Gerhard kraenzle

“In unserer Preislage funktioniert es”

Auf einen Kaffee mit... Gerhard Kränzle. Der HILTL-CEO erklärt, weshalb er eine Hosenproduktion in Deutschland aufbaut. Und warum sein 19jähriger Sohn am liebsten die klassischsten Hosenmodelle trägt.

Die Beklei­dungs­in­dus­trie beschafft ihre Ware seit Jahr­zehn­ten im Aus­land, vor allen in Asi­en. Deutsch­land-Fer­ti­gung ist zu teu­er. Sie tun nun das Gegen­teil und ver­la­gern ihre Pro­duk­ti­on zurück nach Bay­ern. Ist das nicht betriebs­wirt­schaft­li­ches Hara­ki­ri?

Kei­nes­wegs. Nach­dem wir HILTL neu auf­ge­stellt haben, war klar, dass wir im Hin­blick auf unse­re DNA mehr Kon­trol­le über das Pro­dukt haben müs­sen. Das geht am bes­ten, wenn wir die Gestal­tung, die Modell­ent­wick­lung, die Pro­to­ty­pen im Haus haben. Wir sind mit klei­nen Son­der­pro­gram­men für ein­zel­ne Händ­ler gestar­tet: 15 Tei­le in aller­bes­ter hand­werk­li­cher Qua­li­tät. Das hat sehr gut funk­tio­niert.

Und dann haben Sie ent­schie­den, das im indus­tri­el­len Maß­stab zu machen?

Auf der Suche nach Pro­duk­ti­ons­ka­pa­zi­tä­ten in Deutsch­land ist ein Part­ner mit der Idee auf uns zuge­kom­men, das aus­zu­bau­en. Unser Pro­duk­ti­ons­lei­ter ist dann nach Ita­li­en gefah­ren und hat Betrie­be besich­tigt. Er kam zurück und mein­te: Du, ich glau­be, wir haben die letz­ten zehn Jah­re aufm Baum geschla­fen. Wir haben dann gerech­net, wie das gehen könn­te und sind mit dem Busi­ness­plan auf unse­ren Inves­tor zuge­gan­gen. Der will natür­lich auch eine Mar­ke haben, die inno­va­tiv ist. Jetzt kön­nen wir zei­gen: HILTL ist wie­der da. Wir hal­ten nicht nur eben so den Kopf über Was­ser, son­dern gehen nach vor­ne, die Zukunft fest im Blick.

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HILTL Head­quar­ter in Sulz­bach-Rosen­berg

HILTL hat bekannt­lich kei­ne leich­ten Jah­re hin­ter sich. Was haben Sie inves­tiert?

Wir haben ins­ge­samt 3,1 Mil­lio­nen Euro in die Neu­auf­stel­lung inves­tiert, davon knapp eine Mil­li­on in die Pro­duk­ti­on. Der Maschi­nen­park steht nun, bis auf zwei, drei Kom­po­nen­ten. So schnei­den wir heu­te bei­spiels­wei­se noch mit der Hand zu. In der letz­ten Aus­bau­stu­fe macht das dann ein Laser­cut­ter.

Wo haben Sie bis­lang nähen las­sen?

In Rumä­ni­en und Nord­ma­ze­do­ni­en. Wäh­rend Coro­na haben wir die ande­ren Pro­duk­ti­ons­län­der abge­kop­pelt, um die Pro­duk­ti­on unse­rer lang­jäh­ri­gen Part­ner zu sichern und gemein­sam die Coro­na­zeit zu meis­tern.

Wie rech­net sich nun der Schritt zurück nach Deutsch­land? Wie hoch ist der Anteil der Pro­duk­ti­on an den Stück­kos­ten? Sind die jetzt nicht viel höher als in Rumä­ni­en?

Das lässt sich so nicht 1:1 ver­glei­chen. Der Auto­ma­ti­sie­rungs­grad ist bei uns nun viel höher. In Rumä­ni­en haben wir für ver­gleich­ba­re Men­gen die drei­fa­che Zahl an Nähe­rin­nen und Nähern beschäf­tigt. Wir haben in Sulz­bach-Rosen­berg höhe­re Per­so­nal­kos­ten, aber spa­ren bei der Logis­tik. Bei einer Tages­pro­duk­ti­on von 500 rech­net es sich.

Wird Hiltl künf­tig alle Hosen in Sulz­bach-Rosen­berg nähen? Oder geht es ums Image, und der Groß­teil wird wie gehabt in Rumä­ni­en genäht?

Das Mar­ke­ting ist ein Neben­ef­fekt. Es geht uns letzt­lich vor allem dar­um, einen fle­xi­blen Fer­ti­gungs­pro­zess auf­zu­bau­en, der uns eine On-Demand-Pro­duk­ti­on ermög­licht. Per­spek­ti­visch wer­den wir rund 30 Pro­zent in Deutsch­land fer­ti­gen.

Um schnell reagie­ren zu kön­nen und kurz­fris­ti­ge Pro­gram­me an den Markt brin­gen zu kön­nen.

Genau. Wir tes­ten das im Moment mit zehn Part­nern, dar­un­ter zum Bei­spiel Loden­frey und Hir­mer in Mün­chen oder PKZ in der Schweiz. Wir sind über EDI ver­bun­den und kön­nen fle­xi­bel nach­steu­ern. Ziel ist es, mit dem Händ­ler gemein­sam eine Voll­preis­stra­te­gie umzu­set­zen. In der heu­ti­gen Zeit ist es zudem wich­tig, immer nur so viel zu pro­du­zie­ren, wie wir wirk­lich brau­chen.

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Rund 1 Mill­li­on Euro floss in die neue Pro­duk­ti­on

Ket­ze­ri­sche Fra­ge: Kom­men denn dabei am Ende auch bes­se­re Hosen raus?

HILTL pro­du­ziert seit jeher Hosen in Schnei­der­qua­li­tät in Seri­en­fer­ti­gung. Das war so und soll so blei­ben.

Wer­den HILTL-Hosen dafür nun teu­rer? Schließ­lich gibt es zur­zeit etli­che kos­ten­trei­ben­de Fak­to­ren. Geht es da nicht auch dar­um, höhe­re Prei­se ver­ar­gu­men­tie­ren zu kön­nen?

Dar­um geht es nicht. Unse­re Anfangs­preis­la­ge liegt bei 199 Euro. Das ist, glau­be ich, eine gute Preis­la­ge für ‚Made in Ger­ma­ny‘. Wir brau­chen ein­fach Pro­duk­te, zu denen der Ver­käu­fer eine gute Geschich­te erzäh­len kann. Wir lie­fern damit ohne Green­wa­shing eine glaub­wür­di­ge und natür­li­che Nach­hal­tig­keit.

Woher wis­sen Sie, dass die End­ver­brau­cher ‚Made in Ger­ma­ny‘ hono­rie­ren?

Wir haben gese­hen, dass wir bei den Part­nern, denen wir Klein­se­ri­en gelie­fert haben, Preis­la­gen von 499 Euro pro­blem­los umset­zen kön­nen.

500 Euro für eine Hose? Sicher nicht für jeden Händ­ler eine Opti­on.

Klar. Wir reden von Her­ren­aus­stat­tern und klei­nen Stück­zah­len von 15 oder 20 Hosen. Die waren in zehn Tagen weg.

Sehen Sie sich als Trend­set­ter, was das The­ma Deutsch­land-Pro­duk­ti­on angeht?

Wir sind da eher auf uns fokus­siert unter­wegs. Wir wol­len nicht der Bran­chen­er­neue­rer und auch kein Welt­ver­bes­se­rer sein. Das steht uns gar nicht zu. Wir hat­ten als Fir­ma die Chan­ce zu einem neu­en Set­up und wol­len die­se Gele­gen­heit nut­zen. ‚Made in Ger­ma­ny‘ passt mit unse­rer Mar­ken-DNA ein­fach gut zusam­men.

“Wir haben in Deutschland viel Know-how weggegeben. Bei den Problemen, die wir als Wirtschaft heute haben, spricht viel dafür, sich wieder regionaler zu organisieren.”

Wegen der gestie­ge­nen Kos­ten, der poli­ti­schen Risi­ken und der der­zei­ti­gen Pro­ble­me in der Lie­fer­ket­te den­ken zur­zeit vie­le in der Bran­che über Near­sho­ring nach. Kür­ze­rer Beschaf­fungs­we­ge ermög­li­chen es zudem, schnel­ler und fle­xi­bler auf Nach­fra­ge­trends reagie­ren zu kön­nen. Aus Ihrer Sicht als Bran­chen­pro­fi: Ste­hen wir in der Indus­trie am Anfang einer Rück­kehr-Wel­le?

Ich glau­be schon, dass der Zeit­geist in Rich­tung Deglo­ba­li­sie­rung zeigt. Wir haben in Deutsch­land viel Know-how weg­ge­ge­ben. Bei den Pro­ble­men, die wir als Wirt­schaft heu­te haben, spricht viel dafür, sich wie­der regio­na­ler zu orga­ni­sie­ren.

Geht das nur im Pre­mi­um- und Luxus-Seg­ment? Oder ist das auch ein Modell für den Mas­sen­markt?

In unse­rer Preis­la­ge funk­tio­niert es, das haben wir durch­ge­rech­net. Dar­un­ter? Weiß ich nicht. Dage­gen spre­chen im Moment schon die gestie­ge­nen Roh­stoff­prei­se und die Ener­gie­kos­ten.

Als Mus­tang-Geschäfts­füh­rer wären Sie dem­nach nicht auf die Idee gekom­men, eine Pro­duk­ti­on auf der Schwä­bi­schen Alb auf­zu­bau­en?

Ich glau­be nicht.

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HILTL-Show­room: Alles unter einem Dach

C&A hat neu­lich eben­falls eine Hosen-Pro­duk­ti­on eröff­net. Haben Sie sich die Pro­duk­ti­on in Mön­chen­glad­bach mal ange­schaut?

Wir machen nicht nur Five Pockets, son­dern haben ein Fer­ti­gungs­ver­fah­ren für klas­si­sche Wol­le, für Chi­nos und High­techs ent­wi­ckelt, das es in die­ser Form in Euro­pa noch nicht gibt.

Sie wol­len die Mar­ke neu posi­tio­nie­ren. Der eine oder ande­re Händ­ler war sicher über­rascht, HILTL in Ber­lin auf der Seek zu fin­den. Dort hät­te man Sie eher nicht gesucht. Wo wol­len Sie mit der Mar­ke hin?

Ein gro­ßes Vor­bild ist für mich Loden­frey. Loden­frey ist als Mar­ke genera­ti­ons­über­grei­fend rele­vant und schafft es, unauf­ge­regt den Groß­va­ter, den Vater und den Sohn zu bedie­nen. Die Klam­mer ist ein Wer­te­ge­rüst, das auf Qua­li­tät, auf Nach­hal­tig­keit, auf Moder­ni­tät setzt, und das im Pre­mi­um- bis Upper-Pre­mi­um-Seg­ment.

Wobei jun­ge Män­ner schon ande­re Hosen tra­gen als wir. Wenn ich so mei­nen Sohn anse­he, in des­sen wei­ten Hosen sähe ich aus wie ein Clown.

Wir ver­kau­fen heu­te unse­re klas­sischs­ten Model­le an die jüngs­ten Kun­den. Eine ‚Morel­lo‘ mit Bund­fal­ten, ganz lang getra­gen, Fuß­wei­te 40 oder 42 cm, hohe Leib­hö­he. Die Jungs fin­den das mega. Auf der Seek kamen wir in Kon­takt zu modi­schen Ein­zel­händ­lern, die das span­nend fan­den. Die legen Wert auf Heri­ta­ge, Qua­li­tät und Halt­bar­keit. Mein Sohn ist 19, von sei­nen engs­ten Freun­den hat inzwi­schen jeder acht oder zehn Hiltl-Hosen.

Die bekom­men bestimmt Rabatt.

Nichts­des­to­trotz fin­den sie das Pro­dukt cool. Und das ist für uns das Ent­schei­den­de.

HILTL gehört seit 2020 der Schwei­zer Lorea AG. Der Pri­va­te Equi­ty-Inves­tor hat den Hosen-Spe­zia­lis­ten aus der Insol­venz über­nom­men und das Unter­neh­men zusam­men mit CEO Ger­hard Kränz­le saniert und neu auf­ge­stellt. An die­sem Don­ners­tag fällt nun der Start­schuss für die neue Nähe­rei im ober­pfäl­zi­schen Sulz­bach-Rosen­berg.

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