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Wenn das Business-Netzwerk zum Beichtstuhl wird

Ohne porentiefe Offenheit geht es nicht mehr – weder bei Marken noch bei Machern. Bei LinkedIn & Co lassen wir es gnadenlos menscheln. Übertreiben wir es mit dem Blick hinter die Kulissen vielleicht nicht etwas?, fragt sich Siems Luckwaldt.
Siemsluckwaldt
Siems Luck­waldt

Wären wir hier auf Lin­kedIn, wür­de ich wohl so begin­nen. Müs­sen: „Ich bin zunächst ein­mal super #proud, auf total beschei­de­ne Wei­se, natür­lich, dass Sie sich die­se klei­ne Kolum­ne auf Ihre Lese­lis­te gesetzt haben. Und irre #thank­ful: mei­nem Deutsch­leh­rer in der 7. Klas­se, mei­nem Mann #hus­band­goals, und der, äh, Aca­de­my, die an die­sen Zei­len indi­rekt ihren Anteil hat­ten #bles­sed. Und, ganz ehr­lich, auch ich kämp­fe gele­gent­lich mit depres­si­ven Schü­ben #men­tal­he­alth, hal­te mühe­voll mei­nen ADHS-Wirr­kopf im Zaum #neu­ro­di­ver­si­ty und suche wie wir alle nach dem tie­fe­ren Sinn des (Arbeits-)Lebens #pur­po­se.“ Alles wahr übri­gens, und Teil der täg­li­chen Posts-Dau­er­schlei­fe. Gleich­auf mit Neu­kun­den- oder Job­wech­sel-Mel­dun­gen, Employ­er Bran­ding und bizar­ren poli­ti­schen Debat­ten. Ein Busi­ness-Netz­werk als 24/7‑Beichtstuhl.

Es men­schelt bis zur völ­li­gen emo­tio­na­len Erschöp­fung der Rezi­pi­en­ten, die viel­leicht gar nicht von jeder auf der Platt­form prä­sen­ten Fach­kraft wis­sen woll­ten, wie sie die Pfle­ge der grei­sen Eltern orga­ni­siert hat #genera­ti­ons­love und was schluss­end­lich gegen die fie­se Schup­pen­flech­te half #health­goals. Je scho­nungs­lo­ser die Innen­an­sich­ten, des­to wei­ter rückt der Lin­kedIn-Voice-Sta­tus in greif­ba­re Nähe. So scheint es. Zwi­schen­drin noch rasch eini­ge Posts zu New Work, Kryp­to­wäh­run­gen, Ine­qua­li­ty und Quiet Quit­ting, damit man nicht zu ver­hal­tens­auf­fäl­lig daher­kommt. Kom­mu­ni­ka­ti­on als Bau­kas­ten nach dem Sche­ma „auf Nähe folgt Fer­ne“, auf #likea­boss eine Dosis per­for­ma­ti­ve Ver­letz­lich­keit. Hier der See­len­strip­tease, da die pene­tran­te Kalt-Akqui­se. #wtf

Die­ses, teils erstaun­lich inti­me Zuviel an Infor­ma­ti­on bringt das Publi­kum nun in arge Gewis­sens­nö­te: Wie reagie­re ich rich­tig auf das see­li­sche Nackig­ma­chen von Kol­le­gen, Geschäfts­part­nern, Lieb­lings­mar­ken? Mit reflex­ar­ti­gem Jubel samt honig­sü­ßer Lob­hu­de­lei im Kom­men­tar­feld? Mit einer psy­cho­ti­schen Tira­de, die sich wie die Bewer­bung um einen The­ra­pie­platz liest? Mit stil­lem Ent­fol­gen samt melan­cho­li­schem Kopf­schüt­teln? Ich weiß es nicht mehr, und füh­le mich ein klein wenig mit­ver­ant­wort­lich für die­se ver­un­si­chern­de Ent­wick­lung einst rein beruf­li­cher Wort­mel­dun­gen. Und viel­leicht auch für die längst flos­kel­haft vor­an­ge­stell­ten Ein­lei­tungs­for­meln wie „Ich bin mäch­tig stolz …“ und „Das hat mich betroffen/bescheiden/ohnmächtig/dankbar gemacht…“

Hat uns die Rundum-Transparenz einander näher, Leben und Arbeit wirklich in eine gesunde Balance gebracht? Oder haben wir dem Repertoire unserer Eigenvermarktung bloß neue Tools von A wie Achtsamkeit bis V wie Verwundbarkeit hinzugefügt?

Dabei habe ich lan­ge Zeit genau das beklagt. Dass sich Inter­view­part­ner hin­ter Titeln und dem Marken-„Wir“ ver­krü­meln, zu Cor­po­ra­te-Zom­bies wer­den wie in der HBO-Serie Sever­an­ce. Dass sie jeg­li­che Ecken, Kan­ten, ja ihre Per­sön­lich­keit zum Amts­an­tritt im HR Depart­ment able­gen. Und dass, was in einem Gespräch an Rest-Charme übrig bleibt, im Pro­zess der Auto­ri­sie­rung vor Ver­öf­fent­li­chung meist dem Rot­stift zum Opfer fällt. Aus Angst, dass ver­meint­li­che Schwä­chen das Image vom unka­putt­ba­ren Alpha­tier zer­stö­ren könn­ten und die eige­ne Authen­ti­zi­tät sekun­den­schnell in einem sozi­al-media­len Fege­feu­er gip­felt. Eupho­risch applau­dier­te ich jedem CEO und Top-Krea­ti­ven, der sich der Regel „Boys don’t cry“ ver­wei­ger­te und sich unter die Hau­be bli­cken ließ. Ich favo­ri­sier­te Mar­ken mit unbe­que­mer Mes­sa­ge, Brands, die mehr über das Gemein­wohl spra­chen als über ihr eigent­li­ches Pro­dukt. Und füh­le mich jetzt gera­de­zu ver­folgt von den guten Geis­tern, die ich (mit vie­len ande­ren) rief. Über­spitzt aus­ge­drückt: Mana­ger, die gleich zu Beginn eines Mon­tag-Bei­trags auf Xing ihr Kind­heits­trau­ma aus­pa­cken, samt Trä­nen-Emo­ji – das habe ich so nicht gewollt!

Was jetzt? Rasch wie­der zuklap­pen die Aus­ter des Innen­le­bens und statt­des­sen den Wall Street-Macker raus­ho­len, den Termi­na­tor und das gan­ze Bull­shit-Bin­go toxi­scher Mas­ku­lini­tät? Nein, das wäre ein defi­ni­ti­ver Griff ins Office-Klo. Nur bin ich mir mitt­ler­wei­le nicht mehr sicher, ob uns die viel gepre­dig­te Rund­um-Trans­pa­renz ein­an­der näher, Leben und Arbeit wirk­lich in eine gesun­de Balan­ce gebracht hat. Oder ob wir dem kom­mu­ni­ka­ti­ven Reper­toire unse­rer Eigen­ver­mark­tung bloß neue Tools von A wie Acht­sam­keit bis V wie Ver­wund­bar­keit hin­zu­ge­fügt haben. Ob wir nicht pri­va­te Her­aus­for­de­run­gen und psy­chi­sches Leid bloß – ver­mut­lich unbe­wusst – eben­so stra­te­gisch ein­set­zen wie das Foto vom Team­aus­flug in den Hoch­seil­gar­ten oder die Tas­se Matcha­tee neben der geroll­ten Yoga­mat­te.

Selbst das progressivste Unternehmen ist kein verlässlicher Ersatz für den guten Draht zum Partner, zur Mutti, dem Schulkumpel von einst oder dem Nachbarn.

In einer Fol­ge des herr­lich grüb­le­ri­schen Pod­casts The Ezra Klein Show der New York Times hör­te ich vor weni­gen Tagen Aus­füh­run­gen der Autorin Anne Helen Peter­sen, die mich dem War­um die­ses Phä­no­mens ein Stück näher brach­ten. Die Autorin des neu­en Buches „Out of Office“ sag­te, in mei­nen Wor­ten, dies: Die Pan­de­mie hat vie­len Men­schen, die sich ins Home­of­fice flüch­ten konn­ten, ganz dras­tisch und zum ers­ten Mal gezeigt, dass sie außer­halb ihres Büros und den After-Work-Drinks mit der Abtei­lung qua­si gar kein sozia­les Leben mehr unter­hiel­ten. Ihre Arbeit hat­te sich längst sämt­li­cher mensch­li­cher Bedürf­nis­se bemäch­tigt und die­se mehr oder weni­ger auch erfüllt. Die Schat­ten­sei­te: Sie besa­ßen kei­ne Freun­de mehr, die nicht auch Kol­le­gen oder Geschäfts­part­ner waren, konn­ten sich an kei­ne Par­ty mehr erin­nern, die nicht auch ein Fir­menevent war und fass­ten sel­ten noch Gedan­ken jen­seits geplan­ter Pro­jek­te, wich­ti­ger Pit­ches, Mee­tings und Mes­sen. Die Fol­gen, wo nun all das durch Covid-19 über Nacht aus­fiel, waren (und sind!) deut­lich dra­ma­ti­scher, als man es bis­her lesen und hören konn­te.

Und nur logisch, dach­te ich am Schluss ihrer Erläu­te­run­gen, dass man ohne Zögern auf Lin­kedIn mitt­ler­wei­le die meta­pho­ri­sche Hose run­ter­lässt, wenn die Arbeit den größ­ten Teil des Daseins aus­füllt und der Kon­takt zur Work-Fami­lie bes­ser und inten­si­ver ist als zum eige­nen Stamm­baum. Aller­dings mit min­des­tens einem fata­len Unter­schied, den ich oft genug beob­ach­ten konn­te, näm­lich, dass sich nach dem Ver­las­sen einer mäch­ti­gen Com­pa­ny oder Hier­ar­chie-Ebe­ne meist nie­mand die­ser Job-Freun­de mehr groß um die eige­nen Sor­gen, Pro­ble­me oder bloß Ideen küm­mert. Die Erfolgs­ka­ra­wa­ne zieht wei­ter. Dage­gen dürf­te man selbst in der dys­funk­tio­nals­ten Fami­lie in einer Not­la­ge wenigs­tens ein paar Näch­te auf der Couch ergat­tern und ein offe­nes Ohr fin­den kön­nen.

Selbst das pro­gres­sivs­te Unter­neh­men ist kein ver­läss­li­cher Ersatz für den guten Draht zum Part­ner, zu Mut­ti, dem Schul­kum­pel von einst oder dem Nach­barn. Und viel­leicht, nur viel­leicht, sind vie­le Offen­ba­run­gen auf Lin­kedIn oder Tik­Tok auch in deren Kreis deut­lich bes­ser auf­ge­ho­ben. Oder?