Luxury Germany Quality Cool

LVMH-Gründer Bernard Arnault reiht Birkenstock in seine Markensammlung ein. Warum gibt es hierzulande eigentlich keinen vergleichbaren Hafen für Highend-Marken, fragt sich Siems Luckwaldt. Und gründet mal eben seinen eigenen, natürlich fiktiven Konzern.
Siems Luck­waldt

Ein­fach mal grö­ßer den­ken, hat­te uns der Mann von der Ham­bur­ger Spar­kas­se damals in Gemein­schafts­kun­de ermun­tert, als wir mit Spiel­geld auf den Akti­en­markt los­ge­las­sen wur­den. Mei­nem Leh­rer muss rasch klar gewe­sen sein, dass ich zwar gut kopf­rech­nen und ein­kau­fen konn­te, von Ver­mö­gens­pla­nung aber unge­fähr so viel ver­stand wie der Pau­ker von einem stil­vol­len Out­fit. In mein Port­fo­lio wan­der­te alles, was ich aus Wer­bung und Shop­ping Malls kann­te: Jil San­der, Wel­la, McDonald’s und Adi­das. Die Per­for­mance mei­nes Invest­ments? So ver­hee­rend wie ein Blan­ko­scheck an Ber­nie Madoff.

Gut, gemes­sen an Phä­no­me­nen wie Kryp­to­wäh­run­gen, Wire­card und Game­s­top klingt das wie eine Anek­do­te aus einem Land vor unse­rer Zeit. Und doch muss­te ich genau an die­se Unter­richts­ein­heit den­ken, als ich von Bir­ken­stock las. Jetzt düsen also die Hips­ter-San­da­len (und Matrat­zen und Kos­me­tik­pro­duk­te) aus Linz am Rhein bald als Satel­li­ten durch das Luxus­uni­ver­sum von Ber­nard Arnault. Nehmt das, ihr Öko- und Jesus­lat­schen-Spöt­ter! Sicher­lich, noch sind die kul­ti­gen Bir­ken­stocks Licht­jah­re von leuch­ten­den Pla­ne­ten wie Lou­is Vuit­ton, Moët & Chan­don oder Dior ent­fernt. Ledig­lich ein­ge­tra­gen in die Ster­nen­kar­te, über die der eng mit dem LVMH-Boss ver­bun­de­ne US-Finanz­in­ves­tor L Cat­ter­ton wacht. Bei dem Namen muss ich übri­gens jedes Mal an einen Zei­chen­trick-Detek­tiv mit karier­ter Schirm­müt­ze den­ken. Egal.

Für mich ist die­se Mel­dung zwei­er­lei: Ers­tens ein rie­si­ges ‚Dau­men hoch‘ für das visio­nä­re Manage­ment die­ser über 200 Jah­re alten Mar­ke. Bei Bir­ken­stock hat man längst über die engen Gren­zen des Kork-Fuß­betts hin­aus­ge­dacht und sei­ne iko­ni­sche Mar­ke cle­ver für Impact-star­ke Desi­gner­pro­jek­te und inhalt­lich ver­wand­te Well­ness-Pro­duk­te genutzt. So pro­fes­sio­nell und vor­aus­schau­end, dass das Unter­neh­men kol­por­tier­te 4 Mil­li­ar­den Euro wert sein soll. Wow.

Zwei­tens kam mir sofort jenes sorg­lo­se Bör­sen­spiel aus Tee­nieta­gen wie­der in den Sinn, als wir ohne Sche­re im Kopf unser Depot mit Lieb­lings­mar­ken füll­ten. Auf 2021 über­tra­gen fra­ge ich mich nun: War­um kam in den letz­ten Jahr­zehn­ten in Deutsch­land nie­mand auf die Idee, es den LVMHs, den Riche­monts, den Kerings und ande­ren Kura­to­ren glanz­vol­ler Mai­sons nach­zu­ma­chen? Von der JAB Hol­ding abge­se­hen, die hat es mit Labe­lux immer­hin, wenn auch erfolg­los ver­sucht und ist heu­te mit Coty (passt), Pane­ra Bread (äh) und Ber­gen von Kaf­fee eher breit auf­ge­stellt. Wo ist der ernst­haf­te Ansatz, Mar­ken unter­schied­li­cher Dis­zi­pli­nen unter einem Dach zu ver­ei­nen, das auf den Säu­len eines gemein­sa­men Wer­te­ver­ständ­nis­ses und hand­werk­li­cher Exzel­lenz steht? Statt­des­sen sehen wir dabei zu, wie auch der letz­te Dia­mant aus Deutsch­land von sol­ven­ten Bewun­de­rern aus Frank­reich, der Schweiz, Ita­li­en oder Chi­na in einer Hol­ding gefasst wurde.

Ist es nicht langsam an der Zeit, dass wir in hiesigen Markenlegenden endlich ebenso viel Potenzial sehen wie die Global Player, die sie liebend gern in ihre jeweiligen Luxusfamilien aufnehmen?

Ich bin natür­lich weder ein Busi­ness-Guru noch ein Ana­lyst. Wenn ich mich mit Geld aus­ken­nen wür­de, wäre ich wohl kaum Jour­na­list gewor­den. Als sol­cher erlau­be ich mir das Gedan­ken­spiel, mal kurz einen deut­schen Luxus­kon­zern zu schmie­den. Auf­ge­teilt in ähn­li­che Kate­go­rien wie LVMH und bestückt mit meis­ter­haf­ten Ver­tre­tern von hier, salopp gesagt.

Wie nen­nen wir das Gan­ze? Rasch ein paar Begrif­fe in einen Online-Gene­ra­tor getippt: „luxu­ry Ger­ma­ny qua­li­ty cool“. Muss rei­chen. Nach diver­sen Stil­blü­ten spuckt das Ora­kel die Let­tern „GOODSD“ aus, mit einem ange­häng­ten D für – genau – Deutsch­land. Ja, das klingt jetzt etwas nüch­tern, doch wie lei­den­schaft­lich reißt uns bit­te der Neo­lo­gis­mus Kering mit? Und Arcan­dor war zwar defi­ni­tiv mär­chen­haft, die Bilan­zen nur lei­der auch. Lang­wei­lig ist manch­mal die soli­de­re Wahl. Not­falls muss ein Claim wie „Ger­man Wer­tig­keit“ oder so den Charme unse­res neu­en Glo­bal Play­ers auf­pep­pen. Rasch noch ein Logo gebas­telt, den abs­trak­ten Edel­stein oben­drauf konn­te ich mir nicht ver­knei­fen, und die URL-Lage gecheckt. Ja, wird wohl 1000 Euro kos­ten, sich goodsd.com anzueignen.

Dann beginnt der span­nends­te Teil, näm­lich das hem­mungs­lo­se Ein­sor­tie­ren tol­ler Brands in unse­ren Kon­zern-Bau­kas­ten. Man­che Mar­ke steht wohl lei­der nicht mehr zur Ver­fü­gung, dar­un­ter Jil San­der, Rimo­wa, Puma oder A.Lange & Söh­ne. Aber viel­leicht könn­ten ja Doro­thee Schu­ma­cher, Aigner, Roeckl, Allu­de und Edu­ard Dress­ler oder Bald­essa­ri­ni die Mode­s­par­te berei­chern. Und Nomos, Sinn und Wel­len­dorff Uhren & Schmuck. Und Babor und Mäu­rer & Wirtz das Duft-Seg­ment. Und was ist mit Käfer, Mar­kus Moli­tor, The Duke Gin und Slyrs Whis­ky für die Genuss-Unit? Oder Meis­sen, Schramm, Bur­mes­ter, Lei­ca, Schramm und Graf von Faber-Castell?

Kei­ne Ahnung, aber man darf sol­che Hirn­ge­spins­te mal durch­spie­len, fin­de ich. Denn ist es nicht lang­sam an der Zeit, dass wir in hie­si­gen Mar­ken­le­gen­den end­lich eben­so viel Poten­zi­al sehen wie die Glo­bal Play­er, die sie lie­bend gern in ihre jewei­li­gen Luxus­fa­mi­li­en aufnehmen?

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