicht wirklich zu fürchten. Zumindest sagen sie das nicht öffentlich. Ob sie einem ähnlichen Irrtum aufsitzen, wie die vielen Stationären, die beim Aufkommen der neuen Konkurrenz stets beteuert haben, dass Kleidung sich nicht wirklich für den Onlinevertrieb eigne, weil man sie schließlich anfassen und anprobieren müsse? Bis "Schrei vor Glück oder schick's zurück" Zweifel an dieser These aufkommen ließ.
"Wir überschätzen die Geschwindigkeit der Veränderung, unterschätzen aber deren Ausmaß", warnt dagegen Stefan Wenzel. Agentic Commerce ist für den Berater und profashionals-Autor das eine. Die eigentliche Disruption käme im Windschatten von KI: demand-led Commerce. Wenzel meint KI-unterstützte nachfragegesteuerte Geschäftsmodelle, mit denen Anbieter wie Shein und Temu den Markt aufrollen.
Hierzulande sähen viele diese Mitbewerber immer noch bloß als unfaire Vertriebkanäle für chinesische Billigware. Tatsächlich handelt es sich um neue Businessmodelle, denen die hiesige Konkurrenz wenig entgegensetzen kann. Zumal die Chinesen ihre Position systematisch ausbauen, Logistik-Hubs in Europa und USA aufbauen, ihren gigantischen Traffic erfolgreich Marktplatzpartnern aus der Markenindustrie zur Verfügung stellen, mit 'production-as-a-service' experimentieren und, wie Temu-Experte Ed Sander sehr überzeugend darlegte, dabei sind, mit qualitativ höherwertigeren Eigenmarken die Marktmitte anzugreifen. "'Made in China' is the better 'Made in Germany'", sekundierte Alexander Graf. Die EU-Zölle mögen Shein und Temu weh tun, wie Tarek Müller anmerkte. Aufhalten werden sie die Chinesen nicht.
Was also hilft gegen die Bedrohung?
Von "Habit Control" träumen Kaufleute, seit es Einzelhandel gibt.
Es sind mithin die Ansätze, mit denen sich auch die Stationären beruhigen: "Bessere Kundenbeziehungen schlagen bessere Preise", glaubt Marketingprofi Kristina Mertens. "Make Commerce social again." Also irgendwie zu dem, was es in stationären Läden bestenfalls seit jeher ist.
AI-Commerce mache Persönlichkeit zum neuen Wettbewerbsvorteil von Marken", so die TikTok-Managerin Nele Odzuck. Community werde jetzt erst recht zum Betriebssystem von E‑Commerce.
"Habit Control ist die KPI der Zukunft", postulierte Etribes-Geschäftsführerin Karo Junker de Neui, eine These, die auf breite Zustimmung stieß. "Die entscheidende Frage wird, ob Marken es schaffen, Kunden nicht nur einmal zu gewinnen, sondern wiederkehrende Kaufgewohnheiten und höhere Frequenz systematisch zu kontrollieren."
Von so einer Kontrolle träumen Kaufleute, seit es Einzelhandel gibt. Im Hyperwettbewerb des world wide webs ist das mehr denn je Wunschdenken.
Was also tun?
Auf jeden Fall nicht nichts. Das Motto der K5 – 'Into Action' – war vor diesem Hintergrund klug gewählt. Mit ihrem "ins Machen kommen" klangen Verena Schlüpmann und Sven Rittau fast wie der CDU-Generalsekretär Linnemann. Die größte Gefahr sei, keine Entscheidungen zu treffen, so die K5-Macher bei der Eröffnung der Konferenz. Dabei gelte "fail fast, fail cheap: Gewinner sind diejenigen, die Fehler machen."