Berlin am Main

x31Lan­ge hat kei­ne Nach­richt die Bran­che so in Wal­lung ver­setzt wie der Umzug der Mode­mes­sen von Ber­lin nach Frank­furt. „Die Welt hat sich ver­än­dert, auch wir müs­sen uns ver­än­dern“, so Pre­mi­um-Grün­de­rin Ani­ta Till­mann. “Man kommt nicht sofort auf Frank­furt, aber es ist der per­fek­te Ort.”

Die zwie­späl­ti­gen Reak­tio­nen auf die Ver­le­gung zei­gen, dass das längst nicht jeder so sieht. Mit Ein­zugs­ge­biet, Infra­struk­tur und Ver­kehrs­an­bin­dung hat­te sei­ner­zeit schon Düs­sel­dorf gegen Ber­lin argu­men­tiert. Bekannt­lich ver­geb­lich. Auch heu­te wür­de einem als deut­sche Ber­lin-Alter­na­ti­ve spon­tan eher die Mode­stadt am Rhein oder viel­leicht sogar Mün­chen ein­fal­len als die Mainmetropole.

Der Umzugs­be­schluss ist zunächst und vor allem ein Coup für die Mes­se Frank­furt. Sie wird den Pre­mi­um-Mehr­heits­ge­sell­schaf­ter Cla­ri­on Events von den Vor­zü­gen eines Orts­wech­sels über­zeugt haben, den die Min­der­heits­ge­sell­schaf­te­rin Ani­ta Till­mann (“Ger­man Effi­ci­en­cy trifft Crea­ti­vi­ty“) nun tap­fer ver­kauft. Die Gele­gen­heit war güns­tig: am Gleis­drei­eck ist man nach dem Ver­kauf der Sta­ti­on im ver­gan­ge­nen Jahr nur noch zur Mie­te, und nach der Pan­ora­ma-Plei­te gibt es in Ber­lin kei­ne Mes­se­al­ter­na­ti­ve mehr, die die Indus­trie zum Blei­ben ver­lei­ten könn­te. Die Frank­fur­ter sind seit Jah­ren in der Haupt­stadt als Ver­an­stal­ter aktiv – im Prin­zip eine andau­ern­de Demü­ti­gung der Ber­li­ner Mes­se, die in der eige­nen Stadt ledig­lich als zeit­wei­ser Ver­mie­ter der Pan­ora­ma eine Rol­le spiel­te. Mit der Neonyt hat der welt­größ­te Tex­til­mes­sen-Aus­rich­ter nicht nur das Zukunfts­the­ma Sus­taina­bi­li­ty früh­zei­tig besetzt und ent­wi­ckelt, son­dern damit zugleich einen Fuß ins Mode­mes­sen-Geschäft bekom­men. Die letz­te Neonyt in Tem­pel­hof zeig­te, wel­ches Poten­zi­al in dem The­ma steckt.

Dass die­se Erfolgs­ge­schich­te jetzt am Main fort­ge­schrie­ben wer­den soll, wird auch mit den Her­aus­for­de­run­gen zusam­men­hän­gen, die eine Mes­se Frank­furt zur­zeit hat. Die Coro­na-Pan­de­mie hat das Mes­se-Geschäft in die­sem Jahr glo­bal weit­ge­hend zum Erlie­gen gebracht. Der Weg­gang der IAA nach Mün­chen wird ein wei­te­res Loch in die Kas­se rei­ßen. Zugleich ist klar, dass eine Neonyt am Main allein nicht funk­tio­nie­ren wür­de, son­dern es für einen Erfolg einen gro­ßen Wurf braucht: Die Frank­furt Fashion Week ist mit­hin eine Flucht nach vor­ne. Bei alle­dem wer­den die loka­len Inter­es­sen der Gesell­schaf­ter – die Stadt Frank­furt und das Land Hes­sen – die ent­schei­den­de Rol­le gespielt haben. Mes­se­städ­te pro­fi­tie­ren nicht nur von ver­mie­te­ten Qua­drat­me­tern. 120 Mil­lio­nen Euro haben die Mode­mes­sen Ber­lin zusätz­lich ein­ge­bracht, pro Saison.

Die­ses Geld ist nun nicht das Ein­zi­ge, was an der Spree fehlt. Der „Mode­haupt­stadt“ wur­de das Herz entrissen.

„Ber­lin“ blieb für vie­le Beob­ach­ter bis zuletzt ein Ver­spre­chen. Im Ver­gleich zu den inter­na­tio­na­len Mode­me­tro­po­len konn­te die deut­sche Haupt­stadt ihre Pro­vin­zia­li­tät nie ganz able­gen. Die­ser Ver­gleich mit Mai­land und Paris war stets irre­füh­rend. Aber er war letzt­lich auch irrele­vant: Die Stadt funk­tio­nier­te zwei­mal im Jahr sehr gut als Büh­ne für alle, die eine Bot­schaft an ihre Ziel­grup­pe brin­gen wol­len – Mar­ken­an­bie­ter, Desi­gner, Cele­bri­ties, Medi­en, Poli­ti­ker. Ber­lin lie­fer­te mit sei­nen groß­ar­ti­gen Loca­ti­ons, den unzäh­li­gen Hin­ter­hof­la­bels, dem inter­es­san­ten Ein­zel­han­del, der Kunst- und Sub­kul­tur die per­fek­te Kulis­se für die­se Bot­schaf­ten. Die Mes­sen waren dabei nur ein Kom­mu­ni­ka­ti­ons­for­mat neben ande­ren. Die Pro­fis brach­ten Fre­quenz. Vor allem aber ver­schaff­te die Busi­ness Com­mu­ni­ty Ber­lin als Mode­stadt die Glaub­wür­dig­keit. Das wird ein künst­li­ches B2C-Event wie die MBFW nie­mals hin­be­kom­men. Es war nicht zuletzt für die Wahr­neh­mung der deut­schen Mode im In- und Aus­land gut, die Kräf­te zu bün­deln. Auch wenn der Fashion Coun­cil Ger­ma­ny sich sofort neu­tral posi­tio­niert hat („Wir glau­ben an neue und zukunfts­wei­sen­de For­ma­te, die kom­pro­miss­los auf unse­re Mis­si­on ein­zah­len“) – man ver­bin­det die­se Initia­ti­ve ein­fach mit Berlin.

Kann Frank­furt die­se Kom­mu­ni­ka­ti­ons­funk­ti­on übernehmen?

Eher nicht. Der Ein­wurf des hes­si­schen Wirt­schafts­mi­nis­ters Tarek Al-Wazir, dass in Frank­furt „nicht nur Platz für bad banks, son­dern auch für good fashion“ sei, ist ja noch ganz wit­zig. Aber wenn der Wirt­schafts­de­zer­nent der Stadt davon redet, den Eiser­nen Steg zum schöns­ten Lauf­steg Euro­pas und die Zeil zur längs­ten Mode­mei­le zu machen, stel­len sich Mode­pro­fis die Nacken­haa­re auf. Frank­furt ist eine span­nen­de, inter­na­tio­na­le und lebens­wer­te Stadt. Ich habe dort 20 Jah­re lang gewohnt. Aber Krea­ti­vi­tät beschränkt sich am Main auf die Ent­wick­lung von Steu­er­spar­mo­del­len in Ban­ken­tür­men, und am Ein­zel­han­del ist allein die hohe Dich­te che­mi­scher Hem­den­rei­ni­gun­gen bemer­kens­wert. Es ist bes­ser, man ver­sucht erst gar nicht, Frank­furt als Mode­me­tro­po­le zu verkaufen.

All das heißt nicht, dass eine Mode­mes­se am Main nicht funk­tio­nie­ren kann. Es wird nur eine ganz ande­re Ver­an­stal­tung und sehr dar­auf ankom­men, was sich die Macher inhalt­lich ein­fal­len las­sen. War­ten wir es ab. Nicht zu unter­schät­zen ist zudem die Mobi­li­sie­rungs­power einer glo­bal auf­ge­stell­ten Orga­ni­sa­ti­on wie der Mes­se Frank­furt mit ihren 30 Toch­ter­ge­sell­schaf­ten und 56 Sales Part­nern in 190 Län­dern und dem Bud­get eines öffent­lich geför­der­ten 700 Mil­lio­nen-Unter­neh­mens – Resour­cen, die die pri­vat geführ­ten Mes­sen in Ber­lin nie­mals hatten.

Bei aller Auf­re­gung um Ber­lin und Frank­furt darf man nicht ver­ges­sen, dass sich auf den Mode­mes­sen nur ein Teil des Mark­tes trifft. Und zwar ein ten­den­zi­ell immer noch schrump­fen­der. Die Kon­zen­tra­ti­on, die Vir­tua­li­sie­rung, die Digi­ta­li­sie­rung – das sind alles Ent­wick­lun­gen, die gegen die Mes­sen lau­fen. Ber­lin? Frank­furt? Zara und Ama­zon ist das egal. Sie gehen nicht hin.

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4 Antworten zu “Berlin am Main

  1. Lei­der gibt es nicht nur Albert Eick­hoff nicht mehr son­dern auch kaum noch Power-Geschäf­te wie seins…

  2. Was der Bran­che seit Jah­ren fehlt ist eine Füh­rungs­fi­gur. Die­se Per­son hat sich durch her­aus­ra­gen­de Leis­tun­gen qua­si von unten an die Spit­ze gear­bei­tet und so den Teil der Mode­welt erobert, der sich nun an ihm / ihr orientiert.

    Als die CPD in Düs­sel­dorf in den neun­zi­ger Jah­ren mit einem 4 Sai­son­kon­zept zu schei­tern droh­te, hat Albert Eick­hoff gesagt: Wir sind ab dem CPD Sonn­tag unter­wegs und machen unse­re Dis­po­si­tio­nen. Mit die­sem Satz war die gesam­te Ter­min­dis­kus­si­on erle­digt und alle konn­ten in Ruhe arbeiten.

    Lei­der gibt es seit Jah­ren kei­nen A.E. mehr ‚der den zum Mode­zir­kus mutier­ten Geschäfts­zweig zusam­men hält und sagt :
    Frank­furt ist die Chan­ce für den gesam­ten Markt , wie­der gegen­sei­ti­ges Ver­trau­en in sich selbst zu bekom­men und eine Kom­mu­ni­ka­ti­on über die, online off­line Dis­kus­si­on hin­aus, zu füh­ren um nun end­lich wie­der Geld zu verdienen. ”

    Die Covid 19 Kri­se hät­te bei allem Unglück zu einer erheb­li­chen Erneue­rung der Mode­bran­che im Pre­mi­um ‑und Luxus­seg­ment füh­ren kön­nen. Aber so wie jetzt schon wie­der gescha­chert wird um Ter­mi­ne und um Ein­fluss von Mode­ver­an­stal­tern, ist das lei­der gescheitert.

  3. Ger­ne lese ich ‚pro­fes­sio­nals’, aller­dings ver­wun­dert mich nach 20 Jah­ren in Frank­furt die­ser Kom­men­tar. Mode ist nicht bloß irgend ein Trend son­der ein Spie­gel der Gesellschaft.
    Frank­furt hat neben der Tech­tex, auch noch eine her­vor­ra­gen­de Inna­tex. Liest man lei­der sehr sel­ten und fand bis­he­rig in Wal­lau statt.
    Nach dem Lock­down wird Nach­hal­tig­keit FETT geschrie­ben und die Inna­tex , Neonyt end­lich auf das Frank­fur­ter Mes­se­ge­län­de zu brin­gen, zen­tral in Deutsch­land und mobil ange­bun­den, mit Inter­es­san­te Kunst­aus­stel­lun­gen, ja da war­te ich seit neun Jah­ren darauf.
    Eine Fra­ge hät­te ich — wür­de es sich um Autos statt um Tex­ti­li­en dre­hen, steht Frank­furt so viel gewand­ter da? Ver­mut­lich wur­de die IAA auch mäch­tig gefördert.

    Ich freue mich rie­sig und wün­sche der Mes­se Frank­furt, Ani­ta Till­man und uns allen eine inspi­rie­ren­de und emo­tio­na­le Ver­an­stal­tung. Natür­lich ist da viel zu ent­wi­ckeln, aber Tem­po fehlt den Frank­fur­ter sicher­lich nicht.
    Grü­ße an mei­ne Geburtsstadt
    Sil­via Fili-Montanini

  4. Dar­an sieht man mal wie­der, wie vie­le Hohl­bir­nen glau­ben die Weis­heit mit dem löf­fel gefres­sen zu haben…

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