Designers for Tomorrow

Die Welt steckt in der Krise, die Mode auch. Sie ist ein Spiegel ihrer Zeit. Um zu überleben, muss sie sich anpassen. Wieder einmal. Die Frage ist: Wie? Nach welchen Werten? Und mit welchen Designern? Barbara Markert versucht sich an einer Antwort.
Bar­ba­ra Markert

Obwohl ich sagen wür­de, dass ich in der Mode auf dem Lau­fen­den bin, muss ich bei man­chen Luxus­mar­ken zuerst mal das Inter­net befra­gen: Wer designt da gleich noch mal? Desi­gner­wech­sel bei bekann­ten Mode­häu­sern waren frü­her ein gro­ßes Ding, aber sind heu­te irgend­wie gang und gäbe. Lan­ge „Berufs-Ehen“ à la Karl Lager­feld mit Fen­di und Cha­nel – das war ein­mal. Vie­le der neu­en Krea­tiv­di­rek­to­ren sind Ende 20, Anfang 30, kom­men aus der Street­we­ar-Sze­ne wie Mat­thew W. Wil­liams (ganz neu bei Given­chy) oder haben einen der renom­mier­ten Prei­se (ANDAM, LVMH etc.) gewon­nen, wie Rus­he­my Bot­ter und Lisi Her­re­brugh (ziem­lich neu bei Nina Ric­ci), die beim Hyè­res Fes­ti­val sieg­ten. Man­che wie Dani­el Lee (seit 2018 bei Bot­te­ga Vene­ta) haben sich über Jah­re hin­weg bei ande­ren wich­ti­gen Mai­sons nach oben gear­bei­tet. Die Aus­wahl­kri­te­ri­en vari­ie­ren je nach­dem, was das Mode­haus künf­tig vor­hat. Meis­tens jedoch geht es um Verjüngung.

Umso mehr ließ mich eine Per­so­na­lie auf­hor­chen, die kurz vor Weih­nach­ten in der all­ge­mei­nen Covid-Lock­down-Dis­kus­si­on bei­na­he unter­ging: Gabrie­la Hearst über­nimmt bei Chloé. Hearst ent­spricht kei­nem der der­zeit gän­gi­gen und oben auf­ge­führ­ten Aus­wahl­kri­te­ri­en. Die Desi­gne­rin aus Uru­gu­ay ist 43, hat noch kei­nen Preis gewon­nen und kennt kei­nes der gro­ßen Häu­ser von Innen, son­dern steht für Nach­hal­tig­keit. Sie bevor­zugt Natur­stof­fe und sie möch­te Klei­der desi­gnen, die „Frau­en bis ans Ende ihrer Tage tra­gen kön­nen“. Bei ihrem 2015 gegrün­de­ten eige­nen Label sol­len in spä­tes­tens zwei Jah­ren 80% ihrer Kol­lek­ti­on aus recy­cel­ten Mate­ria­li­en bestehen. Das ist ein ambi­tio­nier­tes Ziel.

Hearsts Stil ist ele­gant, schlicht, zeit­los. Also nicht unbe­dingt das, was man von Chloé kennt. Auch ist das Pari­ser Haus nicht gera­de für sei­ne Nach­hal­tig­keit berühmt. Das jedoch soll sich jetzt ändern. Chloé-CEO Ric­car­do Bel­li­ni emp­fing sei­ne neue Krea­tiv­di­rek­to­rin mit fol­gen­den Wor­ten: „Wir tei­len die Über­zeu­gung, dass es unse­re Pflicht ist, aktiv an einer öko-ver­ant­wort­li­chen Zukunft mit­zu­wir­ken und Chloé zu neu­en Höhen zu füh­ren.“ Hört, hört! Ist das nun Green­wa­shing? Nein, weil Gabrie­la Hearst authen­tisch die­se  – für Chloé neue  – Aus­rich­tung ver­kör­pert. Genau des­halb ist die­se Per­so­na­lie auch so span­nend. Sie passt in unse­re Zeit.

Wir ste­cken der­zeit in einer Kri­se, wie wir sie seit dem zwei­ten Welt­krieg nicht erlebt haben. Unse­re Zukunft scheint unsi­cher und vir­tu­ell. Wir schwan­ken zwi­schen Nost­al­gie und Depres­si­on – auf der Suche nach alten Wer­ten und moder­nen Lösun­gen. Wel­che Art Mode-Desi­gner brau­chen wir für die­se her­aus­for­dern­de Zeit? Für wel­che Wer­te soll­te der­zeit ein/e Kreative/r ste­hen? Mit wel­chen The­men kann man Kun­den über­zeu­gen, in der Post-Pan­de­mie über­haupt noch Mode zu kau­fen? Die wich­tigs­ten Busi­ness-Schlag­wor­te des Jah­res 2020 waren Diver­si­tät und Nach­hal­tig­keit. Bei­de The­men wer­den uns auch die nächs­ten Jah­re noch beschäf­ti­gen. Doch um sie zu bespie­len, braucht es Desi­gner, die sol­che Wer­te authen­tisch vertreten.

Als Kundin achte ich auf Marken-Botschaften. Aber: Den Worten müssen Taten folgen.

Als Kan­di­da­ten für Nach­hal­tig­keit gibt es bereits eini­ge: Stel­la McCart­ney gehört zu den Pio­nie­ren und steht seit mehr als einem Jahr­zehnt mit ihrer vega­nen Aus­rich­tung für einen geleb­ten Wan­del in der Mode. Dass LVMH sie als Bera­te­rin enga­giert hat, war ein schlau­er Zug des Luxus­kon­zerns. Spen­cer Phipps erhielt gera­de eben von der Pit­ti Uomo den „Reda x Sus­tainab­le Style Award“. Zu Recht, denn der Ame­ri­ka­ner hat seit Grün­dung sei­nes Labels Phipps beein­dru­cken­de Kol­lek­tio­nen aus recy­cel­ten Mate­ria­li­en abge­lie­fert. Betha­ny Wil­liams gilt nicht umsonst als einer der wich­tigs­ten Nach­wuchs­de­si­gne­rin­nen, weil sie  – wie auch Shoo­ting-Star Mari­ne Ser­re – ver­sucht, den öko­lo­gi­schen Impakt ihrer Mode so gering wie mög­lich zu hal­ten. Alle drei Jung­de­si­gner sind für mich poten­ti­el­le Kan­di­da­ten für höhe­re Wei­hen in einem gro­ßen Modehaus.

Und in Bezug auf Diver­si­tät? Da fällt einem sofort Vir­gil Abloh, Desi­gner von Off-White und Lou­is Vuit­ton Hom­me, ein. Aber nicht unbe­dingt wegen sei­ner Haut­far­be. Der Bau­in­ge­nieur und Mode-Auto­di­dakt bringt einen inter­dis­zi­pli­nä­ren Ansatz in die Mode, der erfri­schend anders und modern ist. Sei­ne Krea­ti­on ist vor­ur­teils­frei, und mit sei­nen zahl­rei­chen Neben­be­schäf­ti­gun­gen als DJ oder Desi­gner für Ikea oder Mer­ce­des schaut er bestän­dig über die Tel­ler­rand. Auch Balen­cia­ga-Desi­gner und Vete­ments-Grün­der Dem­na Gva­sa­lia, ein Flücht­ling aus Geor­gi­en, der über Russ­land nach Deutsch­land kam und eigent­lich Ban­kier wer­den woll­te, passt in die­ses Sche­ma. Oder Sän­ge­rin und im Neben­job Mode­de­si­gne­rin Rihan­na, die mit ihrer Wäsche­li­nie Sava­ge x Fen­ty seit Jah­ren ein ande­res Kör­per­ver­ständ­nis pro­pa­giert und die Body-Posi­ti­ve-Bewe­gung hof­fä­hig gemacht hat. Zu nen­nen wäre auch Oli­vi­er Rou­st­eign, adop­tiert, mit afri­ka­ni­schen Wur­zeln, der heu­te bei Bal­main bril­liert und sich Musen sucht, die wie er selbst nicht dem kon­ser­va­tiv-gesell­schaft­li­chen Ide­al­bild ent­spre­chen. Er klei­det zum Bei­spiel Yse­ult ein. Die Afro-Fran­zö­sin und Sän­ge­rin the­ma­ti­siert ihre Run­dun­gen in ihren Lie­dern, zeigt sich nackt in Vide­os, bricht Tabus und steht für mehr Diver­si­tät in der Schönheit.

Als Kun­din ach­te ich auf sol­che Geschich­ten und Bot­schaf­ten einer Mar­ke. Sie machen mir ein Label sym­pa­thisch oder bewir­ken, dass ich mich mit ihm iden­ti­fi­zie­ren kann. Damit wie­der­um steigt die Wahr­schein­lich­keit, dass ich vom Fan zum Käu­fer wer­de. Aber ganz nach Goe­the: Den Wor­ten müs­sen Taten fol­gen. Ein unter­neh­me­ri­sches Ver­spre­chen für Diver­si­tät und Nach­hal­tig­keit muss mit kon­kre­tem Enga­ge­ment unter­mau­ert wer­den. So habe ich auch mit einer gewis­sen Genug­tu­ung letz­te Woche die Mail von Chloé gele­sen, die in mei­nem Post­fach auf­popp­te. Sie trägt den Titel: „Für einen posi­ti­ven Wech­sel. Frau­en vor­wärts für eine nach­hal­ti­ge­re Zukunft.“ Dar­un­ter stand detail­lier­ter Vier-Punk­te-Plan mit kon­kre­ten Maß­nah­men, zu was sich Chloé öko­lo­gisch und sozi­al ver­pflich­tet. Genau das woll­te ich lesen und habe ich von Gabrie­la Hearst als neu­er Desi­gne­rin erwartet.

Schlagworte: